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Reise-Tipp: Brandenburgische Sommerkonzerte

Fettstulle mit Musik

Die Brandenburgischen Sommerkonzerte vereinen als echtes Flächenfestival Musik mit vermeintlich anachronistischen Idealen.

vonChristian Schmidt,

Erst die Fremde lehre uns, was wir an der Heimat besäßen, schrieb Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Mit seiner so liebevollen wie spottlosen Heimatbetrachtung war der Neuruppiner Apothekersohn ein Vordenker der Brandenburgischen Sommerkonzerte: Jetset war gestern, die Schönheit liegt vor der Haustür. Für stress- und lärmgeplagte Städter kann es nichts Besseres geben, als „im Jrünen“ hochkarätige Konzerte in sonst nahezu vergessenen Gegenden zu erleben, kulinarischen Genüssen aus der Dorfgemeinde zu frönen und sich über besondere Begegnungen mit ihren Protagonisten zu freuen.

Bevor ein Ton erklungen ist, erschließen Dorfführungen, beschauliche Kremser oder tuckernde Kutter die Konzertorte auf diese magische langsame Art, die den Zauber des Festivals ausmacht. In alte Hangars, verträumte Schlossparks, verschlafene Landgüter und trutzige Backsteinkirchen passt kein Tütü, kein Champagnerempfang mit Küsschen hier und Abendkleid dort. Hier erlebt man erstklassige Musik, vor allem aber ehrliche Menschen, Fettstullen und Kuchen von der Kirchgemeinde mit „Kaffe“ aus zusammengesuchten Blümchentassen. Was nach Brandenburg lockt, ist Aufrichtigkeit.

Brandenburgische Sommerkonzerte suchen seit 32 Saisons das Schöne in der Einfachheit

Schon Fontane warb dafür, sich einzulassen auf die Anmut des Unspektakulären und eine ­Region ernst zu nehmen, die gerade in ihrer Bescheidenheit Reize von nachgerade therapeutischer Wirkung entwickelte. Seit 32 Saisons kultivieren die ohne öffentliche Fördermittel finanzierten Brandenburgischen Sommerkonzerte dieses Streben nach unauffälligen Eckchen, die Suche nach dem Schönen in der Einfachheit. Ihre Expeditionen sind beliebter denn je.

Zwar gibt es abseits der bekannten architektonischen Kleinode in Brandenburg keine Spuren einer kulturellen Weltmacht. Dass im sandigen Feldfruchtland historisch ein Hort der Kunst und Literatur schlummere, kann niemand ernsthaft behaupten. Ganz musenbefreit war sie aber nie: Engagierte Kantoren und Musiklehrer, kulturaffine Provinzfürsten und Literaten belebten die immer schon dünn besiedelte karge Landschaft mit Kultur, rangen der stillen Schönheit ihre Reize ab und spiegelten sie wider.

Genau hierher entführen die „Klassiker auf Landpartie“. Das Attribut der Brandenburgischen Sommerkonzerte ist nicht abwertend gemeint: Es ist der Kern eines echten Flächenfestivals, das Musik mit vermeintlich anachronistischen Idealen vereint und deswegen einzigartig ist in der deutschen Kulturlandschaft.

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