Startseite » Porträts » „Wo die Music ihr Vaterland zu haben scheinet“

Spurensuche Georg Philipp Telemann

„Wo die Music ihr Vaterland zu haben scheinet“

Auf den Spuren Georg Philipp Telemanns

vonKlemens Hippel,

So freundlich wie Georg Philipp Telemann hat sich kaum ein anderer Komponist über seine Wirkungsstätte geäußert. 1728 nannte er in der Vorrede zu seinem „getreuen Music-Meister“ Hamburg das „Vaterland“ der Music, wo „die höchsten und ansehnlichsten Personen die Ton-Kunst ihrer Aufmerksamkeit würdigen“. Da war er gerade sieben Jahre an der Elbe zu Hause und sollte noch weitere 39 bleiben, bei nur einem längeren Ausflug in die (damals tatsächlich bedeutendste Musikstadt) Paris.

Kein Wunder, bot Hamburg doch einem Mann wie Telemann ideale Bedingungen: Als Kantor am Johanneum und Musikdirektor der fünf Hauptkirchen war er Chef der gesamten geistlichen Musik der Stadt. Und als Leiter der Oper am Gänsemarkt und des von ihm wiederbelebten Collegium Musicum, das Matthias Weckmann 1660 gegründet hatte, war er auch der wichtigste Protagonist der weltlichen Musik. Zumal er ja auch für die staatstragenden Klänge bei allen Hamburger Festlichkeiten verantwortlich zeichnete, von den Convivien des Rates bis zu den Kapitänsmusiken.

Entsprechend groß war sein Arbeitspensum: Neben der jährlichen Passionsmusik und anderen Oratorien (sein Werkverzeichnis umfasst mehr als 60 dieser mehrstündigen Werke), den sonn- und festtäglichen Kantaten, den Fest- und Begräbnismusiken und der Instrumentalmusik für eigene Konzerte musste Telemann bis 1730 auch noch für seinen Nebenjob als Kapellmeister in Eisenach komponieren. Und an seine ehemalige Wirkungsstätte Frankfurt schickte er regelmäßig Kantaten, um das Frankfurter Bürgerrecht zu behalten – mehr als 1750 Kantaten kamen so bis zum Ende seines Lebens zusammen. Zum Vergleich: Sein Freund Johann Sebastian Bach, der ihn 1714 zum Taufpaten seines Sohnes Carl Philipp Emanuel bestimmte, brachte es nur auf sieben Passionen und Oratorien und gut 200 Kantaten.

Warum Telemann 1721 seinen Posten als Director musices in Frankfurt/Main aufgab und nach Hamburg zog, ist bis heute nicht geklärt. Es war wohl nicht zuletzt die Oper am Gänsemarkt, die den 1681 in Magdeburg geborenen Komponisten zurück an die Elbe lockte. Seinem Faible für die Kirchenmusik („Dieses aber weis wol, daß ich allemahl die Kirchen-Music am meisten werth geschätzet“) hätte er schließlich auch in Frankfurt weiter nachgehen können. Die 1678 gegründete Oper war 1718 schon einmal für einige Zeit geschlossen worden, und von Telemann versprach man sich einen Aufschwung. Schließlich war er bereits im Januar 1721 mit seinem Getreuen Socrates sehr erfolgreich gewesen. Die Rettung der Oper ist ihm zwar nicht gelungen, die musste 1738 endgültig schließen. Umso erfolgreicher waren jedoch Telemanns öffentliche Konzerte, zu denen, wie er 1723 stolz vermeldete, „außer den anwesenden vielen Standes-Personen auch die ersten Männer der Stadt, ja das ganze Raths-Collegium“ erschien.

Schade, dass man Telemann nicht mehr an seiner ursprünglichen Arbeits- und Wohnstätte besuchen kann, dem Johanneum, wo er seinen Dienst am 17. September 1721 antrat. Das wurde bereits vor dem großen Brand 1842 abgerissen. Heute steht hier das Rathaus, und irgendwo hier unter dem Rathausmarkt liegt Telemann auch begraben; der Friedhof von St. Johannis, wo er am 29. Juni 1767, vier Tage nach seinem Tode, zu Grabe getragen wurde, wurde überbaut.

Ziemlich beengt muss sie jedenfalls gewesen sein, seine Wohnung im Johanneum, dem Familienvater mit damals sieben Kindern (in Hamburg kamen noch drei hinzu) wurde dieselbe Wohnung zugewiesen, in der zuvor sein kinderloser Vorgänger Johannes Gerstenbüttel gelebt hatte. Eine Situation, aus der sich der geschäftstüchtige Komponist bald zu befreien vermochte: Als er sich 1722 in Leipzig als Thomaskantor bewarb, begriff der Hamburger Rat gerade noch rechtzeitig, wen man da beinahe in die Provinz verloren hätte, und genehmigte eine Gehaltserhöhung inkl. Mietbeihilfe für eine angemessene Wohnung. Sein Salär konnte sich danach durchaus sehen lassen: Auf 4000 Hamburger Mark belief sich sein garantiertes Jahreseinkommen, das durch zusätzliche Aufträge noch erhöht wurde – mehr verdiente auch der Hamburger Bürgermeister nicht, ein Professor musste gar mit einem Viertel auskommen.

Dass Telemann dennoch zunächst nicht reich wurde, liegt wohl an seiner zweiten Frau: Die erste, die er 1709 noch in Eisenach geheiratet hatte, war im Kindbett gestorben, die zweite, die er 1714 in Frankfurt geheiratet hatte, erwies sich als spielsüchtig – und untreu. Ihre Liaison mit einem schwedischen Offizier war stadtbekannt. 1736 schickte Telemann sie heim nach Frankfurt – sie soll ihm Spielschulden in Höhe von vier Jahresgehältern hinterlassen haben.

Zu hören war die Musik Telemanns seinerzeit in der ganzen Stadt: Von den fünf Hamburger Hauptkirchen über die Kirchen der Vorstädte und die Oper, die verschiedenen Konzertsäle bis zu den musikalischen Lustbarkeiten auf der Binnenalster – wie sein Freund Händel schrieb auch Telemann Wassermusiken für solche Events. Nur Petrus störte gelegentlich den Publikumsandrang: Bei schönem Wetter, so berichtet Telemann in einem Brief, seien „die hiesigen Kirchen etwas leer von Menschen“, weil alle Hamburger auf ihren Gärten vor der Stadt weilten. Zahlreich kamen die Fans dafür in die Konzertsäle: Im Drillhaus sollen zu einer Probe mehr als 2000 Zuhörer erschienen sein. Und damit niemand frieren musste, bekam das 1761 errichtete Konzerthaus Auf dem Kamp sogar eine Heizung.

Alle diese Stätten sowie die Wohnungen Telemanns sind jedoch zerstört. Wer heute in Hamburg auf Telemanns Spuren wandeln will, kann dies nur noch in den wieder aufgebauten Kirchen tun: Im Michel zum Beispiel, dessen Wiedereröffnung 1762 natürlich mit Telemann-Musik stattfand. Man kann an der Alster oder in Uhlenhorst, wo oft seine Freiluft-Musik zu Lustbarkeiten erklang, Telemann-Musik erträumen. Oder man geht in die Peterstraße 39 und klingelt beim Meister höchstpersönlich. Denn hier, in einem prächtigen, 1750 erbauten Bürgerhaus wurde am 7. Mai 2011 das erste und einzige Telemann-Museum der Welt eröffnet. Auf engstem Raum hat man einige originale Handschriften und Kompositionen Telemanns sowie viele Informationen über einen der bedeutendsten Musiker der Stadt versammelt.

Auch interessant

Rezensionen

Newsletter

Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach: frische Klassik!