Sibelius: Sinfonie Nr. 4 a-Moll op. 63

(UA Helsinki 1911)

Im November 1907 dirigierte Gustav Mahler in Helsinki. Auf Spaziergängen mit Sibelius stritten beide über das Wesen der Sinfonie. Mahler forderte, eine Sinfonie müsse „wie die Welt sein und alles umfassen“, Sibelius forderte, eine Sinfonie müsse „strenge innere Logik zeigen“. Vielleicht entschloss sich Sibelius schon damals, ein Werk zu schaffen, um das nichts, absolut nichts von einem Circus sein sollte. Nach einer Halsoperation, für die er mit seiner Frau nach Berlin reiste (es bestand Krebsverdacht) musste er eine schwere Krise überwinden. Im Frühjahr 1910 war er bereit: „Ich erlebte so erhabene Augenblicke der Schaffensqual wie nie zuvor.“ Die Vierte trägt die Widmungsadresse An Eero Järnefeldt. Sibelius’ Schwager war ein bedeutender expressionistischer Maler. Vielleicht ist die Sinfonie eine kompositorische Antwort auf Fragen, die Eero gestellt hatte.

Tempo molto moderato, quasi Adagio – ein dunkel glühender Klangklumpen (Fagotte und Bässe in Fortissimo, mit Dämpfer), wie zufällig aus dem All gefallen – fing so die Welt an, Eero? Der Klang erkaltet, eine gleichförmige Pendelbewegung entsteht. Ein tiefes Cellosolo kriecht über den Grund – sind wir nicht immer noch Nomaden, Eero? Gewaltige Blechbläsersequenzen wie sich auffaltende Gebirge, darüber eine strahlende Streicherpassage wie der erste Frühling – was ist Schönheit, Eero?

Man kann die Vierte auch mit Fachbegriffen beschreiben (Fagotte, Bässe = Hauptmotiv, Cellosolo = erstes Thema, Posaunen = zweites Thema), aber das erklärt nichts. Die hochinspirierte Fantasie des Komponisten, der soeben „seine Moderne“ erfindet, geht in strenger innerer Logik unerklärliche Wege. Die Durchführung führt nichts durch, sie führt durch geheimnisvolle Wildnis. Der lange, melancholisch verklingende Schlusston wird im ...

Allegro molto vivace von der Oboe aufgegriffen und verspricht ein spielerisches Scherzo, aber das Trio ist nur skizziert – so, wie auf Bildern der Expressionisten (Järnefeldt, Munch, Nolde) manche Zonen unausgeführt bleiben, um das Zentrum zu betonen. Die Coda erregt sich an einem Tritonus (dem Zentralintervall der Vierten) und endet mit drei leisen Paukenpunkten ...

Il tempo largo im Nichts. Ohne Thema, ohne Tonart beginnt eine fragende Geste zu improvisieren. Zwischen dem einsamen Vogelflug der Flöte und den raunenden Bässen ist Leere. Allmählich entstehen kleine Tonart-Inseln. Irgendwann steigt aus der Tiefe eine Melodie auf, erst in den Celli, dann in allen Streichern. Beim dritten Anstieg entwickeln sich Harmonien – ein erhabener Augenblick der Schaffensqual. Der lange, melancholisch verklingende Schlusston wird im ...

Allegro zum ersten Ton des beschwingten Hauptthemas. Helle Glockenklänge verbreiten Festtagslaune. Es gibt ein furioses Seitenthema (anfangs Cellosolo) und virtuose, lachende Klarinettenpassagen, aber auch bitonal irritierende und schauerliche Momente – als wenn der Gedankenfaden reißt. Eine dissonant verbissene Steigerung führt zu einem heftigen Ausbruch, der keinen Widerspruch duldet: Nichts, absolut nichts von Circus um sie! Bitterkeit, Ernüchterung und Ratlosigkeit bleiben übrig. Ja, ich lebe noch. Aber ich weiß keine Antwort auf deine Fragen, Eero! Zum Schluss acht a-Moll-Akkorde: nur Streicher, dunkel, dolce, nicht laut, nicht leise, ernst, ohne Tränen, endgültig.

(Mathias Husmann)