Porträt Marko Nikodijević

Entgrenzende Erfahrungen im Geiste der technoiden Musikkultur

Als Composer in Residence des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin formt der Serbe Marko Nikodijević geometrische Klangstrukturen.

© Aleksandar Stanojevic

Marko Nikodijević

Marko Nikodijević

Marko Nikodijević zitiert gerne den Philosophen Aristoteles: Ein Ganzes ist viel mehr als die Summe seiner Teile. Da denkt er zuerst an viele seiner eigenen Kompositionen. Nikodijević experimentiert gerne mit bereits vorhandener Musik aus verschiedenen Sphären, die niemand zunächst gedanklich miteinander zusammenbringen würde: „Gefundene Objekte“ nennt er das dann. Kunstmusik aus dem Konzertsaal ist das keineswegs immer. Es kann sich um musikethnologische Aufnahmen handeln – etwa traditionelle Grablegungsrituale aus seiner Heimat Serbien, wo Nikodijević vor vierzig Jahren geboren wurde. Es können auch nur kleine akustische Ereignisse sein, die man in der Szene der Neuen Musik heute als „field recordings“ bezeichnet. Es kann dann vorkommen, dass er diese Tonsplitter am elektronischen Sampler in immer wiederkehrenden Schleifen mixt. Auch Motive von Mozart können dabei sein oder ein paar Töne Selbstkomponiertes. Man kann sich schon denken, dass so ein buntes Sammelsurium sich für das Publikum nach viel mehr anhört als nach der Summe seiner Teile: zumal man die Teile in ihren von Computern erstellten Fragmentierungen, Komprimierungen, Dehnungen und Schichtungen der Originalwerke oft nicht mehr identifizieren kann.

Entgrenzung als leitende Idee: Marko Nikodijević

Marko Nikodijević hat nicht nur Affinitäten zur Avantgarde des Konzertsaals oder zu serbischer Traditionsmusik – sondern lässt sich auch von den Klängen des Berliner Clubs Berghain inspirieren. Tief und nachhaltig ist er vom Techno beeinflusst – mit diesem künstlerischen Interesse agiert er oft an jenem Übergang, wo sich fast haptisch greifbare Beats und räumliche, geometrische Strukturen zu berühren scheinen. Entgrenzung: Das scheint eine leitende Idee hinter der Musik von Marko Nikodijević zu sein – eine Idee, die aus der Romantik stammt, aber in die moderne digitale (Musik-)Welt mit ihrem maschinellen, algorithmischen Innenleben übernommen werden kann.

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Vor der alten, ebenfalls der musikalischen Romantik nicht unähnlichen Expressivität scheut Nikodijević nicht zurück, zwischendurch brennt er auf die Arbeit mit einem Sinfonieorchester: „Seit ich 2014 zum ersten Mal mit Vladimir Jurowski in Brüssel und London gearbeitet habe, wollte ich unbedingt ein Werk für ihn schreiben und es mit ihm zur Uraufführung bringen.“ In seinen Werken für Orchester reichert Nikodijević den traditionellen, opulenten Orchesterglanz mit Live-Elektronik an – technische Raffinesse kann dort auf Sentimentalität treffen, die berührt und erschüttert.

Donnerstag, 07.05.2020 20:00 Uhr Philharmonie Berlin

Alina Ibragimova, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Vladimir Jurowski

Nikodijević: cvetić, kućica…/la lugubre gondola − trauermusik nach franz liszt, Hartmann: Concerto funebre für Violine und Streicher, Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 8 c-Moll op. 65

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