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Blickwinkel: Die Konzertinstallation „11.000 Saiten“ – MaerzMusik

„Als würde man im Inneren einer Flugzeugdüse sitzen“

Beim Berliner Festival MaerzMusik erklingen 50 Klaviere in der Konzertinstallation „11.000 Saiten“. Im Gespräch gibt der verantwortliche Stage Manager Einblick in Aufbau und Proben des besonderen Projekts.

vonBenjamin Elsholz,

Angeregt durch den Besuch in einer Klavierfabrik entstand die experimentelle Konzertinstallation „11.000 Saiten“ des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas. Dafür werden 50 baugleiche Klaviere in einem Kreis aufgestellt und jeweils mit einer kleinen Abweichung gestimmt. Diese liegt bei direkt nebeneinanderstehenden Instrumenten bei zwei Hundertsteln eines Halbtons. Ergänzt werden die 50 Klaviere durch 25 weitere Instrumente, darunter Akkordeon, Cembalo und Bläser. Nach der Uraufführung 2023 in Bozen wurde das Stück noch im selben Jahr erstmals vom Klangforum Wien gespielt, das damit nun bei MaerzMusik in Berlin zu Gast ist. Der Ensemblewart und Stage Manager des Klangforums, Matthias Meinharter, koordinierte den Aufbau der Konzertinstallation bereits bei der Wiener Erstaufführung sowie bei weiteren Aufführungen in Hangzhou und New York.

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Wie läuft der Aufbau für die Konzertinstallation ab?

Matthias Meinharter: Der Aufbau ist sehr umfangreich: Erst einmal müssen die 50 Klaviere angeliefert werden. Sie stammen von unserem Partner Hailun aus China und sind schon individuell vorgestimmt. Die durchnummerierten Klaviere werden im Saal kreisrund aufgestellt. Zu je zwei Klavieren kommt ein Instrumentalist des Klangforums hinzu. Wenn die Positionierung von den Veranstaltern hinsichtlich Sicherheit und Brandschutz abgenommen wurde, machen sich die drei Klavierstimmer von Hailun an die Arbeit, die jedes Mal extra aus China anreisen. Sie übernehmen die Feinstimmung der Instrumente und passen die Klaviere an die Raumakustik an. Das ist ein ganz schöner Aufwand!

Da muss man als Stage Manager wirklich hellwach sein, oder?

Meinharter: Ich bin einmal an einen Veranstaltungsort gekommen, wo die Klaviere schon aufgebaut waren – allerdings nicht richtig: Wie bereits erwähnt, bilden zwei Klaviere und ein weiteres Instrument jeweils ein Trio. Bei den Klavieren Nummer 20 und 21 muss zum Beispiel das Schlagwerk 1 stehen. Die Klaviere standen dort jedoch um vier Positionen verschoben. Also musste ich mit einer Kollegin und den Klavierstimmern selbst anpacken. Hier bei MaerzMusik hat zum Glück von Anfang an alles reibungslos geklappt.

Neben seiner Tätigkeit beim Klangforum Wien ist Matthias Meinharter als Ensemblemitglied des Vegetable Orchestra aktiv – einer Formation, die seit fast 30 Jahren Gemüse zum Musizieren nutzt
Neben seiner Tätigkeit beim Klangforum Wien ist Matthias Meinharter als Ensemblemitglied des Vegetable Orchestra aktiv – einer Formation, die seit fast 30 Jahren Gemüse zum Musizieren nutzt

Kann mit den Proben erst vor Ort begonnen werden?

Meinharter: Im Grunde ja: Die Pianistinnen und Pianisten kommen immer von Musikhochschulen vor Ort, spielen das Stück also zum ersten Mal und können erst zusammen proben, wenn die Klaviere im Konzertsaal positioniert sind. Die erste Probe leitet ein Pianist vom Klangforum, der bei Bedarf Partitur und Spielweisen noch einmal erklären kann. Danach stößt der Dirigent dazu, das ist in Berlin Vimbayi Kaziboni, der die Proben leitet, bei denen später auch das Klangforum Wien anwesend ist.

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Kann man eine solche Konzertinstallation überhaupt dirigieren?

Meinharter: Tatsächlich dirigiert Vimbayi Kaziboni das Stück nicht im herkömmlichen Sinn, sondern erarbeitet lediglich die Interpretation. Das heißt, er stellt die dynamischen Verhältnisse ein, die Spieltechniken und stimmt das Zusammenspiel ab. Im Konzert läuft später aber alles ohne ihn: Es gibt ein Zeitmanagementsystem, das sich über WLAN mit allen Tablets verbindet, von denen die Musikerinnen und Musiker spielen. Ein Timecode synchronisiert also das Zusammenspiel. Alles andere wäre zu kompliziert, da die Pianistinnen und Pianisten ja mit dem Rücken zur Kreismitte sitzen.

Wo befindet sich das Publikum?

Meinharter: Das Publikum sitzt im Inneren des Kreises, den die Instrumente bilden. Dafür braucht es einen großen Raum wie hier in der MaHalla, wo mit den hohen Decken und dem vielen Glas auch eine tolle Akustik vorhanden ist. Bei der Uraufführung in Wien konnte sich das Publikum noch frei bewegen. Wir sind aber zu festen Sitzplätzen übergegangen, weil das Stück mit 66 Minuten nicht gerade kurz ist und so weniger Unruhe und Ablenkung für die Musizierenden entsteht. Man hat auf jeden Fall einen echten Surround-Sound beim Zuhören, auch wenn man an jedem Platz eine etwas unterschiedliche Klangbalance hat. Die Klaviere sind klanglich trotzdem überall unglaublich präsent.

Sie haben „11.000 Saiten“ schon mehrfach erlebt – können Sie das Zusammenspiel der Klaviere beschreiben?

Meinharter: Die Klaviere spielen in größeren Gruppen, es gibt aber auch Solo-Klaviere. Stellenweise spielen alle 50 Klaviere gleichzeitig, immer ergänzt von den Instrumentalisten des Klangforums Wien. Das Stück ist weitgehend durchkomponiert bis auf einige freiere, improvisatorische Passagen. Dort ist zum Beispiel nur vorgegeben, dass auf der Tastatur von unten nach oben gespielt werden soll, die Ausführung wie Tempowahl und Dynamik obliegt aber den Pianistinnen und Pianisten. Beim Zuhören hat man ein ganz neues Klangerlebnis, denn durch die mikrotonalen Reibungen entstehen Schwingungen, die nie gehörte Klänge ergeben. Das ist fast schon psychoakustisch, wenn man sich fragt, ob man sich gewisse Töne nur einbildet. An einer Stelle hört es sich so an, als würde man im Inneren einer Flugzeugdüse sitzen. Georg Friedrich Haas hat mit dem Stück „11.000 Saiten“ wirklich ein einzigartiges Hörerlebnis geschaffen.

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