Opern-Kritik: Deutsche Oper Berlin – Die Sache Makropulos

Zoten, Tod und Langeweile

(Berlin, 19.2.2016) Evelyn Herlitzius triumphiert als 337 Jahre alte Primadonna in Leoš Janáčeks Endspiel

© Bernd Uhlig

Wohin man blickt, die Spielzeit 2015/16 gehört den multiplen Protagonistinnen: In Magdeburg fast zehn Elektras, in Altenburg/Gera zwei Piafs und jetzt an der Deutschen Oper Berlin zum Rollendebüt von Evelyn Herlitzius: Gleich sechs pantomimische Doubles für die Scheinidentitäten der geheimnisvollen Elina Makropulos alias Emilia Marty! Kostümiert sind die jungen Frauen der Statisterie und des Opernballetts der Deutschen Oper Berlin in Outfits von der Habsburger Spätrenaissance bis zu zeitlos gehaltener Gegenwart. Als „personae“ einer sich mit wechselnden Namen durch die Jahrhunderte quälenden Opernvirtuosin, deren Vater ihr Leben auf Befehl Kaiser Rudolfs II. verlängern musste.

Über diese Sache Makropulos, was sich auf das Mittel dazu wie Elina als Objekt des Experiments bezieht, kann man lange räsonieren: Wird dieser phantastische Krimi, der 1922/23 spielt, eine 337-jährige Protagonistin hat und von seit 1827 aufgetürmten Aktenbergen handelt, durch die direkte Darstellung von Details der Vorgeschichte besser verständlich? Der lautstarke Jubel bei der Premiere gibt auch darauf eine klare Antwort und zeugt berechtigt von unerschütterlicher Sympathie des Publikums für das Haus an der Bismarckstraße.

337 Jahre und ganz schön abgebrüht!

„E. M.“ klammert sich an ihren halbwüchsigen Sohn. Dann macht sie wenige Schritte weiter und ein ganzes Jahrhundert später lässig-ladylike wertvolle Zeugenaussagen. Scheinbar für die schwierigen Fakten und Besitzverhältnisse im Erbschaftsprozess „Gregor gegen Prus“, doch im Grunde nur voller Gier nach Verlängerung ihres Lebens. Evelyn Herlitzius begibt sich nach ihrer Elektra mit dieser noch mehr existentialistisch abgedrifteten Partie in die Galerie von deren gerühmten Darstellerinnen (Anja Silja sang die Emilia Marty konkurrenzlos über dreißig Jahre). Jeder Interpretin dieser Ausnahmerolle wird enorm viel abverlangt: Emilia Marty ist eine von der heftig exaltierten Elevin Christa (Jana Kurocová) vergötterte Gesangsikone wie Tosca, eine tickende Zeitbombe wie Salome, eine Männer mit intimer Bravour in den Wahnsinn treibende Gespielin wie Marietta und eine eiskalte Kanaille wie Lulu. Dann erst, wenn der Lack ab ist, akzeptiert die alles und alle Verachtende, die Abgestumpft-Angeödete im byzantinisch-sakral überhöhten Finalhymnus ihre Sterblichkeit.

Evelyn Herlitzius legt von all dem sehr viel in die knappen hundert Minuten Musik. Das fürwahr inkommensurable Rollenporträt setzt sie mit energischen, raumgreifenden, dunklen Sopran-Tönen äußerst wirkungsvoll in Szene. Die Piano-Lyrismen im Labyrinth ihrer tief vergrabenen Verletzlichkeit sind nur eine kleine Hürde nach den Dauerattacken, mit denen sie sich im letzten der drei Akte gegen die Entdeckung ihrer so lange kaschierten Identitätsschwindel wehrt. Das liegt allerdings nicht an Evelyn Herlitzius, sondern an den Pantomimen ihrer Doubles, gegen die sie in Janáčeks Trinklied vom Jammer der Unsterblichkeit ansingen und -spielen muss. Wenn die anderen Emilias, Eugenias und Elisas auf Freud-Liegebänken, die gut in eine Sauna-Landschaft passen, Zettel mit der Rezeptur in sich hineinstopfen, macht das schmunzeln im unpassendsten Moment.

Alptraumartig lächerlich

Janáček stellte hohe Ansprüche an sein Publikum: Es ist schwer, jederzeit der detektivischen Faktenfülle und gleichzeitig mit ebenbürtiger Aufmerksamkeit dem anarchischen Puls dieser Musik zu folgen, deren feinmaschigen Instrumentationsgeflechten, Sprachhebungen und -intonationen. So macht der Regisseur David Hermann nicht erst den Versuch, die satirisch-grotesken Verzerrungen hervorzuheben – immerhin untertitelte Karel Čapek sein von Janáček kurz nach der Uraufführung vertontes Schauspiel „Komödie“.

Christof Hetzer setzt für den „Realzeit-Krimi“ neben einer neutralen Spielfläche mit Analytiker-Flair einen weiteren schartigen Raum, rostrot wie Emilia Martys Robe. Die verlorene Wunschidylle und das Interieur einer gelebten Vergangenheit aus dem vorletzten Jahrhundert. In dieses geht Emilia Marty mit ihrem orthodoxen Vaterunser wieder ein, davor rauschen – wie bereits im Vorspiel – ihre Pseudonyme auf die Initialen E und M in Videoprojektionen vorbei.

Musikalische Milde und matte Männer

Aus dem Orchester kommen lange warme Fluten. Donald Runnicles akzentuiert mehr die panreligiösen Farben der Glagolithischen Messe denn die von Janáček geschärften und Wortsituationen überspitzenden Orchesterkommentare. Das tschechische Sprachidiom auf der Bühne ist gekonnt realisiert, schöpfte allerdings am Premierenabend die Drastik des Werks noch nicht in vollendeter Intensität ab.

Janáček hat in seinem Opernschaffen immer mit dem Tod als „conditio humana“ gerungen. So war für ihn wohl die Komposition der von Emilia Marty mit Häme und Überdruss abgewaffelten Männerbegierden ein hintergründiges Spiel. Noch kaum einem Regisseur ist es allerdings gelungen, in dieser Oper den Aktionismus der „normalen“ Menschen in Gegenüberstellung zum Daseinsüberdruss Emilias als brachiale Posse, die sie ist, zu vergegenwärtigen. Deshalb können sich die Liebhaber und Verfolger nur selten so profiliert schlagen wie die eiskalte Primadonna.

Dabei stehen in Berlin für das vierblättrige Kleeblatt, das Emilia Marty umschwirrt wie Motten das Licht, fürwahr prächtige Sängerdarsteller bereit. Ein Quäntchen mehr und Ladislav Egr hätte noch eine fulminante Bürger-Karikatur auflegen können. Derek Wentons Entsetzen über Emilias Eiseskälte für den Beischlaf-Deal ihrer Hingabe gegen die Sache Makropulos ist eher steril als erschütternd. Insgesamt zeigt die Männer-Entourage etwas von jener Lähmung, von der Emilia schlussendlich mit innerer Bereitschaft in den Tod flüchtet. Einen Kontrast bildet Seth Carico als beherzt-engagiert und sehr jung besetzter Anwalt Kolenatý.

Todesboten einer entzauberten Welt

Ist es symbolische Geste oder Karikatur? In weißen Fräcken geistern Aufräumefrau (Rebecca Raffell) und Theatermaschinist (Andrew Harris) durch den zweiten und dritten Akt wie die Jenseits-Gendarme in Fritz Langs Liliom-Film oder Todesboten für eine entzauberte Welt. Vielleicht sind David Hermann und Christof Hetzer gerade auf die Darstellung eben dieser entzauberten Welt aus, wie Emilia Marty sie sieht – ohne Trost, Freude, Hoffnung und tiefere Bedeutung. Eine Entzauberung, die nur noch durch Verrücktheit gemildert werden kann: Der stimmlich und körperlich gar nicht greisenhafte Robert Gambill juchzt sich in einem Kostüm zwischen „Pierrot lunaire“ und „Rigoletto“ in die schöne Erinnerung an Eugenia Montez, für ihn die immerwährende Beglückung eines ganzen Liebeslebens.

Deutsche Oper Berlin

Janáček: Die Sache Makropulos

Donald Runnicles (Leitung), David Hermann (Inszenierung), Christoph Heizer (Bühne und Kostüme), Ulrich Niepel (Licht), William Spaulding (Chöre), Evelyn Herlitzius (Emilia Marty), Ladislav Elgr (Albert Gregor), Paul Kaufmann (Vitek), Jana Kurocová (Krista), Derek Welton (Baron Jaroslav Prus), Gideon Poppe (Janek), Seth Carico (Doktor Kolenatý), Andrew Harris (Theatermaschinist), Rebecca Raffell (Aufräumefrau), Robert Gambill (Hauk-Šendorf), Orchester, Chor, Statisterie und Opernballett der Deutschen Oper Berlin

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