Verdis Frühwerk wird nach wie vor sträflich unterschätzt. Das mag einerseits an ihm selbst liegen, weil er ja immer über seine „Galeerenjahre“ (in denen er sehr schnell sehr viele Opern schreiben musste) schimpfte, andererseits auch daran, dass er danach die noch besseren und bis heute populären Publikumsrenner wie „La traviata“, „Rigoletto“, „Il trovatore“ geschrieben hat. „Luisa Miller“, die (nach „I Masnadieri“ und „Giovanna d’Arco“ dritte seiner Schiller-Vertonungen) ist jedenfalls ein besonders schlecht behandeltes Stiefkind unter diesen „Frühlingen“. Wahrscheinlich, weil der Titel nicht so fetzt wie jener der Vorlage: „Kabale und Liebe“. Und natürlich liegt es auch daran, dass die Oper keine Gassenhauer enthält wie „Libiamo!“, „Celeste Aida“, „Di quella pira“ oder „La donna è mobile“.

Verdis Subtilität der Instrumentation
In Wirklichkeit ist diese „Luisa“, wie Dirigent Michele Mariotti zur Premiere der Wiener Staatsoper völlig zu Recht betont, aber bereits ein Meisterwerk. Und nicht umsonst haben sich in den letzten Jahrzehnten Stars wie Monserrat Caballé, Katia Ricciarelli, Luciano Pavarotti und Plácido Domingo dieses Juwels (vor allem bei Konzerten) angenommen. Die Kühnheit beginnt bereits mit der Ouvertüre: Sie besteht nicht wie sonst aus einem Potpourri der gängigsten Arien, sondern ist eher eine von einem „Intrigenmotiv“ getragene Schicksals-Sinfonia. In weiterer Folge überrascht immer wieder die Subtilität der Instrumentation, der Einsatz ungewöhnlicher Solo-Instrumente und die Durchkomponiertheit der Oper an sich, die schon weit in die Zukunft weist. „Luisa Miller“ ist eine von Verdis stilistisch in sich geschlossensten Opern, weit entfernt von jenem unbekömmlichen Mischmasch aus Sphärenklängen und Umtata-Vulgarität in den späteren Werken (die schon Eduard Hanslick sehr bedauert hat).

Bariton George Petean führt den hervorragenden Cast an
Insofern ist es von der – bisher nicht besonders für Raritätenpflege bekannten – derzeitigen Staatsoperndirektion sehr verdienstvoll, dieses Verdische Mauerblümchen auf den Spielplan gesetzt zu haben. Nun hatte die Neuproduktion von „Luisa Miller“ in Wien Premiere. Dirigiert hat der Musikdirektor der Römischen Oper, Michele Mariotti, und ihm stand ein hervorragender Cast zur Verfügung: George Petean als Vater Miller, Nadine Sierra als Luisa Miller, Freddie de Tomaso (Rodolfo), Roberto Tagliavini (Conte Walter), Marko Mimica (Wurm). Den stärksten Eindruck an diesem Abend hinterließ George Petean als Vater Miller (eigentlich sollte die Oper ja nach ihm heißen, denn er ist die zentrale Figur). Sein sicherer Bariton wird immer wärmer und lyrischer, und er ist auch der einzige der Protagonisten, der versteht, dass man in der Oper nicht nur singen, sondern auch schauspielen sollte, und dieses auch versucht.

Maestro Mariotti haucht dem Wiener Staatsopernorchester italienischen Geist ein
Den zweitstärksten Applaus erhielt Nadine Sierra. Nach nicht sehr überzeugenden Anfängen gelingt ihr im letzten Akt – trotz ihrer bekannten mimischen Inexpressivität – eine sehr intensive Rollengestaltung (Höhepunkt: das berührende Duett mit ihrem Vater). Freddie de Tommaso wiederum bewältigt den musikalischen Höhepunkt der Oper, die berühmte Arie „Quando le sere al placido“ (einst ein Cavallo di Battaglia von niemand Geringerem als Luciano Pavarotti) mit großer Innigkeit und scheinbarer Mühelosigkeit. Maestro Mariotti wiederum haucht dem Wiener Staatsopernorchester mit Präzision und Leichtigkeit italienischen Geist ein.

Musikalisches Wunder trifft auf szenisches Desaster
Musikalisch war bei dieser Premiere also alles wunderbar, und die Aufführung muss bei der Live-Übertragung auf Ö1 sehr erfreulich geklungen haben. Für die Zuschauer in der Wiener Staatsoper bestand allerdings das Problem, dass es dazu auch eine Inszenierung gab, die aus völlig unverständlichen Gründen (wo nimmt der scheidende Chefdramaturg Sergio Morabito nur immer diese mitteljungen, mittel- bzw. in diesem Fall völlig unbegabten russischen männlichen „Regisseure“ her ?) einem Herrn namens Philipp Grigorian „anvertraut“ wurde. Grigorian, der bisher in Gießen und Wuppertal „Karriere“ gemacht hat, wäre wohl – zu unser aller Vorteil – auch besser dort geblieben. Denn ein solches Ausmaß an Scheußlichkeiten hat man selbst an der Wiener Staatsoper – wo man in den letzten Jahren an sehr viel Hässliches gewöhnt wurde – noch kaum erlebt.

Keine Chorregie, keine Personenregie, keine Lichtregie
Ein von Grigorian eigenhändig selbst verantwortetes grauenvolles Bühnenbild, die grässlichsten und dümmsten Kostüme (deren Urheberin wir dem Vergessen anheimstellen wollen) seit Menschengedenken, keine Chorregie, keine Personenregie, keine Lichtregie, nix, null, nada, nuller als null. Dafür eine Reihe von sinnlosen und vor allem schlecht inszenierten Einfälle wie: fünf zusätzliche Ballerinen in weiß, rosa, gelb, grün und blau, Rodolfo als Foodora-Rider, Rodolfo im weißen Nachthemd, Rodolfo in einer weißen Plastik-Ritterrüstung, eine Haltestelle der Wiener Linien für Tram, Bus und Nachtbus (also, so schön sind diese Haltestellen wieder auch nicht, dass man eine von ihnen einen ganzen Abend auf die große Bühne der Wiener Staatsoper stellen muss), naturgemäß eine Armee von schwer bewaffneten ICE-Schlägern, eine Sauna, in der es keinen Aufguss gibt, darin zwei Escorts mit Federschmuck, die nicht massieren können, tanzende Tödinnen, einen lebendigen roten Teddybären, Trolleys, Oma-Einkaufswagerln, Rucksäcke und manches mehr. Die Liste wäre endlos fortzusetzen, aber es fehlt die Zeit, der Platz und die Lust dazu. Außerdem will ich mein Karma nicht durch so viel Negativität nachhaltig beschädigen.

Endmülldeponie der sowjetischen Hässlichkeitsästhetik
Hat denn in der Staatsoperndirektion keiner Augen im Kopf? Wie kann man so eine Produktion beauftragen, und wenn sie schon beauftragt ist, abnehmen und auf ein zahlendes opernliebendes Publikum loslassen? Wie kommen wir Wiener, die sogar die russische Besatzung losgeworden sind, dazu, eine solche Endmülldeponie der sowjetischen Hässlichkeitsästhetik vorgesetzt zu bekommen? Das einzig Schöne und Anschaubare an diesem Augenkrebs-Machwerk (man möchte Schmerzensgeld für alle Besucher fordern! Produkthaftung!) waren die zwei nackten Popos der sonst unbegabten Sauna-Escorts und die in ein rotes Teddybär-Kostüm gesteckte kleinwüchsige Darstellerin Andrea Mühlbacher. Ansonsten… Beim Erscheinen von Philipp Grigorian und seiner Mitarbeiter kam es erwartungsgemäß zu einem nahezu einstimmigen Buh-Orkan-Tsunami. Armer Michele Mariotti! Armes wunderbares Sängerensemble! Schade um die verpasste Gelegenheit, „Luisa Miller“ als Meisterwerk durchzusetzen.
Wiener Staatsoper
Verdi: Luisa Miller
Michele Mariotti (Leitung), Philipp Grigorian (Regie), Anna Abalikhina (Choreographie), Roberto Tagliavini (Conte Walter), Freddie de Tommaso (Rodolfo), Daria Sushkova (Federica), Marko Mimica (Wurm), George Petean (Miller), Nadine Sierra (Luisa Miller), Chor der Wiener Staatsoper, Orchester der Wiener Staatsoper
Termintipp
Mo., 16. Februar 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Verdi: Luisa Miller
Roberto Tagliavini (Graf von Walter), Freddie De Tommaso (Rodolfo), Daria Sushkova (Federica), Marko Mimica (Wurm), George Petean (Miller), Nadine Sierra (Luisa), Teresa Sales Rebordão (Laura), Adrian Autard (Ein Bauer), Michele Mariotti (Leitung), Philipp Grigorian (Regie)
Termintipp
Fr., 20. Februar 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Verdi: Luisa Miller
Roberto Tagliavini (Graf von Walter), Freddie De Tommaso (Rodolfo), Daria Sushkova (Federica), Marko Mimica (Wurm), George Petean (Miller), Nadine Sierra (Luisa), Teresa Sales Rebordão (Laura), Adrian Autard (Ein Bauer), Michele Mariotti (Leitung), Philipp Grigorian (Regie)
Termintipp
Mo., 23. Februar 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Verdi: Luisa Miller
Roberto Tagliavini (Graf von Walter), Freddie De Tommaso (Rodolfo), Daria Sushkova (Federica), Marko Mimica (Wurm), George Petean (Miller), Nadine Sierra (Luisa), Teresa Sales Rebordão (Laura), Adrian Autard (Ein Bauer), Michele Mariotti (Leitung), Philipp Grigorian (Regie)
Termintipp
Do., 26. Februar 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Verdi: Luisa Miller
Roberto Tagliavini (Graf von Walter), Freddie De Tommaso (Rodolfo), Daria Sushkova (Federica), Marko Mimica (Wurm), George Petean (Miller), Nadine Sierra (Luisa), Teresa Sales Rebordão (Laura), Adrian Autard (Ein Bauer), Michele Mariotti (Leitung), Philipp Grigorian (Regie)
Termintipp
So., 01. März 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Verdi: Luisa Miller
Roberto Tagliavini (Graf von Walter), Freddie De Tommaso (Rodolfo), Daria Sushkova (Federica), Marko Mimica (Wurm), George Petean (Miller), Nadine Sierra (Luisa), Teresa Sales Rebordão (Laura), Adrian Autard (Ein Bauer), Michele Mariotti (Leitung), Philipp Grigorian (Regie)




