30. Todestag von Jacqueline du Pré

Die mit dem Riesenwesen kämpfte

Heute vor 30 Jahren starb die britische Cellistin Jacqueline du Pré. Ihre Musik, allen voran ihre Interpretation des Elgar-Cellokonzerts, ist unvergessen

© Warner Classics

Jacqueline du Pré

Jacqueline du Pré

Für Jacqueline du Pré war es Liebe auf den ersten Ton: Als sie mit vier Jahren das erste Mal in ihrem Leben ein Cello im Radio hörte während sie mit ihrer Schwester Hilary durch die Wohnung tobte, blieb sie abrupt stehen, war auf der Stelle verzaubert. Was für ein Klang! Sofort tat sie ihrer Mutter kund, dass sie genau dieses Instrument spielen wolle. Weder Klavier, Geige, Akkordeon oder Flöte, die in der näheren Verwandtschaft der durchweg musikalischen Familie eine mehr oder minder zentrale Lebensrolle spielten, nein, ein Cello sollte es sein. Als „Jackie“, wie sie zeitlebens von Familie und Freunden genannt werden sollte, dann am Vortag ihres fünften Geburtstags ein ¾-Cello am Fuße ihres Bettes als vorgezogenes Geschenk stehen sah, war es um sie geschehen. Aus Liebe wurde Leidenschaft.

Jacqueline du Pré und Edward Elgar

Zärtlich taufte Jackie ihr Cello „Riesenwesen“ – und stürzte sich voller Elan in ihre musikalische Ausbildung, die sie geradezu spielend in einem phänomenalen Tempo absolvierte. Vom Elternhaus stark gefördert – ihre Mutter komponierte ihr eigens Cello-Lehrstücke – machte das britische Mädchen rasend schnell Fortschritte und stellte schon früh ihre nicht minder begabte ältere Schwester Hilary, die zunächst Klavier und später Flöte spielte, in den Schatten. Schnell machte in Großbritannien die Bezeichnung „Wunderkind“ die Runde. Selbst Cello-Legenden wie Mstislaw Rostropowitsch wusste sie als 14-Jährige zu beeindrucken.

Mit 16 erhielt Jacqueline du Pré ihr erstes Stradivari-Cello, mit dem sie in London fulminant debütierte. Der endgültige Durchbruch gelang ihr dann 1965, als sie im Alter von erst 20 Jahren das Cellokonzert von Edward Elgar unter der Leitung von John Barbirolli, der 1919 als Cellist unter Elgar höchst persönlich im Orchester der Uraufführung gesessen hatte, einspielte. Das Konzert, bei dem sie übrigens inzwischen das legendäre Davidoff-Cello spielte, mit dem sie zeit ihres Lebens hadern und das sie letztlich auch durch Celli von Francesco Goffriller beziehungsweise Sergio Peresson ersetzen sollte, erhielt nicht nur schnell Kultstatus, sondern ist bis heute die Referenzaufnahme schlechthin, da ihre leidenschaftliche und natürliche Interpretation Elgars bis dato unterschätzte Komposition in ein neues Licht setzte und dessen abgründige Melancholie enthüllte.

Höhen und Tiefen eines Ausnahmetalents

Was folgte, war eine Krise. Jacqueline du Pré haderte mit sich und ihrem Instrument, war sich gar nicht mehr so sicher, ob sie überhaupt Cellistin werden wollte. Erst ein Besuch bei Rostropowitsch in Moskau, der sie unter seine Fittiche nahm, brachten ihr Klarheit: Ja, sie war Cellistin. Und so nahm eine außergewöhnliche Karriere ihren Lauf, die zusätzlich noch dadurch befeuert wurde, dass Jacqueline du Pré den Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim nicht nur kennen, sondern auch lieben lernte. Sie konvertierte zum Judentum, 1967 heirateten die beiden in Israel. Fortan hatte die Klassikwelt ein Traumpaar, das zusammen von einem Konzerthöhepunkt zum nächsten durch die Welt reiste.

CD-Cover: Jacqueline du Pré und Daniel Barenboim mit Schumann und Saint-Saëns

Doch Jackies Lebenskerze brannte von beiden Seiten ab. Immer wieder war sie erschöpft, hatte taube Finger und musste mit Gefühlsschwankungen fertig werden. Nach jahrelangen Kämpfen erhielt sie dann 1973 die schockierende Diagnose: multiple Sklerose. Schnell verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand derart, dass sie nicht mehr auftreten und nur noch als Lehrerin arbeiten konnte. Doch auch das musste sie irgendwann aufgeben. Ihr Körper versagte ihr den Dienst. Jacqueline du Pré starb am 19. Oktober 1987 im Alter von nur 42 Jahren.

Posthumer Skandal

Was bleibt, sind aber nicht nur ihre legendären Cello-Einspielungen von Elgar oder Brahms, denn pünktlich zu ihrem zehnten Todestag brachten ihre Geschwister Hilary und Piers du Pré die Biografie „Ein Genie in der Familie“ heraus, das hohe Wellen schlug, weil es allzu intime Einblicke gab und den Mythos des Cellowunders entzauberte. Vor allem Hilarys Enthüllungen schockierten die Fans. So soll Jackie nicht nur bereits als Kind prophezeit haben, dass sie sich als Erwachsene nicht mehr bewegen können würde. Hilary du Pré berichtete auch von einer Vergewaltigung in Moskau – und dass sie und ihr Mann Christopher „Kiffer“ Finzi jahrelang in einer Menage à trois mit Jackie gelebt hätten, bevor diese ihre Diagnose bekam.

1998 folgte dann Anand Tuckers Kinofilm „Hilary und Jackie“, bei dem die Leistung der Musikerin in den Hintergrund gedrängt wurde, damit umso mehr die privaten Abgründe der Jacqueline du Pré gezeigt werden konnten. So lernten die klassikfernen Kinogänger eine vollkommen andere Musikerin kennen. Nämlich eine Frau, die zwischen Genie und Wahnsinn schwankte, unglücklich verheiratet war und dank ihres abgründigen Egoismus’ beinahe die Ehe ihrer Schwester zerstörte.

Eine Jahrhundertcellistin

Doch jetzt, zwanzig Jahre nach dem posthumen Skandal, haben sich die Wellen zum Glück wieder gelegt. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine brillante Musikerin, die mit ihrer Natürlichkeit und Leidenschaft am Cello ebenso zu verzaubern wusste, wie mit ihren tiefgründigen Interpretationen. Jacqueline du Pré war ohne Frage ein musikalisches Ausnahmetalent, das den Vergleich mit Jahrhundert-Cellisten wie Rostropowitsch und Casals bis heute mühelos standhält.

Jacqueline du Pré und Daniel Barenboim spielen Elgars Cellokonzert:

Eine Antwort zu “Die mit dem Riesenwesen kämpfte”

  1. Dietmar Schlager sagt:

    An die Redaktion!

    Bitte um „das sie“ ergänzen: 3. Absatz (oder 2. Absatz unter „Jacqueline du Pré und Edward Elgar“):

    … Das Konzert, bei dem sie übrigens inzwischen das legendäre Davidoff-Cello spielte, mit dem sie zeit ihres Lebens hadern und (…DAS SIE…) letztlich auch durch Celli von Francesco Goffriller beziehungsweise Sergio Peresson ersetzen sollte, …

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