Deutsche Orchesterkultur: Dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung

Die Stimmen unserer Zeit

Dreißig Jahre danach: die deutsche Orchesterkultur im Licht des Einheitsjubiläums.

© Steffen Rasche / nBS

Kultur in der Natur: Amphitheater der „neuen Bühne“ am Senftenberger See.

Kultur in der Natur: Amphitheater der „neuen Bühne“ am Senftenberger See.

Senftenberg hat mit dem Kleckern aufgehört und klotzt jetzt als „staatlich anerkannter Erholungsort“ mit seinem beeindruckenden Stadthafen, der historischen Altstadt und der „neuen Bühne“, die 2005 zum „Theater des Jahres“ gewählt wurde. Dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung hat sich das südbrandenburgische Städtchen vom hässlichen Kohle­entlein zum Wassersportschwan gemausert. Die „Lausitzer Seenplatte“ ist in Wirklichkeit eine Ansammlung gefluteter Tagebaue, und wer heute ohne den historisch informierten Blick durch Senftenberg flaniert, ahnt kaum noch etwas von der Bergbautradition vergangener Zeiten.

Dass hier, wo heute knapp 24 000 Einwohner und damit ein Viertel weniger als in den Achtzigerjahren leben, zu DDR-Zeiten auch mal zwei Orchester vornehmlich für die Unterhaltung und Bildung der Bergarbeiter existierten, mag man kaum glauben. Aber es dürfte exemplarisch sein für den einstigen kulturellen Reichtum auf dem flachen Land abseits der großen kulturellen Zentren. „Die Volksbühnenbewegung der Fünfzigerjahre, das Anrechtssystem der Volkseigenen Betriebe oder auch die ‚Stunden der Musik‘ bis in die kleinsten Dörfer hinein waren Ausdruck des Anspruchs, Kultur für alle anzubieten ohne sozialen Dünkel“, bilanziert Musikwissenschaftler Eckart Kröplin. „Dieser Reichtum war einerseits begründet in der einst sehr kultur­affinen aristokratischen Kleinstaaterei auf gesamtdeutschem Boden, andererseits gab es aber auch zahlreiche Neugründungen. So entstanden allein in den DDR-Bezirken zwanzig neue ‚Staatliche Sinfonieorchester‘ in kleineren Städten.“

Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung (DOV), beschäftigt sich seit Anfang der Neunzigerjahre mit der deutschen Musiklandschaft, speziell im Osten. „1992 hatten wir in ganz Deutschland 168 Berufs­orchester, heute sind es noch 129.“ Dabei sind kleinere Ensembles der Theater oder die winzigen, aber zahlreichen Unterhaltungsorchester gar nicht mehr mitgezählt. „Nach dem Zusammenbruch der DDR hatte das große Kultur­sterben, das ja bei weitem nicht nur die Orchester betraf, ganz verschiedene Ursachen: Wesentlich war dabei die Umstrukturierung der Verwaltung. War im Westen die Kulturfinanzierung Sache der Länder und Kommunen, hatte sie sich in der DDR vor allem auf die Bezirke und Kreise gestützt.“ Allein durch die Auflösung der sechzehn Bezirke und die anschließenden Kreis- und Gebietsreformen, so Mertens, hätten die neuen Verwaltungen „alles Mögliche im Blick“ gehabt, vor allem den wirtschaftlichen und sozialen Wandel, „aber nicht die Kultur“.

Zurückhaltung bei der Kulturnutzung 
und der Kulturerhaltung

Hinzu kam nicht nur, dass 1994 die Übergangsfinanzierung des Bundes auslief, die sich auf Artikel 35 des Einigungsvertrages bezog, nach dem „die kulturelle Substanz keinen Schaden nehmen“ solle – und das, obwohl ihr Wert gleich im ersten Absatz als „eine Grundlage der fortbestehenden Einheit der deutschen Nation“ anerkannt worden war. Zur gleichen Zeit erlangten in Ostdeutschland auch die westdeutschen Abfindungs­regelungen des „Tarifvertrages für Kulturorchester“ (TVK) Gültigkeit, so dass noch kurz vorher eine große Schließungswelle übers Land schwappte, um den hohen Zahlungen zu entgehen.

„Das nicht minder große Problem war zudem der Nachfragerückgang, weil betriebseigene Anrechtssysteme zusammengebrochen waren und viele Menschen aufgrund ihrer persönlichen Alltagssorgen eher zurückhaltend bei der Kultur­nutzung waren“, so Mertens. „Je stärker ein Standort von Industrie geprägt war, die dann abgewickelt wurde, desto problematischer war es dann.“ Als etwa der Chemnitzer Uranbergbau Wismut pleiteging, starb auch das quasi werkseigene Sinfonieorchester.

© Kurt-Joachim Lagler

Erholung für die Kumpels unter Tage: Orchester der IG Wismut
Erholung für die Kumpels unter Tage: Orchester der IG Wismut

Mag sich auch im Osten inzwischen ein bürgerliches Kulturverständnis wieder etabliert haben – die Bergleute, Sekretärinnen oder Bauarbeiter sind gleichwohl nur noch sehr vereinzelt in den Veranstaltungen der Hochkultur anzutreffen, wo sie vorher Abonnenten gewesen waren. „Ich kann mich noch gut an unsere Paten­brigade des Reichsbahnausbesserungswerks (RAW) Dresden erinnern“, sagt Jörg-Peter Weig­le, damals Leiter des Rundfunkchores Leipzig, heute Chef­dirigent des Brandenburgischen Staatsorchesters in Frankfurt (Oder). „Wo immer wir damals auftauchten: Das RAW war schon da, und wir sind über die Jahre Freunde geworden.“ Heute ist das RAW genauso Geschichte wie sein Kartenkontingent. Die Breitenkultur für alle ist tot. „Dafür haben wir nun eine überreiche privatisierte Kulturlandschaft: Laienchöre und Festivals sind wie Pilze aus dem Boden geschossen“, sagt Weigle. Auch Wolfgang Hentrich kann sich kaum zurückhalten vor Begeisterung über seine „Deutsche Streicherphilharmonie“, die aus dem DDR-Musikschul­orchester von 1973 hervorging und nun gesamtdeutsch gefördert wird – dazumal initiiert von Familien­ministerin Angela Merkel. „Die Jugendorchesterszene ist groß und leistungsfähig wie nie!“

Östliches Sparmodell als verhängnisvolles Vorbild

Man kann es schon fast als ein Wunder bezeichnen, dass trotz aller Schließungen, Trägerwechseln oder ­Privatisierungen so viele Kulturinstitutionen übrig blieben, weil Publikum und Politik ihnen die Treue hielten und sogar weitere Fusionen wie zuletzt im nordöstlichen Mecklenburg nach Bürgerprotesten verhinderten. Zugleich setzte ebenso in den alten Bundesländern ein Strukturwandel ein, und manches östliche Sparmodell dürfte auch hier Pate gestanden haben für die Verknappung des kulturellen Lebens, etwa in Marl, in Südwestfalen, oder zuletzt bei den Sinfonieorchestern der südwestlichen Rundfunkanstalten sowie – ganz aktuell – in der Diskussion um den NDR Chor. Im stetig klammen Berlin wurden nacheinander das Metropol-Theater, die RIAS Big Band und das Theater des Westens geschlossen.

© Georg Tedeschi

Protest gegen die Sparpläne des Senders: NDR Chor
Protest gegen die Sparpläne des Senders: NDR Chor

Für umso wichtiger hält es Gerald Mertens gerade in Corona-Zeiten, auf Seiten der Kulturinstitutionen Marketing und Education-Programme weiter auszubauen, die die kulturelle Schulbildung ersetzen. „Hier gibt es strukturelle Defizite, gerade im Osten.“ Auch wenn inzwischen eine Konsolidierung eingesetzt hat, wieder neue Stellen besetzt wurden und man erst mal keine Angst mehr haben muss, dass wieder irgendwo etwas zur Disposition steht: „Ohne eine auch ­inhaltliche Erneuerung werden wir Schwierigkeiten haben, die einmalige Kulturstruktur in Deutschland dauerhaft zu legitimieren“, sagt Ekkehard Klemm, der die mehrfach fusionierte Elbland Philharmonie Sachsen auf dem platten Land westlich von Dresden leitet. Entsprechend stark setzt er sich für Aufführungen Neuer Musik ein, oft genug im Gegensatz zur dramaturgischen Einöde großer Häuser – ein häufiges Phänomen auch anderswo in Deutschland. „Denn“, fragt Klemm, „was gibt es Wichtigeres, als auf die Stimmen unserer Zeit zu hören?“

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