PORTRÄT BAROCKWERK HAMBURG

Barock around the clock

Das barockwerk hamburg feiert das 300-jährige Jubiläum der Brockes-Passion, und an der Hochschule für Musik und Theater werden Opern von Gluck und Purcell von Regiestudenten inszeniert

PD

Barock around the clock

Damals war Hamburg für die Musik viel wichtiger als heute“, sagt Ira Hochman, Leiterin des barockwerk hamburg. Deshalb feiert sie mit ihrem Ensemble das 300-jährige Jubiläum einer Dichtung, die wie keine andere die Komponisten des frühen 18. Jahrhunderts beflügelt hat: der Passionstext des Hamburger Ratsherrn und Schriftstellers Barthold Heinrich Brockes. Vierzehn Vertonungen des überaus blutrünstigen Textes sind überliefert. Die vier berühmtesten stammen von Komponisten, die in Hamburg gewirkt haben: Georg Friedrich Händel, Reinhard Keiser, Johann Mattheson und Georg Philipp Telemann. Die Kirche war empört über diesen Passionstext, in dem das Leid Jesu und die Selbstmarter des Judas in schonungsloser Grausamkeit dargestellt werden. Kostprobe: „Lasst diese Tat nicht ungerochen, zerreißt mein Fleisch, zerquetscht die Knochen, ihr Larven jener Marterhöhle! “

Die Kirche verbot die Aufführung in Gotteshäusern, doch das Publikum war begeistert. Brockes – damals ein überaus populärer Dichter, dessen fromme Naturlyrik besonders beim weiblichen Geschlecht sehr beliebt war – ließ seine Passion in der Vertonung von Reinhard Keiser 1712 in seinem eigenen Haus uraufführen. Nur wenige Jahre später griffen dann auch Händel, Mattheson und Telemann zur Feder, um die theatralisch-schauerlichen Bilder des Textes in Musik zu fassen.

„Es handelt sich hier um das erste Stück geistlicher Konzertmusik“, sagt Hochman. Das wollte sie bei der Suche nach einem geeigneten Aufführungsort für das Jubiläumskonzert berücksichtigen und wurde bald fündig: Der Lichthof des alten Gebäudes der Staatsbibliothek erinnert mit seinem Nachhall an die Akustik eines Kirchensaals, ist aber kein sakraler Ort. „Außerdem“, erklärt Hochman, „waren alle vier Komponisten vorrangig Opernkomponisten“ und der Lichthof mit seinen Galerien auf mehreren Ebenen komme durch die Möglichkeit der räumlichen Verteilung der Stimmen der Theatralik der Passionen sehr entgegen.

Mit einem Blick aufs Budget stand jedoch von vornherein fest, dass man nicht alle vier Passionen würde aufführen können. Da stieß Hochman auf ein Pasticcio unbekannter Herkunft: eine Art „Best Of“ der vier Passionsvertonungen, zusammengestellt von einem historischen Zeitgenossen. „Ich war froh, dass mir die Geschichte eine Lösung vorschlägt, wie man das Jubiläum feiern kann“, sagt Hochman. Eine Lösung, mit der das barockwerk vielleicht sogar eine Uraufführung realisiert, denn ob dieses Pasticcio jemals aufgeführt wurde, ist unbekannt.

Hochman gründete das aus 15 Instrumentalisten und Sängern bestehende Ensemble im Jahr 2007 überwiegend mit Studenten der Hamburger Hochschule für Musik und Theater. Diese gilt mit ihren Inszenierungen des Studiengangs Musiktheaterregie schon lange als Alster-Oase der Barock-Oper.

Zeitgleich mit der zweiten Aufführung der Brockes-Passion im Lichthof feiert im Forum der Hochschule ein weiteres Barockprojekt Premiere. Auch hier stehen mehrere Werke auf dem Programm, mit denen sich die drei Regiestudenten des sechsten Semesters erstmals auf der großen Bühne ausprobieren. Stephan Krautwald inszeniert Glucks Einakter Le Cinesi, in dem sich vier junge Menschen mit Theaterspielen die Zeit vertreiben. „Sie haben alles in ihrer Villa und sind trotzdem nicht glücklich. Ein Setting wie in einem modernen Film“ – so sieht es der Regisseur. Regisseurin Friederike Blum hat Glucks Orfeo ed Euridice ganz auf die Chorszenen reduziert. Für sie ist dem Barockkomponisten „eine der besten Umsetzungen des antiken Mythos“ gelungen, die für Blum einen „sehr hoffnungsvollen und tröstenden Gedanken“ enthält. Mit Dido and Aeneas bringt Regisseur Benjamin van Bebber eine seiner Lieblingsopern auf die Bühne: „Das Stück fragt nach der Möglichkeit der Selbstbestimmung innerhalb der Gemeinschaft. Die Liebe hat durch die Kommentare des Chores von Anfang an eine politische Dimension.“ Herausgefordert fühlt Bebber sich durch den oft tänzerischen Gestus der Musik: „Da steckt viel Körperlichkeit und eine Aufforderung zum choreografischen Arbeiten drin.“ Die Herausforderung des Besuchers besteht lediglich darin, an zwei Abenden ganz in die Welt barocker Theatralik einzutauchen.

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