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Porträt Christian Jost

Das große Krabbeln

Christian Jost hat für die Komische Oper eine „abenteuerliche Insektenoper“ geschrieben

vonMichael Horst,

„Außer dem Sujet hat das Ganze eigentlich nichts mit vergleichbaren Formaten der Kinderoper zu tun, da wir alle Register der großen Oper ziehen.“ Mit klaren Worten rückt Christian Jost gleich die Maßstäbe zurecht. Denn auf den ersten Blick könnte man sein neuestes Werk Mikropolis mit dem zauberhaften Untertitel „Die abenteuerliche Insektenoper“ schon für eine Kinderoper halten – zumal auch noch der Zusatz folgt: „Ab 6 Jahren“. Der Komponist selbst geht die Sache respektvoll an: „Es ging mir darum, ein mitreißendes Werk zu schreiben, das in der Lage ist, jung und alt für die Oper zu begeistern.“

Mit diesem Anspruch orientiert sich Christian Jost an großen Vorbildern wie Ravels L’enfant et les sortilèges (Das Kind und die verzauberten Dinge) oder Janáčeks Schlaues Füchslein. Irgendwie lag es da für ihn wohl nahe, mit Mikropolis wieder eine Tiergeschichte auf die Bühne zu bringen, umgeschneidert für das 21. Jahrhundert, sozusagen Multikulti im Reich der Insekten. Da tummeln sich die griechische Stubenfliege Kostas und die türkische Bremse Erdal, es gibt einen Marienkäfer mit chinesischem Migrationshintergrund und eine vom Land in die Großstadt geworfene Grille sowie jede Menge weitere Vielfüßler von der Spinne bis zur Gottesanbeterin, die auf der Suche nach „ihrem“ Mikropolis sind wie seinerzeit die Ameisen nach dem gelobten Insektopia im Trickfilm-Klassiker Antz.

Der Kompositionsauftrag kam von der Komischen Oper, die damit ihre Bemühungen um neue (und junge) Opernbesucher – nach Robin Hood und der Schneekönigin – konsequent fortführt. Der 48jährige sagte unter der Prämisse zu, dass die Handlung ausschließlich unter Insekten spielen sollte. Berührungsängste hatte er nicht: „Als Opernkomponist muss ich mich nicht mehr beweisen; ich konnte in jeder Hinsicht befreit aufspielen.“ In der Tat: Schon mehrfach hat sich Jost auf dem Feld der großen Oper engagiert; zuletzt ist 2009 seine Oper Hamlet, ebenfalls uraufgeführt an der Komischen Oper, von Kritikern zur „Oper des Jahres“ gekürt worden. Also nutzte er seine reiche Bühnen-Erfahrung, um in dem 80minütigen Werk Arien und Ensembles, Rezitative, Sprechgesang und jede Menge jazzige Anklänge miteinander zu verquicken. Der Gottesanbeterin hat er einen besonderen Auftritt auf den spinnenhaften Leib komponiert – „wie Klytämnestra in der Elektra“. Die Stubenfliege, die sich fatalerweise für eine Eintagsfliege hält, darf einen „Eintagsfliegen-Blues“ hinlegen, die Grille Gesine schwelgt einem Chanson gleich in melancholischer Ballade, und die Ameise Annabelle kann mit einem Morgenlied glänzen. Dabei lautet Josts Credo: „Ich habe ein unverkrampftes Verhältnis zur Melodie.“

Zur Seite steht ihm in Mikropolis ein normales Sinfonieorchester mittlerer Größe, leicht angejazzt mit Vibraphon und E-Bass. Josts Rezept bei der Konzeption der Oper, deren Libretto vom viel gefragten Kabarettisten und Autor Michael Frowin stammt: „Ich habe ganz auf das Kind in mir gehört.“ Und als Dirigent seines eigenen Werks hält Christian Jost allemal die Fäden in der Hand, um die Musik in bestmöglicher Weise zur Uraufführung zu bringen.

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