Blickwinkel: Benjamin Bowman

„Das Management hat wenig Verständnis für die Notlage des Orchesters gezeigt“

Die Corona-Pandemie hat vor allem Orchester in den USA hart getroffen. Unter dem eingestellten Spielbetrieb leidet das Orchester der Metropolitan Opera besonders. Geiger Benjamin Bowman hat deswegen eine Stelle als Elternzeitvertretung beim Stuttgarter Staatsorchester angenommen.

© Bo Huang

Benjamin Bowman

Benjamin Bowman

Herr Bowman, Sie sind gerade von New York nach Stuttgart gezogen. Wie gefällt Ihnen die Stadt?

Benjamin Bowman: Ich genieße den Lebensstil hier. Alles, was man braucht, ist zu Fuß erreichbar. Die Sauberkeit und Ordnung sind wunderbar, die Menschen freundlich und hilfsbereit. Man hat leicht Zugang zu belebten Einkaufsstraßen oder kann die Ruhe und Gelassenheit genießen. Ich war bisher auch auf den Wanderwegen in den Hügeln und hatte dabei einen tollen Blick auf die Stadt.

Sie sind nach Stuttgart gekommen, um im Württembergischen Staatsorchester zu spielen – weshalb?

Bowman: Ich hatte das Glück, letztes Jahr in New York den Dirigenten des Stuttgarter Opernorchesters Cornelius Meister kennenzulernen, als er an der Met zu Besuch war. Kürzlich erfuhr er, dass ich an der Met bis zum Sommer 2021 unbezahlt beurlaubt bin und für diesen Zeitraum nach Stuttgart kommen könnte. Nach Absprache mit seinem Orchester haben sie gemeinsam einen Weg gefunden, um mir die Möglichkeit zu geben, zu ihnen zu kommen.

Wie ist die Situation zwischen dem Orchester der Metropolitan Opera und General Manager Peter Gelb?

Bowman: Leider nicht gut. Das Management hat wenig Verständnis für die Notlage des Orchesters gezeigt und in letzter Zeit darauf bestanden, dass die Orchestermusiker lang anhaltende Gehaltskürzungen hinnehmen müssen. Diese Kürzungen sind aber so stark, dass sie allein mit der Pandemie nicht zu rechtfertigen sind. Das Orchester hat versucht, mit Peter Gelb zu verhandeln, zu argumentieren und seine Situation auf konstruktive Weise zu diskutieren, um seine Integrität zu bewahren. Bis jetzt gab es aber keine konkrete Antwort.  

Können Sie uns etwas über MetOrchestraMusicians.org erzählen?

Bowman: Das ist eine Website, die Fans des Orchesters besuchen können, um den Musikern zu folgen und sie zu unterstützen – unabhängig von der Metropolitan Opera. Das ehrenamtliche Komitee des Orchesters hat sehr hart daran gearbeitet, Wege zu finden, sich zu präsentieren, einen positiven Ausblick zu bewahren und ansprechende Inhalte für das Publikum zu produzieren. Und da die Musiker für diese Bemühungen keine finanziellen Mittel von ihrer Muttergesellschaft erhalten haben, wurde ein einfaches Spendenportal geschaffen. Die Zuwendungen gehen komplett an die Orchestermitglieder und deren Familien als bedarfsorientierte Zuschüsse. Das ist ein wichtiger Unterschied, da es bei Spenden an die Met nicht möglich ist, diese einem bestimmten Zweck oder Nutzen zuzuführen.

Die Met hat in den letzten Monaten viele eigene Fundraising-Aktivitäten durchgeführt, aber die Erlöse daraus sind nicht in nennenswerter Weise an das Orchester zurückgeflossen. Tatsächlich heuert das Management für Veranstaltungen weiterhin externe Musiker an, während das eigene Orchester beurlaubt und unbezahlt bleibt. Die Öffentlichkeit mag sich über die laufenden Aktivitäten der Met freuen, doch könnte sie überrascht sein, wenn sie auf dieser Detailebene von der nüchternen Natur der aktuellen Engagements erfährt, zumal diese Arbeitsweise eine andere Zukunft für diese Institution vorhersagen könnte als erwartet. 

War es einfach, während der Pandemie einen neuen Job zu finden?

Bowman: Nein! Im Moment werden kaum musikalische Jobs angeboten. Die meisten Organisationen, zumindest in Nordamerika, stemmen sich durch diesen Albtraum und hoffen, dass sie überleben. Ich fühle mich natürlich sehr glücklich, diese Arbeit gefunden zu haben. 

Wollten Sie unbedingt nach Deutschland kommen?

Bowman: Ich war auf jeden Fall froh darüber, als es so weit war. Meine Schwester und ihre Familie wohnen seit vielen Jahren hier. Außerdem ist die Infrastruktur in Deutschland extrem vorteilhaft für Musik und Kunst – ein Traum! Und nicht zuletzt: Ich liebe Bier und Brezen!

© Matt Dine

Benjamin Bowman

Benjamin Bowman

Ist Ihre Familie mit Ihnen gekommen?

Bowman: Meine Familie muss vorerst in den USA bleiben. Das ist alles sehr schnell passiert und wir haben ein Haus und zwei kleine Kinder. Es gibt also viele Faktoren, die einen schnellen Umzug erschweren. Ich hoffe, dass Frau und Kinder bald zu mir kommen können.

Was sind die Unterschiede zwischen deutschen und amerikanischen Orchestern?

Bowman: Eine exzellente Frage, aber es wäre töricht von mir, nach nur einem Konzert in einem deutschen Orchester zu versuchen, dieses Thema zu kommentieren! Ich würde mich freuen, später darauf zurückkommen zu können.

Wie geht es anderen US-amerikanischen Orchestern?

Bowman: Wie jeder weiß, sind amerikanische Orchester abhängig von der Philanthropie, weil die staatliche Unterstützung minimal ist. Zusammen mit der fehlenden öffentlichen Kunsterziehung in den USA ist dies mit ziemlicher Sicherheit ein Rezept für den weiteren Niedergang. Natürlich gehen diese Probleme über die Corona-Krise hinaus, aber es ist wichtig, den Zustand der Orchester zu Beginn der Schließung zu verstehen, um zu begreifen, wie man seitdem damit umgeht.

Es scheint, als ob viele andere große US-Orchester besser gerüstet waren, mit einer Krise dieser Art umzugehen, weil ihre Stiftungsgelder genügt haben, um ihre Mitarbeiter – zumindest teilweise – durch diese Pandemie hindurch weiter zu bezahlen. Offensichtlich hat die Met einiges von diesem Geld vor der Pandemie ausgegeben, so dass nicht genug in Reserve war, um die Mitarbeiter zu unterstützen.

Wie ist die Situation in anderen Orchestern weltweit?

Bowman: Alle leiden bis zu einem gewissen Grad. Natürlich ist die Hauptsorge eines jeden Musikers, einen Weg zu finden, sein Publikum zu erreichen. Da viele Orchester genug Reserven haben, um ihre Mitarbeiter zu unterstützen, konnten sie neue und innovative Wege finden, um mit ihrem Publikum in Kontakt zu treten und ihren Mitarbeitern ein Gefühl von Zusammenhalt zu vermitteln. Da die verschiedenen Länder unterschiedliche Infektionsraten hatten, hatten sie auch unterschiedliche Möglichkeiten, vor Publikum aufzutreten. Die größte Gemeinsamkeit ist jedoch, dass jede Gruppe auf eine noch nie dagewesene Art und Weise herausgefordert wurde – sowohl im Schlechten als auch im Guten. Als Ergebnis dieser Pandemie werden wir weltweit sicherlich neue Möglichkeiten sehen, mit dem Publikum in Kontakt zu treten. 

Wollen Sie in Stuttgart bleiben oder beizeiten wieder zurück nach New York?

Bowman: Bevor ich irgendeine lebensverändernde Entscheidung treffen kann, muss ich erst mehr mit der Gruppe in Stuttgart arbeiten und sie mit mir. Unsere Beziehung ist wirklich das Wichtigste. Ich muss meine Familie nach Stuttgart holen und sehen, wie gut wir uns akklimatisieren. Und natürlich werden wir für das Ende dieser schrecklichen Zeit beten, damit wir alle eine Vorstellung davon haben, was die Zukunft für uns alle bringt.

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