Blickwinkel: Aleksey Igudesman

„Man muss ernsthaft versuchen, psychologisch gesund zu bleiben“

Violinist und Komiker Aleksey Igudesman nimmt die Krise mit Humor. Ein Gespräch über seine Covid-19-Erkrankung, den Stellenwert der Kultur und einen wichtigen Lernprozess beim Publikum.

© Julia Wesely

Aleksey Igudesman

Aleksey Igudesman

Wie geht es Ihnen nach Ihrer Covid-19-Erkrankung?

Aleksey Igudesman: Mir geht es zum Glück inzwischen wieder sehr gut. Aber es hat gedauert. Währenddessen ist mit bewusst geworden, dass es eine wirklich ernstzunehmende Krankheit ist. Es ist nämlich nicht nur eine physische Erkrankung. Die physischen Symptome, auch bei einer milden Erkrankung, sind sehr seltsam und untypisch. Erst geht es einem gut, dann wieder schlechter, auch wenn man kein Fieber hat oder keinen Husten. Ich war extrem ermüdet, hatte Druck auf der Brust und Schwierigkeiten beim Atmen. Worüber wenig gesprochen wird, ist die psychologische Belastung durch die Isolation. Wenn man nachts alleine ist und plötzlich Atemschwierigkeiten bekommt, können Sie sich schon vorstellen, dass man Panik bekommt. Diese Art der Belastung ist extrem. Psychologische Betreuung durch Familie und Freunden ist daher essenziel. Nach meiner Genesung habe ich im Internet recherchiert und mit Ärzten gesprochen, die mir bestätigt haben, dass diese psychologischen Probleme sehr typisch sind. Darüber wird aber eben nicht berichtet.

Gab es etwas, das Ihnen Mut gemacht hat?

Igudesman: In schwierigen Situationen sind es immer drei Faktoren, die mir Mut machen. Ein Punkt dabei ist die Kreativität, in meinem Fall natürlich die Musik. Ich habe an den Tagen, als es mir zwischendurch besser ging, geübt und an neuen Stücken gearbeitet. Das macht mir immer Mut. Ein weiterer Faktor ist der Humor, und am wichtigsten sind natürlich Familie und Freunde.

Mit Ihrer Youtube-Show „Amuse News“ versuchen sie, Trost und Hoffnung in diesen schwierigen Zeiten zu spenden. Erzählen Sie doch mal, wie sie auf die Idee kamen!

Igudesman: Auf die Idee bin ich gekommen, als ich zum x-ten Mal ins Internet geschaut habe und die einschlägigen Musik-Publikationen und Nachrichtenkanäle gesehen habe, gegen die ich generell nichts Schlechtes sagen möchte. Aber jeden Tag lese ich dort entweder Todesmeldungen oder von Konzert- oder Festivalabsagen oder von Schließungen von Kulturinstitutionen. Und da habe ich mir gedacht: Wenn das so weitergeht, kann man sich als Musiker gleich die Kugel geben. Schließlich habe ich beschlossen, dass etwas Lustiges in diesen Zeiten gar nicht verkehrt wäre, weil eben der Humor hilft, schwierige Zeiten zu überstehen. Problematisch ist, dass sich in der Musikwelt alle so ernst nehmen. Und das, obwohl wir doch eigentlich Freude verbreiten. Und eben jenes wollte ich dann in einer Online-Show aufgreifen, in der ich mich einfach über alles und jeden lustig machen kann. Und natürlich freue ich mich sehr, dass Kollegen wie Daniel Hope oder Sean Lennon bereits mit lustigen Interviews mitgemacht haben.

Ist Humor in diesen Zeiten überhaupt angebracht?

Igudesman: Humor ist immer angebracht. Es gibt viele Aussagen von ehemaligen Häftlingen aus Konzentrationslagern, die berichten, dass die Musik und der Humor das Wichtigste für sie war, um ihr Schicksal zu überstehen. Dass sie in Gemeinschaft zusammen lachen konnten, auch über ihre Situation und über sich selbst. Humor ist ein Mittel, auch die schrecklichsten Zeiten durchzustehen. Einerseits sind wir in einer Pandemie, die wirklich gefährlich ist, andererseits dürfen wir nicht vergessen, dass wir – verglichen mit meinem Beispiel aus den Konzentrationslagern – in einer Luxus-Pandemie stecken. Wir haben in den westlichen Ländern das Glück, dass wir eine gute medizinische Betreuung haben und dass es den meisten Menschen verhältnismäßig gut geht. Und dennoch schimpfen die Leute über die Regierungen, die wirklich alles versuchen, um die Menschen vor dem Virus zu schützen. Wenn es wirklich nur um die Wirtschaft ginge, dann würden andere Zustände herrschen. Natürlich improvisieren alle momentan, natürlich weiß keiner genau, was zu tun ist. Aber ich bin davon überzeugt, dass alle versuchen, ihr Bestes zu tun. Jetzt heißt es durchhalten – und zwar mit Humor!

Wie nutzen Sie Ihre Zeit momentan?

Igudesman: Es ist eine Zeit für uns Künstler angebrochen, in der wir das machen können, was wir schon immer einmal geplant hatten. Jetzt zum Beispiel habe ich als Regisseur mit „Breaking Beethoven“ einen Dokumentarfilm gemacht, was vorher niemals gegangen wäre. Anfang des letzten Jahres haben wir mit Igudesman & Joo eine neue Show mit dem Oslo Philharmonic Orchestra gemacht, die den Namen „Beethoven’s Nightmare“ trug. Das war eine Show mit vielen neuen Kompositionen, die von Beethoven inspiriert wurden, mit der wir auch auf Welttournee gehen wollten. Davon ist nichts geschehen. Allerdings haben wir eine Show, die noch stattfand, aufzeichnen lassen. Aus dem Material entstand dann, eingebunden mit zahlreichen Künstlerinterviews, der Film.

Welchen Stellenwert würden Sie der Kultur in der Krise allgemein beimessen? Wie wichtig ist Musik gerade jetzt?

Igudesman: Ich würde den Stellenwert der Kultur als größer denn je bewerten. Es ist paradox. Einerseits wird Kultur online mehr konsumiert als je zuvor, andererseits hat die Kultur so wenig Geld wie nie. Ich bin keiner, der zwischen Hoch- und Popkultur unterscheidet. Für mich sitzen wir da alle in einem Boot. Und gerade jetzt, da alle zuhause sitzen, fragen sich die Leute, was sie tun können. Also schauen sie sich online ein Konzert an oder einen Film. Man konsumiert andauernd Kulturelles, damit man diese Krise übersteht. Als Normalverbraucher vergisst man aber, wie sehr die Kulturszene leidet. Das ist eine interessante Diskrepanz.

Sie setzten sich mit Ihrem Startup „Music Traveler“ für die wirtschaftlich sehr schwer angeschlagenen Künstler ein. Neuerdings ermöglichen Sie Onlinekonzerte, für die die Musiker ein Honorar erhalten.

Igudesman: Genau das ist mein Ansatz: dieser Diskrepanz entgegen zu treten. Eigentlich wurde „Music Traveler“ als App gegründet, um Räume zum Musizieren zu buchen. Jetzt wollen wir mit einer neu integrierten Streamingplattform den Musikern die Möglichkeit geben, ihre Musik im Internet zu verbreiten und vor allem Geld damit zu verdienen, indem die Zuschauer für die Streams zahlen. Je mehr Möglichkeiten wir als Musiker haben, aus der digitalen Welt Wert zu schöpfen, desto besser. Ich glaube zudem, dass es ein Modell mit Zukunft ist, weil in der Zeit nach der Pandemie eine Mischung aus Liveauftritten und digitalen Angeboten anbrechen wird. Die jetzt erreichte Digitalisierung muss für die Zukunft nichts Schlechtes sein. Es birgt einfach viele neue Möglichkeiten kreativ zu werden.

Wie standen Sie denn den kostenlosen Streamingangeboten allgemein gegenüber, die vor allem im ersten Lockdown ja sehr populär wurden?

Igudesman: Es kommt immer auf die Qualität an. Wenn man von Zuhause aus dem Badezimmer einen Stream sendet und dort ein bisschen Geige spielt, ist es nachvollziehbar dafür kein Geld zu verlangen. Aber wenn man mit viel Mühe etwas Kreatives auf die Beine stellt, mit einem guten Sound, tollem Bild und einem spannenden Konzept, finde ich es ganz normal, dafür auch Geld zu verlangen. Nichts anderes ist es mit Livekonzerten. Es gab immer Konzerte, die keinen Eintritt gekostet haben, bei denen die Musiker beispielsweise aus öffentlicher Hand bezahlt wurden.

Muss das Publikum das noch lernen?

Igudesman: Vielleicht. Aber für mich ist es logisch. Service kostet Geld, ganz gleich ob es ein kultureller Service ist oder ein Beratungsangebot. Vielleicht ist es wirklich eine Art Lernprozess beim Publikum. Ich mache mir da aber keine großen Sorgen. Das kommt schon!

Macht die Kultur aus Ihrer Sicht genügend auf die Probleme innerhalb des Kulturbetriebs aufmerksam?

Igudesman: Natürlich kann immer mehr getan werden. Aber es wird momentan auch viel getan. Gerade in Deutschland oder in Österreich. Es gibt auch Länder, in denen Musiker ihren Job aufgeben müssen. Wobei man nicht vergessen darf, dass es hier nicht nur um die Musiker geht. Es geht vom Bühnenbauer, Make-up-Artist, Bühnenbildner, Instrumentenmacher letztlich bis zur Tourismus-Industrie. Der Schaden geht in die Milliarden. Es muss geholfen werden, weil sonst in der Zeit nach Corona ein großes schwarzes Loch entsteht – nicht nur kulturell, auch wirtschaftlich. Von dem seelischen Schaden ganz zu schweigen. Wir sind ja keine Roboter. Wir leben unsere Kultur. Das ist das, was uns als Menschen ausmacht. Und darauf lohnt es sich natürlich aufmerksam zu machen. Stellen Sie sich vor: In der Singapore Times war ein Artikel über irrelevante Jobs, und da stand der Beruf des Musikers ganz oben. Eine schreckliche Einstellung! Da haben wir es hier doch eigentlich noch ganz gut.

Aleksey Igudesmans Youtube-Show „Amuse News“:

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