Reportage TONALi Grand Prix 2014

Klassik macht Schule

concerti begleitet zwei junge Geiger auf dem Weg zu Deutschlands ungewöhnlichstem Musikwettbewerb

© TONALi

Die Finalisten erhoffen sich durch den Wettbewerb einen entscheidenden Schritt auf ihrer Karriereleiter

Die Finalisten erhoffen sich durch den Wettbewerb einen entscheidenden Schritt auf ihrer Karriereleiter

Workshop-Atmosphäre in der Privatuniversität Witten-Herdecke. Zwölf junge Geiger sitzen in Gruppen zusammen, diskutieren lebhaft. Vor ihnen liegen Karten mit Fragen. Was bedeutet für euch kulturelle Bildung? Wie soll das Konzertleben in Zukunft aussehen? Wie begeistert ihr junge Hörer für klassische Musik? Dazu fällt Aylin Amtmann sofort was ein: „Na, das ist wie in der Küche. Am schönsten ist es, wenn alle mitkochen dürfen.“

Vernetzung statt Solonummer, Workshop statt Wettkampf

Aylin ist 20 und studiert im vierten Semester Violine an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. Im März ist für sie ein Traum in Erfüllung gegangen: Sie ist als Stipendiatin bei TONALi dabei, Deutschlands außergewöhnlichstem Musikwettbewerb. Denn hier geht es um weit mehr als Wertungsrunden, Punkteverteilung und perfekte Technik – weshalb die Gründer Amadeus Templeton und Boris Matchin denn auch  gern von einem ganzheitlichen Kulturprojekt sprechen: „TONALi will junge Musiker anregen, das Konzertleben aktiv zu gestalten. Schüler zu Konzertmanagern machen. Nachwuchskomponisten mit Nachwuchsmusikern vernetzen.“ Kurz: Innovative Wege für die Zukunft der klassischen Musik finden.

Der dreitägige Workshop in Witten ist die erste Etappe. „Es ist toll, mit den anderen Stipendiaten mal darüber nachzudenken, wo man als Musiker eigentlich steht und was man mit seinen Konzerten erreichen will“, findet Aylin. „Bei anderen Wettbewerben bleibt jeder Teilnehmer für sich – hier ist alles viel familiärer, man fühlt sich verbunden.“ Klar weiß sie, dass sie im September gegen die anderen Stipendiaten antritt und nur einer den Hauptpreis von 10 000 Euro gewinnen wird, aber daran möchte sie jetzt lieber nicht denken. „Erst mal stehen die Schulkonzerte an.“

Auch dafür bereiten sich die Stipendiaten beim Workshop vor. Unter der konstruktiven Kritik von Pianist und Coach Helge Antoni haben sie 15 Minuten Zeit, ein Stück zu spielen und darüber zu erzählen. Aylin hat sich daheim vorbereitet und bunte Bilder ausgedruckt: Schulimpressionen – Schüler in Gruppen, allein im Klassenzimmer, auf dem Pausenhof. Dazu musiziert sie die Gavotte aus Bachs E-Dur-Partita. „An einer Stelle klingt es für mich so, als ob die Lehrerin kommt und einem das Handy im Unterricht wegnimmt“, erklärt Aylin und spielt die Takte. Die anderen Stipendiaten lachen. 

Für die Vorkonzerte werden Schüler zu Veranstaltern 

Durch die Gänge der Nelson-Mandela-Schule in Hamburg dringt lautes Sprachengewirr, Jugendliche unterschiedlicher Kulturen, Religionen und sozialer Hintergründe lernen hier gemeinsam. Eine kleine Gruppe hat sich in einem Klassenraum versammelt, um sich auf den TONALi TuttiContest vorzubereiten. Ihr Ziel: So viele Mitschüler wie möglich für das große Finalkonzert am 6. September in der Hamburger Laeiszhalle zu begeistern. Damit das gelingt, gibt vorab einer der TONALi-Stipendiaten in ihrer Schule ein Konzert. Seit kurzem wissen die Schüler, wer es ist: Leonard Fu aus Neumünster, 17-jähriger Jungstudent an der Hamburger Musikhochschule. Und die Schüler sollen sein Konzert organisieren.

Die 14-jährige Nuha kann es kaum erwarten: „Leonard ist ja ein großes Talent, und es ist was Besonderes, dass wir ihn unterstützen können, seinen Traum zu erfüllen.“ Mit Mitschülern und Lehrerin überlegt sie, was sie für gute Konzertwerbung brauchen: Plakate soll es geben. Aufrufe in Klassenzimmern. Und eine Durchsage im Schulradio – Leonard soll ja nicht vor leeren Stuhlreihen spielen. 

Verrückte Ideen? Bei TONALi scheint nichts unmöglich 

Für Templeton und Matchin ist der TuttiContest das Herzstück. „Über einen jungen Menschen an die Klassik herangeführt zu werden, das ist ein ganz persönlicher und tiefgehender Weg.“ Das Interesse der Schulen am TuttiContest sei mittlerweile so groß, dass es Wartelisten gäbe. In ihrem kleinen Hamburger Büro ist die kreative Atmosphäre des vierköpfigen TONALi-Teams „greifbar“: Regale mit eingerollten Plakaten, Büchern, Broschüren, Ordnern und DVDs ragen bis unter die Decke. Inmitten des Raums steht ein großer Tisch, alle arbeiten dort zusammen, konzentriert über ihre Laptops gebeugt. Vor der Tür stapeln sich pink besprühte Obstkisten für ein Flashmob-Konzert. „Das machen wir mit unserem dreirädrigen Gemüsefahrzeug, dem kleinsten Konzertsaal der Welt“, erklärt Templeton enthusiastisch. „Der Cellist Konstantin Bruns fährt damit durch Hamburg und spielt auf der Straße drei Konzerte. Die Leute können sich auf die Obstkisten setzen und zuhören.“ Bei TONALi-Konzerten ist eben kein Gedanke zu verrückt.

Es ist soweit, Leonard Fu kommt für sein Konzert in die Nelson-Mandela-Schule. Mit dabei seine Schwester als Klavierbegleiterin. In der Aula haben die Schüler rund ums Klavier Stühle gestellt – Nuha und ihre Freunde mussten extra noch einige vom Hausmeister holen, damit sie für alle Schüler reichen. Zur Begrüßung hat sich Leonard etwas Besonderes einfallen lassen: Als er auf die Bühne kommt, streicht er eine türkische Melodie, die die Schüler sofort wiedererkennen – das Eis ist gebrochen. „Was hört ihr denn gern für Musik?“, fragt er. Und die Schüler erwidern: „Kannst du auch Musik aus einem Film spielen?“

Leonards lockere Art und sein kleines Konzert kommen prima an. „Er war so gut, ich glaube schon, dass er ins Finale kommt“, ist Nuha überzeugt. Am Ende scharen sich die Schüler um ihn, schwenken TONALi-Postkarten: Jeder will ein Autogramm. Eine persönliche Verbindung, die langfristig bestehen bleiben soll. Denn auch nach dem Wettbewerb wird Leonard „seine“ Schüler wiedersehen, beim zwölf.orte-Festival in Hamburg, noch einer der zahlreichen innovativen Ideen. Schülermanager organisieren für die Patenmusiker und ein junges Klassikpublikum ein Konzert, in Kooperation mit zwölf Stadtteilkulturzentren.

Am Ende siegt nur einer – doch alle haben gewonnen

Doch jetzt ist erst einmal Sommer. Für die zwölf Stipendiaten bedeutet das: Üben, üben, üben – in Kürze beginnt die erste Vorrunde des Wettbewerbs. Während draußen die Sonne die Berliner in Scharen an den Badesee treibt, steht Aylin in der Musikhochschule und geht ihre Stellen durch. Soloprogramm, Kammermusik und ein modernes Pflichtwerk von Martin Sadowski, Preisträger des letztjährigen TONALi-Kompositionswettbewerbs. „Ein wirklich kniffliges Stück. Ich hab mich schon zwischendurch mal gefragt, was ich mir da wieder aufgehalst habe, ob das alles wirklich sein muss“, gibt Aylin zu. Natürlich würde sie gern unter die ersten Drei kommen und im Finale mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen spielen. Aber schon in Witten hat sie gesehen: Alle Teilnehmer haben ein unglaublich hohes Niveau. 

Auch Leonard zählt die Tage bis zum Start der Finalwoche am 1. September. „Das Gute ist: Die Wettbewerbswoche ist nicht das Ende von TONALi. Selbst wenn ich den Hauptpreis nicht bekomme, geht es trotzdem weiter. Ich denke, irgendwie sind alle Stipendiaten schon jetzt Gewinner.“

Hintergrund

TONALi Grand Prix

TONALi ist Instrumentalwettbewerb, Musikvermittlung und Jugendarbeit in einem. Seit 2010 in Hamburg ausgetragen, lädt das Kulturprojekt jährlich 12.000 Kinder und Jugendliche ein zu seiner ungewöhn-lichen Form der Klassik-vermittlung. Unter der Ehrenpräsidentschaft Christoph Eschenbachs vergibt TONALi Deutschlands höchstdotierten Klassik-Nachwuchspreis für talentierte Jung-Solisten zwischen 16 und 21 Jahren mit Wohnsitz in Deutschland – im jährlichen Wechsel für Klavier, Violine und Violoncello. Eine prominente Fachjury wählt bundesweit zwölf Top-Talente aus, die sich in der Finalwoche auf verschiedenen Gebieten beweisen müssen. Höhepunkt ist das Finalkonzert mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen in der Hamburger Laeiszhalle.

CD-Tipp

Ciao Cello
Dokumentation über den
TONALi Grand Prix 2012

Hannes Treiber (Regie)
Produktion Palms Fiction
D 2013, 74 Min

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