Bruckner: Sinfonie Nr. 2 c-Moll WAB 102

(UA Wien 1873)

Hohe, leise Streichersextolen als vorgeschaltetes Medium, „ziemlich schnell“ und wie elektrisch pulsierend: sollen hier Herztöne aufgezeichnet werden? Das Hauptthema in den Violoncelli – enge Intervalle, exaltierte Lage – setzt ein wie ein Stöhnen, steigert sich zuckend, die Violinen reißen es an sich und zwingen es in die Tiefe, wo es nach insgesamt 24 Takten heftig kadenziert. In Erinnerung bleibt ein tanzendes Trompetensignal, das wie ein Sonnenstrahl durch Wolken leuchtet ...

Ein wahnsinniger Anfang – ist es der Anfang von Wahnsinn? Bruckner befand sich in einer Krise – seine musikalischen Gesichte drängten nach Gestaltung, gleichzeitig stand er den Fragen seines Lebens hilflos gegenüber.

Zweiter Anlauf des Themas aus tiefer Lage. Gegenstimmen werden laut. Gerade will die Sonne durchbrechen (das Trompetensignal), da schaltet sich das Medium ab; die nur noch leerlaufende Bewegung pendelt aus und verstummt in einer großen Pause – die Wiener Philharmoniker lachten. Bruckner aber hatte das Urmodell seiner „Stirb und werde“-Übergänge gefunden: In jeder folgenden Symphonie wird es verwandelt wiederkehren.

Die Zweite ist unruhig und unausgeglichen. Vom Spätwerk her gesehen ist zu bewundern, wie Bruckner schon hier dem eigenen Stil auf der Spur war. Seine Zeitgenossen, die das Ziel seines Weges nicht kannten, schüttelten den Kopf. Immerhin saß der spätere Gewandhauskapellmeister Arthur Nikisch als Geiger im Orchester und merkte sich den Namen Bruckner.

Das Seitenthema ist entspannt und liebevoll – aber zu kurz! Das dritte Thema (die Schlussgruppe) ist schon typisch in seinem strengen Ostinato – aber zu lang! Das unmerkliche Hinüberschwingen in die Durchführung war schon in der ersten Symphonie gelungen.

Das Adagio beginnt mit einer bewegenden Geste über warmen Harmonien – jedoch ein ganzes Thema wird nicht daraus. Dafür aber sind die drei Bögen der Barform (AAB) schon klar erkennbar. Ein unwirklich schönes Doppelsolo von Flöte und Geige begräbt wohl einen Traum. Heimlicher Solist des Satzes ist das Horn: Es zaubert im Hintergrund des Seitenthemas und hat das letzte Wort.

Das Scherzo setzt in dunklem c-Moll energisch ein, sein Trio – ein hymnischer Ländler unter ekstatischem Tremolo ist der hellste Moment der Symphonie.

Das Finale beginnt wie auf der Flucht. Die kreisende Figur der (zweiten) Violinen ist nichts anderes als das verflüssigte Thema des ersten Satzes. Das eigentliche Hauptthema tritt erst nach 32 Takten ein und ist kurz und schroff. Das Seitenthema ähnelt dem des ersten Satzes, nun aber erblüht und ausströmend! In der Schlussgruppe, die sich auf das Hauptthema beruft, kehrt auch das tanzende Trompetensignal wieder.

Kurz vor Schluss unterbricht ein Paukendonner den Satz – der Anfang der Symphonie bringt sich traumatisch in Erinnerung. Dann bricht die Sonne endgültig durch die Wolken: Das ganze Orchester tanzt in C-Dur das Trompetensignal!

(Mathias Husmann)

 

bitte auch aufrufen:

Bruckner: Die Neun Sinfonien / allgemeine Einführung