Blind gehört Andreas Staier

„Bach ist keine Aufwärmübung“

Der Pianist Andreas Staier hört und kommentiert CDs seiner Kollegen, ohne dass er erfährt, wer spielt

© Josep Molina

Andreas Staier

Andreas Staier

An den modernen Flügel setzt sich Andreas Staier, der in Hannover und Amsterdam Klavier und Cembalo studiert hat, nur selten. Als Spieler historischer Tasteninstrumente gilt der Wahl-Kölner vielen Fachleuten als der beste Interpret für das Repertoire des 17. und 18. Jahrhunderts. Auf dem großen Tisch seines Hauses in Köln, wo wir uns zum CD-Hören treffen, liegen Bücher von Monty Python und über Frank Lloyd Wright, an der Wand lehnt ein Stapel LPs mit Nina Hagen vorne an. „Aufnahmen von Repertoire, das ich selbst spiele, höre ich kaum“, sagt Staier.

 

Bach: Fantasia a-Moll BWV 922
Christophe Rousset (Cembalo) 2009

Aparté

Das ist ein Originalinstrument, oder? Ein Ruckers? Ich finde es teilweise sehr schön. Der Anfang hat mir gut gefallen, dieses freie Einsteigen. Aber die extrem repetitiven Stellen, die dann kommen und die der frühe Bach manchmal schreibt, müsste man meines Erachtens dramaturgisch zusammenfassen. Das vegetiert so ein bisschen vor sich hin, ohne Richtung, ohne Drängen. Diesen Überschwang, diese Ungeduld, die der Bachsche Frühstil hat, finde ich unterbelichtet. Bei dieser langsamen Stelle, die jetzt zu Ende ist, fange ich an, mich zu langweilen. Die Harmoniewechsel sind immer auf dieselbe Art hervorgehoben. Und ich würde die Registriergeräusche herausschneiden. Im Konzert stört das nicht, aber hier schon, weil man sich die Rhetorik der Pausen damit verdirbt… Das ist ein großartiges Stück, aber nicht unproblematisch, weil es so obsessiv ist. Und des Guten zu viel tun auf eine großartige Weise – das ist ja vielleicht Bachs Spezialität. Ich denke, gerade in den frühen Werken braucht man eine bewusstere Regieführung, die das Stück zusammenhält. Ich finde dies im Detail viel schöner gespielt als im großen Ganzen.

 

Bach: Capriccio E-Dur BWV 993
Angela Hewitt (Klavier) 2000

Hyperion

Das ist gut gespielt, aber auf dem modernen Flügel ist man in einem Dilemma: Man hat dynamische Möglichkeiten, ohne die der Flügel uninteressant klingt, die das Stück aber eigentlich nicht fordert. Der Spieler macht es irgendwie gut, aber es bleibt beliebig. Wo er leiser wird, könnte man auch lauter werden – und umgekehrt. Lassen Sie uns nochmal den Anfang hören: Ja, das klingt mir zu sehr nach Scarlatti. Das wäre mein Hauptkritikpunkt: Er oder sie lässt es wie ein Kabinettstück anfangen, und am Schluss gibt es eine virtuose Explosion, von der man nicht weiß, woher sie kommt, weil vorher alles so miniaturhaft war. Ich würde das Stück von vornherein größer anlegen. Auf die Frage, ob man Bach auf dem modernen Flügel spielen kann, gibt es zwei Antworten: Einerseits denke ich, dass Pianisten Bach unbedingt spielen müssen, weil er im 19. Jahrhundert so eminent wurde, wichtiger als Beethoven und Mozart. Ohne ein Bach-Studium kann ein Pianist das Repertoire des 19. Jahrhunderts nicht verstehen. Aber für mich habe ich eine Entscheidung getroffen, die ich, wenn ich das höre, bestätigt finde – und das ist keine Kritik am Spieler, es ist gut phrasiert, es ist logisch, er hat eine schöne Polyphonie. Aber es gibt kein richtiges Leben im falschen. Eine Fuge ist gerade dadurch interessant, dass der ideale Hörer sich die Stimmen heraushören kann und man als Spieler nicht eine Entscheidung in einem Gewebe treffen muss: Wenn ich das eine hervorhebe, fällt das andere hinten runter. Je genauer man sich solche Fugen anschaut, desto wichtiger wird alles. Entschließe ich mich, die Themeneinsätze durch das ganze Stück hervorzuheben zu Ungunsten der Kontrapunkte? Dann wird es uniform. Aber wenn ich dann irgendwann etwas anderes hervorhebe, wird es beliebig. Das ist das Dilemma. Das schönste Bach-Spiel auf dem Klavier, das ich kenne, ist das von Edwin Fischer. Er hat den ganz romantischen Zugang, natürlich intellektuell durchdrungen, für den Bach viel hergibt, sonst wäre er für die romantischen Komponisten nicht so wichtig gewesen. Da klingt Bach nie wie eine Aufwärmübung. Bei den anderen habe ich meist das Gefühl: Nach dem Bach krempeln wir die Ärmel hoch und spielen Liszts h-Moll-Sonate.

 

Rameau: Suite in A aus den Neuen Suiten: Allemande
Tzimon Barto (Klavier) 2005

Ondine

(nach wenigen Tönen) Ist das Tzimon Barto? Die CD habe ich mal bei einer Freundin gehört. Das ist vom Tempo einer Allemande dermaßen weit entfernt… Er ist ein guter Pianist, das hört man sofort. Aber mir klingt es zu sehr nach: Guckt mal, wie leise ich spielen kann und was ich hier für eine Schattierung mache. Und da Rameau kein Vollidiot war, hätte ich nichts dagegen, dahinter auch ein bisschen Rameau zu hören. Ich denke nicht, dass man die künstlerische Freiheit nennenswert dadurch bereichert, dass man ein Stück in Bereiche trägt, wo es einfach nicht hingehört. Es gibt so unendliche viele Möglichkeiten, ein Stück aufzufassen, dass man die Möglichkeiten, die sich in Richtung Absurdität bewegen, nicht unbedingt braucht. Ich kann in diesem Tempo hier die Phrasen nicht mehr zu Ende hören. Und bei dieser kleinen triolischen Kadenz schlägt für mich die Stunde der Wahrheit: Das ist eine Spielfigur, die unterhalb eines bestimmten Tempos einfach nicht mehr funktioniert. Man hat für diese Musik Pendelmaße von verschiedenen Tanzmeistern der Zeit, die sich nicht immer einig sind, aber man sieht eine Tendenz. Wieviel Prozent man nach oben oder unten gehen kann und wo der Faden reißt, das wird jeder Hörer anders empfinden. Aber dieser Standpunkt hier ist nicht meiner.

 

Haydn: Sonate C-Dur Hob XVI: 35
Evgeni Koroliov (Klavier) 2009

Profil Edition Günter Hänssler

 

 

 

Was für ein reizendes Stück! Das ist schön, sehr lebendig! Es ist ein schöner Klang, auch von der Aufnahme her. (2. Satz) Ein Stück klingt dann am schönsten, wenn das Tempo stimmt, ganz banal. Oft spielen moderne Pianisten, wenn sie die nötigen motorischen Fähigkeiten haben, die schnellen Sätzen besser als die langsamen, mit denen kommen sie nicht zurecht. Aber dies hier ist überhaupt nicht leer oder pedantisch. Das ist schön und sehr charmant.

Mozart: Klavierkonzert Nr. 27 B-Dur KV 595
Emil Gilels (Klavier), 
Wiener Philharmoniker,

Karl Böhm (Leitung) 1974

Deutsche Grammophon

Es gibt so viele unterschiedliche Elemente in diesem Tutti, die funktionieren nicht alle genau im gleichen Puls, so wie das hier gemacht wird… Das ist nicht meine Welt. Das macht mich unruhig. (nach vier Minuten) Das war das erste kleine Rubato… Koroliov spielt gestisch, das hier ist metronomisch. Das Verträumte ist mir nicht verträumt genug, das Ungeduldige nicht ungeduldig genug, die verschiedenen Ebenen klingen im Habitus alle gleich, auch das Streichervibrato. Niemand hat vielfältigere erste Sätze geschrieben vom motivischen Vorrat her als Mozart. Und wenn man den Temperaments-unterschieden nicht Rechnung trägt, dann klingt es nur noch schön. Es geht los mit dieser Kantilene, dann kommt dieser Abstieg, dann die Eintrübungen in Moll – wenn man geradlinig darüber hinweggeht, geht viel verloren. Das ist schließlich geschrieben von einem Opernkomponisten, der Regie führt über die Charaktere und die Übergänge! Gilels – tatsächlich? Das war ein großartiger Pianist, aber vielleicht doch eher für ein anderes Repertoire. Und das wenige, was ich von Böhm kenne, hat mich nie wirklich interessiert. Diese Aufnahmen finde ich nicht nostalgisch, sondern nur brav.

 

Brahms: Sonate fis-Moll op. 2
Alexander Melnikov (Bösendorfer-Flügel von 1875) 2010

harmonia mundi

Ein Werk wird mehrdimensional, wenn man gestisch spielt und bestimmte Dinge auch vom Tempo her absetzt. Ich finde es sehr überzeugend. Ich habe mich nie näher mit diesem Stück beschäftigt. (holt die Noten und liest mit) Das ist tolle Musik, aber ich verspüre nicht den Appetit, sie selbst zu spielen. Es stimmt, ich habe zuletzt viel Schubert gespielt, und dann fiel mein Blick auf Schumann. Aber das nächste, was ich aufnehmen werde, ist vermutlich französisches Repertoire des 17. Jahrhunderts, auch neu für mich. Da bin ich mit großer Begeisterung dabei…. Was ist das für ein Flügel? Die älteren modernen Flügel klingen obertonreicher, aber ansonsten ist der Unterschied ja nicht so groß. Cembalo zu spielen ist dann doch was ganz anderes… Mir gefällt es sehr. Das ist Sascha Melnikov? Darauf wäre ich nicht gekommen, obwohl ich mir einbilde, seinen Stil zu kennen, wir spielen ja manchmal Duo zusammen. Ich dachte, er hätte die CD auf einem neuen Flügel aufgenommen, weil es technische Probleme mit dem Bösendorfer gab. Das hat er wirklich gut gemacht! Er wollte mir die CD zuschicken. Ich bin ganz gerührt, dass ich sie jetzt auf diesem Wege kennenlerne.

CD-Tipp

Beethoven: Diabelli-Variationen
Weitere Variationen von Czerny, Kreutzer, Liszt & Schubert u.a.
Andreas Staier (Hammerklavier)
harmonia mundi

Termine

Sonntag, 17.11.2019 11:00 Uhr Die Glocke Bremen

Fundamente

Andreas Staier (Hammerklavier), Bremer Philharmoniker, Václav Luks (Leitung)

Montag, 18.11.2019 19:30 Uhr Die Glocke Bremen

Fundamente

Andreas Staier (Hammerklavier), Bremer Philharmoniker, Václav Luks (Leitung)

Montag, 27.01.2020 20:00 Uhr Konzerthaus Berlin
Sonntag, 23.02.2020 19:45 Uhr Georg-August-Universität Göttingen

Andreas Staier

Aulakonzerte
Sonntag, 15.03.2020 11:00 Uhr Universität Bonn (Aula)

Zeitenwende

Um Elf
Mittwoch, 18.03.2020 19:30 Uhr Residenz München

Andreas Staier

Mozart: Fantasie c-Moll KV 475, Haydn: Klaviersonate Es-Dur Hob. XVI:49 & Variationen f-Moll Hob. XVII:6, Beethoven: Variationen f-Dur op. 34 & Klaviersonate op. 31/1

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