Opern-Kritik: Deutsche Oper Berlin – La Rondine

Puccini, der Frauenversteher

(Berlin, 8.3.2015) Startenor Rolando Villazón inszeniert wieder – und spürt klug dem feinen Humor von Puccinis lyrischer Komödie nach

© Bettina Stöß

Verdi, Wagner, Strauss – jeder brach mindestens einmal aus dem Erfolgskorsett des tragischen Musikdramas aus: Verdi mit dem Falstaff, Wagner mit seinen Meistersingern, Strauss (nicht nur) mit dem Rosenkavalier. Just letzteren nahm sich der reife Puccini zum Vorbild, als er bloß keine Operette, sondern eine echte komische Oper schreiben wollte, „wie Rosenkavalier, aber unterhaltender und organischer”. Mit seiner lyrischen Komödie La Rondine ist aus diesem Plan dann ein entzückendes Stück geworden, das herrlich heiter, walzerselig beschwipst, also durchaus ein wenig operettig beginnt, und dann doch mit einem melancholisch weisen Fragezeichen einer lyrischen Tragödie des bewussten Abschiednehmens der Titelheldin verebbt: Marta, die sich erst von einem reichen Alten hatte aushalten lassen, findet zwar im Latin Lover Ruggero ihre wahre Liebe, entscheidet sich schließlich aber höchst emanzipiert gegen das romantische Spießerideal einer braven Ehe – und für die Freiheit.

Diese Schwalbe will frei fliegen – eine Oper mit modernem Frauenbild und offenem Ende

Die titelgebende Schwalbe ist also in keinen Käfig zu sperren, weder psychologisch noch gattungsspezifisch. Ein leichtfüßiges, süffiges wie wasserklares Werk mit schwerem Inhalt ist das, ein verblüffend kühnes Opern-Ding zwischen den Schubladen von Heiter und Ernst, sicher auch das Musiktheater des Frauenverstehers Puccini, der nach den fragilen Leidensköniginnen der Butterfly und Mimì eine Frauengestalt schuf, der er seinen libertären Ideale einschreiben konnte: Welch ein modernes Vögelchen ist doch diese Rondine – erst gefährlich Verdis vom rechten Anstandsweg abgekommener Traviata nah, sich dann freilich aufschwingend zur Selbstbestimmtheit eines eigenen Lebens, zu der es mal gar keiner tödlichen Entscheidung durch letzte Sprünge ins Wasser oder Feuer bedarf, sondern deren Konsequenzen sich erst in der Zukunft, nach dem letzten ätherischen Ton, erweisen werden. Eine Oper mit offenem Ende.

Puccinis punktgenaue Partitur

In reifer Meisterschaft schuf Puccini für seine Schwalbe eine punktgenaue Partitur, kompositorisch eine seiner besten – verdichtet konzis, selbstironisch sein Lebenswerk zitierend, melodienzaubernd und klangfarbenrauschend wie eh und je, Figurentypen und –Konstellationen (La Bohème lässt des Öfteren grüßen) aufgreifend und befragend, und dann doch entschieden hinter sich lassend.

Doch kein süßliches Operettenleichtgewicht

Die Rezeption der Rondine als süßliches Operettenleichtgewicht verstellte lange den Blick darauf, dass der späte Puccini hier mitten im Ersten Weltkrieg ein meisterliches Opus ersonnen hat, das zwar schwer zu realisieren ist, es aber wert ist, entdeckt zu werden. Die Deutsche Oper, wo Startenor Rolando Villazón als Regisseur eine glückliche Hand hat, beweist jetzt, dass man es versuchen muss.

Die Suche nach der wahren Liebe im falschen Leben

Villazón verlegt die Geschichte stimmig in die 1920er Jahre, ins tanzwütige Ambiente des Cabarets. In Maskenspiel und Rollenspiegelungen, anhand von Zitaten aus Kunst- und Filmgeschichte (Bühne: Johannes Leiacker), inszeniert er mit viel Humor und Feinsinn die Suche nach der wahren Liebe im falschen Leben. In der Figurenzeichnung gehört sein ganzes Herz dem Buffopaar. Alexandra Hutton als quirlige Lisette und Àlvaro Zambrano als Dichter Prunier im zappeligen Chaplin-Villazón-Habitus werden denn auch prompt zu den Publikumslieblingen der Produktion.

Einspringerin Aurelia Florian als Marta (für die schon vielgepriesene Dinara Alieva) bezirzt mit edlen Piani und der feingesponnenen Höhe ihres Filigransoprans, enttäuscht aber mit zu schwachbrüstiger Mittellage und kommt szenisch mit allzu viel Anmut und zu wenig Koketterie rüber – da hätte es schlicht mehr szenische Proben gebraucht, um Villazóns Konzept komplett umzusetzen. Ihrem dann doch sitzen gelassenen Auserwählten Ruggero schenkt Charles Castronovo viel zart schmelzenden Tenor-Charme. Roberto Rizzi Brignoli hat mit dem Orchester der Deutschen Oper vorzüglich gearbeitet, kitzelt die schwärmerische Schönheit wie die verblüffende Modernität der Partitur geschickt heraus.

Deutsche Oper Berlin

Puccini: La Rondine

Ausführende: Roberto Rizzi Brignoli (Leitung), Rolando Villazón (Inszenierung), Johannes Leiacker (Bühne), Brigitte Reiffenstuel (Kostüme), Aurelia Florian, Charles Castronovo, Alexandra Hutton, Àlvaro Zambrano, Orchester und Chor der Deutschen Oper Berlin

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