Die deutsche Orgellandschaft als kulturelles Erbe

Der musikalische Mittelpunkt des Dorfes

Mit 50.000 Orgeln hat Deutschland die höchste Instrumentendichte weltweit – seit 2017 gehört dieser Reichtum zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Doch es braucht gerade auf dem Land nicht nur Enthusiasmus, um die Denkmäler zu retten und zu schützen – das musikalische Leben ist genauso einmalig. Eine Spurensuche an der musikalischen Basis.

© Jörg Blobelt/Wikimedia Commons

Die Röder-Orgel in der Stadtkirche St. Marien in Wesenberg

Die Röder-Orgel in der Stadtkirche St. Marien in Wesenberg

Es war dieser Bäckermeister aus Wesenberg, an den sich Peter Kopp, seit 2017 Rektor der Hallenser Kirchenmusikhochschule, noch heute erinnert: „Mit 14 Jahren kam ich im Urlaub an dieser Kirche vorbei und dachte: was für eine großartige Orgel!“ Leider war sie stark beschädigt und wurde nur gelegentlich von Paul Schäffer gespielt, der um die Ecke Brötchen verkaufte und bereitwillig Mittagspause machte, um sie dem Knaben vorzuführen. „Manchmal, sagte er, säße er abends einfach nur da und lauschte den paar Tönen nach, die das Instrument noch hervorbrachte, aber diese wenigen hätten einen solchen Zauber, dass es sein größter Herzenswunsch sei, die Orgel einst wieder in ihrer ganzen Pracht zu spielen.“ Diese Geschichte berührt Kopp noch heute, denn sie hat auch ein bittersüßes Ende: 1994 konnte die Sanierung des wertvollen Instruments von Johann Michael Röder, das 1717 ursprünglich für die Dorotheenstädtische Kirche in Berlin gebaut worden war, wirklich beginnen. Aber ihre Weihe sechs Jahre später erlebte Paul Schäffer nicht mehr – das Lebenswerk des Laienmusikers wurde zum klingenden Vermächtnis.

Eine Historisch wertvolle Orgellandschaft

Mit etwa 50.000 „Königinnen der Instrumente“ hat Deutschland die höchste Orgeldichte – ein einzigartiger Reichtum weltweit. Während im Osten viele Instrumente wie in Wesenberg erst nach der Wende restauriert werden konnten oder aus Geldknappheit nicht mehr zu retten waren, wehte im Wirtschaftswunderland des Westens in den 50er Jahren mancherorts der Geist fragwürdiger Erneuerung: Zugunsten einer „Neobarockisierung“ verschwanden hier viele große Kunstwerke der Romantik oder wurden gen Osteuropa verkauft. Längst hat sich der Begriff der Denkmalwürde gewandelt, und so gibt es heute hierzulande noch immer über 400 Orgelbaubetriebe, die sich Neubauten ebenso widmen wie aufwändige Restaurierungen übernehmen. Nicht umsonst wurden Orgelbau und -musik in Deutschland 2017 in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Spezialisten aus Übersee reisen dafür in die kleinsten Nester, um diese Kleinodien selbst zu erleben. Im Südwesten, Norden und vor allem in der Mitte des Landes gibt es eine unglaublich reiche, historisch wertvolle Orgellandschaft, deren Geschichte bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann und mit zahllosen berühmten Namen von Arp Schnitger bis Gottfried Silbermann verbunden ist.

Die Orgel als Identifikationspunkt für jeden

Doch abseits der Dome und wichtigen Stadtkirchen mit ihren berühmten Instrumenten, denen große Aufmerksamkeit und intensive Pflege zuteilwird, sieht es auf dem platten Land häufig sehr viel anders aus. Dörfliche Kleinode wie das in Wesenberg würden jämmerlich verkümmern, wenn es nicht solche Enthusiasten gäbe wie eben jenen Bäckermeister in Wesenberg oder Fördervereine, in denen sich nicht nur Christen versammeln, rührige Pastoren und Kantoren, die um ihr wertvollstes Inventar kämpfen, das die Orgel nach dem Gebäude meistens ist. „Es muss jemand vor Ort für das Projekt brennen, dann können wir Unterstützung geben“, sagt Christoph Zimmermann, Orgelsachverständiger der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Beispiele für solches Engagement gibt es überall in Deutschland, aber sie verblassen nur allzu oft hinter dem wechselhaften Image der Kirchen. „Dabei ist die Orgel der musikalische Mittelpunkt der Dörfer, ein Identifikationspunkt auch für Nichtchristen“, sagt Peter Kopp. „Aber gerade hier braucht es auch Musiker, die sie beleben!“

© David Nuglisch

Peter Kopp

Peter Kopp

Deren Ausbildungssystem in Deutschland ist ebenfalls weltweit einmalig: Anders als etwa in Westeuropa werden hier Multitalente auch für kleinere Gemeinden ausgebildet. Kopps Hallenser Kirchenmusikhochschule wird als eine von sechs durch die evangelischen Landeskirchen getragen, bei den Katholiken sind es zwei. Dazu kommen 17 kirchenmusikalische Institute an staatlichen Hochschulen. „Aber die etwa 360 Studienplätze für die Hauptamtlichen reichen bei weitem nicht aus, um den Mangel auszugleichen, der demnächst trotz Zusammenlegungen durch die anstehende Rentenwelle entsteht“, sagt Kopp. Viele Stellen sind schon jetzt teilweise jahrelang unbesetzt, die Gemeinden bewerben sich inzwischen bei den Absolventen und nicht umgekehrt. Es werden schlicht zu wenige Kirchenmusiker ausgebildet, denn das Curriculum ist wegen des notwendigen Einzelunterrichts extrem teuer. Dabei erwägen die in Sparzwänge geratenen Landeskirchen, ihre Hochschulen zu verkleinern, zu fusionieren oder gar ganz zu schließen. „Das würde aber die Schrumpfung der Gemeinden noch beschleunigen, weil die Musik ja das kulturelle Zentrum ist, wo die Menschen noch zusammenkommen“, sagt Sachsens Landeskirchenmusikdirektor Markus Leidenberger.

Ein Amt für Philanthropen

Schon lange geht es daher nicht ohne nebenamtliche Kantoren und Organisten. Im Schnitt kommen bei den Protestanten auf eine hauptamtliche Stelle etwa vier Teilzeitkantoren oder ehrenamtliche Organisten, die allsonntäglich in den Gottesdiensten spielen, bei den Katholiken noch mehr. „Die machen das nicht zum Geldverdienen, sondern aus Spaß, um etwas für ihre Gemeinden zu tun“, meint Kopp. Und gerade die Nebenamtlichen leisten besonders an der kulturellen Peripherie Wertvolles: Sie bieten nicht nur Konzerte an, sondern übernehmen auch wesentliche Aufgaben, aus denen sich die staatliche Bildungspolitik zurückgezogen hat. Die Kirchlein mit ihren Orgeln, Posaunen- oder Kinderchören sind oft die letzten Orte, an denen eine musikalische Grundausbildung überhaupt noch stattfindet, die gern auch Nichtchristen wahrnehmen. Denn nicht erst seit Corona bleibt vielerorts der staatliche Musikunterricht ein Sorgenkind, auch wenn der pädagogische Wert von Musikerziehung unter Wissenschaftlern längst unumstritten ist.

Neben dem denkmalpflegerischen Wert der Instrumente und den Initiativen zu ihrer Sanierung gilt es daher auch den Wert der kulturellen Arbeiter zu würdigen, die sie vor Ort beleben. Denn nirgendwo sonst auf der Welt wird der musikalische Reichtum in der Fläche so gut gepflegt wie in Deutschland. Das Berufsbild des Kantors hat sich dabei längst zum Allrounder gewandelt, der zwischen Bach-Oratorium und Gospel zu Hause sein und nebenher viel organisieren muss. Nach Feierabend kommen hier verschiedene Generationen zusammen, die außerhalb ihrer Familien vermutlich nie aufeinandertreffen würden – ein Amt für Philanthropen. Autonom darüber entscheiden, welche Musik sie machen, dürfen die meisten Kantoren auch. Und natürlich: Berühmte Orgeln spielen, wann immer sie wollen. Wie einst Bäckermeister Paul Schäffer in Wesenberg.

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