Buchtipp: Alessandro Baricco – Novecento

Zauberhafter Mikrokosmos

Im letzten Teil unserer Literaturserie stechen wir mit Alessandro Bariccos „Novecento“ in hohe See.

© Eleonora Marangoni

Alessandro Baricco

Alessandro Baricco

Novecento ist der größte Pianist seiner Zeit – das findet nicht nur Trompeter Tim Tooney, der von seinem besten Freund erzählt: Im Januar 1900 wird Novecento an Bord des Passagierschiffes Virginian entdeckt – in einem Pappkarton auf dem Klavier des Ballsaals der ersten Klasse. Der Matrose Danny Boodman nimmt sich seiner an. Der Junge entwickelt sich zu einem Klaviervirtuosen, der die Passagiere auf den Meeren zwischen Europa und Amerika mit seinem Spiel verzaubert. So erlangt er Weltruhm, obwohl er das Schiff nie verlässt.

Die Virginian ist Novecentos Welt, die Musik sein Leben. Wenn er abends in der Luxusklasse zum Ragtime aufspielt, zähmt ihn der Bandleader mit den Worten: „Bitte Novecento, nur die normalen Noten, okay?“. Unten in der dritten Klasse bei den „armen Schluckern“ darf er seine „eigenen“ Noten spielen.

Einem Walzer gleich dreht sich sein Leben im Kreis mit den großen Häfen der Alten und Neuen Welt als Koordinaten. Der Ragtime spiegelt seine innere Zerrissenheit wider: zwischen der Sehnsucht nach einem Leben an Land und der Furcht vor der damit verbundenen Fülle der Möglichkeiten. Als die Virginian verschrottet werden soll, muss sich Novecento dem Konflikt stellen.

In „Novecento“ spielt die Musik eine Hauptrolle

Seinen Monolog stellt der italienische Schriftsteller Alessandro Baricco sich idealer Weise als Bühnenstück oder laut gelesene Erzählung vor. Dem fiktiven Erzähler Tooney legt er eine naive und poetische, aber auch derbe Sprache in den Mund. Schon allein die Schilderung eines absurden und höchst komischen Klavier-Duells lohnt die Lektüre.

Die sinnlich und bildstark beschriebene Musik spielt eine Hauptrolle in diesem schmalen Büchlein. Sie lädt zum Tanzen ein, unterhält, tröstet, berührt, dient Novecento als Ausdrucksmittel, wird zum Soundtrack der Handlung. Die scheint ihrerseits von musikalischen Verläufen inspiriert, lebt von schnellen Stimmungswechseln zwischen Dur und Moll, piano und forte, drängenden Passagen und sanften Intermezzi. Baricco entführt die Leser in einen zauberhaften Mikrokosmos – herzerwärmend und herzzerreißend zugleich.

CD-Tipp

Novecento
Alessandro Baricco
Atlantik, 2018

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