Ein neues, rekonstruiertes Passionsoratorium von Johann Sebastian Bach, die Erstaufführung jetzt in der Alten Oper Frankfurt – das ist schon ein Paukenschlag, den der Cembalist und Musikforscher Alexander Grychtolik da ankündigt. Grundlage seiner Vervollständigung ist ein Textbuch aus der Hand des Librettisten Picander, 1725 gedruckt und, so die These, für den Karfreitag des gleichen Jahres von Bach in Musik gesetzt. In einem YouTube-Video erläutert Grychtolik, warum erst jetzt die Zeit gekommen ist, einen bislang unbekannten Bach zu identifizieren: „Erst seit wenigen Jahren weiß man mehr über die Zusammenarbeit zwischen Bach und seinem Librettisten und kann so jetzt die Quellen besser bewerten und tatsächlich zu dem Schluss kommen, dass es sich hierbei um ein fragmentarisch überliefertes Passionswerk Bachs handelt.“
Und mehr noch: Der Cembalist sieht sogar musikalisch ein ganz neues Fenster in die Bachbeurteilung hinein und das, obwohl ja keine einzige Note wirklich erhalten ist. „Es gibt einen großen ästhetischen Unterschied zwischen diesem Passionswerk und den erhaltenen Passionen Bachs, eben der „Johannes-“ und der „Matthäus-Passion“. Dieses Passionsoratorium soll die menschliche Anteilnahme des Zuhörers erwecken. Für ein Passionsoratorium dieser Zeit ist das typisch – für Bachs Schaffen aber ein ganz neuer Aspekt. Und den möchten wir mit diesem Projekt besonders hervorheben und aufarbeiten.“
Eher Gedankenmodell als Rekonstruktion: das Passionsoratorium
Ein jedenfalls interessanter Gedanke: Wie könnte Bach den mit „Erbauliche Gedanken auf den Grünen Donnerstag und Charfreitag ueber den Leidenden Jesum“ überschriebenen Picander-Text vertont haben? Sechs Stücke daraus verwendete er später in seiner „Matthäus-Passion“, das ist sicher. Aber ob er 1725 überhaupt vor hatte, ein neues Oratorium zu schreiben, wird von den meisten Bachforschern bezweifelt oder negiert. 1725 führte er in Leipzig mit ziemlicher Sicherheit die Zweitfassung seiner „Johannes-Passion“ auf, für ein weiteres Werk wäre da gar kein Raum gewesen. Alexander Grychtoliks Vervollständigung eines angeblichen Fragments dürfte also mehr Gedankenmodell als Rekonstruktion sein. Es spielt das belgische Ensemble Il Gardellino, es singen junge Vokalisten der Barockszene.
Di., 09. Juni 2026 10:00 Uhr
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