Blickwinkel: Dr. Matthias von Hülsen

„Die Politik behandelt die Kulturszene nicht wie ein Nahrungsmittel, sondern wie einen Luxusartikel“

Wie im polnischen Kreisau negativ auf Corona getestete Musiker und Publikum bei Krzyżowa-Music miteinander Musik erleben und wie es um die Kulturbranche bestellt ist, erzählt Festivalleiter Dr. Matthias von Hülsen.

© Monika Lawrenz

Matthias von Hülsen

Matthias von Hülsen

Dr. Matthias von Hülsen nimmt aktuell eine besondere Rolle in der Musikwelt ein: Sein Festival Krzyżowa-Music, das der gelernte Kinderarzt, Mitbegründer des Schleswig-Holstein Musik Festivals und langjährige Intendant der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam mit Geigerin Viviane Hagner verantwortet, findet derzeit als eine der wenigen Musikveranstaltungen ohne große Planänderungen statt. Nach dem Eröffnungskonzert, das erstmals unter freiem Himmel stattgefunden hat, bereitet er gerade die ersten Indoor-Konzerte vor.

Ihr Festival findet in diesem Jahr zum sechsten Mal statt – unter völlig anderen Voraussetzungen als bisher.

Dr. Matthias von Hülsen: Wir sind im Augenblick – zumindest nach meinem Wissensstand – das einzige Festival europaweit, das tatsächlich so wie geplant stattfinden kann. Die letzten Monate waren allerdings auch für uns nicht entspannt: Mit jeder Einschränkung, die verhängt wurde, habe ich bei mir gedacht: Das alles trifft auf uns nicht zu. Wir machen keine Großveranstaltungen, wir sind dies nicht und wir sind auch jenes nicht. Daher haben wir gemeinsam mit unserem Hauptsponsor Centogene und dessen CEO Prof. Arndt Rolfs ein Hygienekonzept erarbeitet, dass wir den polnischen Autoritäten vorlegen konnten. Da wir vorher nicht wissen konnten, ob dieses dann auch akzeptiert wird, hatten wir sicherheitshalber parallel ein Alternativ-Festival in Berlin geplant – das zum Glück nun nicht notwendig ist! Denn schließlich gehören wir doch nach Kreisau!

Wie muss man sich dieses Hygiene-Konzept vorstellen?

von Hülsen: Die Gutsanlage Kreisau hat zur Zeit zwei streng getrennte Bereiche. Einer ist für die Öffentlichkeit zugänglich und einen zweiten gibt es als geschützten Bereich für uns. In diesem wohnen, leben und arbeiten wir – dazu gehören der Konzertsaal, zwei Gästehäuser und bestimmte Etagen im Schloss mit Büros und Probenräumen, die unabhängig vom Publikumsstrom der Schlossbesucher zu erreichen sind. Doch das Wichtigste ist: Alle Teilnehmer müssen vor der Anreise negativ auf Covid-19 getestet worden sein.

© Geert Maciejewsk

Musikerinnen und Musiker von Krzyżowa-Music in Kreisau

Musikerinnen und Musiker von Krzyżowa-Music in Kreisau

Wie haben Sie es geschafft, sowohl Künstler als auch Publikum weitreichend im Voraus mit Tests zu versorgen?

von Hülsen: Centogene hat für uns ein europaweit wirksames Kuriersystem organisiert, dass die Test-Kits zu vorher per Mail registrierten Personen bringt und diese auch wieder abholt. Die Teilnehmer reisen also negativ getestet an und erhalten hier ein farbiges Armband: Dadurch ist ersichtlich, wer getestet ist und wer nicht. Das Prozedere wiederholen wir sicherheitshalber zweimal pro Woche, da wir durch Gastspiele außerhalb kein ganz in sich geschlossenes System sein können. Für die Konzerte wird Publikum aufgeteilt und separiert auf die Plätze geleitet. Die negativ getesteten Gäste dürfen ganz normal beieinander sitzen, an den Proben teilnehmen, gemeinsam mit den Musikern essen und an vielen sozialen Aktivitäten teilnehmen. Alle anderen werden getrennt nach Distanzregeln platziert und tragen eine Maske bis zum Sitzplatz im Konzert.

Wie hat das Publikum auf die Regelungen reagiert?

von Hülsen: Man muss ehrlich zugeben, dass viele Gruppen und Einzelbesucher abgesagt haben aus Angst und Sorge um die Gesundheit. Aber auch, weil der Konzentrationsaufwand, sich online zu registrieren um am Testsystem teilzunehmen, hoch ist und eine gewisse digitale Kompetenz voraussetzt. So spielen wir vor etwa einem Drittel des Publikums, das sonst zu unseren Konzerten gekommen wäre. Um die Corona bedingten Hürden im Ticketing klein zu halten, haben wir in diesem Jahr auch auf das Ticketing verzichtet. Eintrittsberechtigungen gibt es nur nach persönlicher Anmeldung per Email – so werden auch gleich alle Gäste namentlich erfasst. Anstatt eines festen Ticketpreises bitten wir Spenden – und das zahlt sich sogar aus!

Sie haben im Vorfeld den Informationsfluss transparent gehalten mit regelmäßigen persönlichen Emails und Status-Updates an die Freunde des Festivals…

von Hülsen: Unsere Situation ist einfach so außergewöhnlich, dass wir gleich in den direkten Dialog gegangen sind. Es gibt einen großen Prozentsatz in der Gesellschaft, der das Ausmaß dieser Pandemie einfach nicht verstanden hat. Deshalb muss man immer wieder offen ansprechen, was wichtig ist, wiederholen und regelrecht einhämmern, was verstanden werden muss. Und in unserem Fall hat das auf diese sehr persönliche Art und Weise wunderbar funktioniert. Zu uns sind letztlich auch nur die Leute gekommen, die das begriffen haben.

© Geert Maciejewski

Kammerkonzert in der St. Anna Kirche in Grodszczice, Gräditz

Kammerkonzert in der St. Anna Kirche in Grodszczice, Gräditz

Wie ist die Stimmung unter den Musikern?

von Hülsen: Es wird bei uns im geschützten Bereich gefeiert und es gibt Lagerfeuer, Ping Pong-Turniere und es wird Fußball gespielt. Kreisau hat diese besondere Campus-Atmosphäre mit einer großen Rasenfläche zwischen den umliegenden Gebäuden. Die Stimmung unter den Musikern hat sich im Vergleich zu den Vorjahren noch einmal grandios gesteigert, denn alles wird jetzt noch intensiver wahrgenommen: Es herrscht eine unbändige Freude darüber, dass das Festival überhaupt stattfinden kann, und alle sind beseelt und beglückt nach diesen Monaten des Eingesperrtseins. Und keiner der Musiker hat die Mühen der  Sicherheitsvorkehrungen gescheut: Alle sind gekommen – bis auf die, die nicht einreisen durften.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

von Hülsen: Für uns ist es erst einmal wichtig, dass Krzyżowa-Music hier in Kreisau einfach so stattfinden kann, wie Viviane Hagner es künstlerisch für dieses Jahr geplant hat. Aber genau so wenig  wie alle anderen Kulturschaffenden können wir absehen, wie tief die Folgen dieser Krise greifen werden. Irgendwie sind wir in unseren Alltagsvorstellungen noch in der Zeit vor Corona verhaftet und erst die aufkommende Rezession wird zeigen, wie unser Leben zukünftig aussehen wird und welche Veranstalter, Agenturen und Künstler sich halten können. Erschwerend kommt hinzu: Die Politik behandelt die Kulturszene nicht wie ein Nahrungsmittel, sondern wie einen Luxusartikel. Diese Haltung wird zwar nicht offiziell kundgetan, ist aber allenthalben zu spüren. Es darf nicht unterlassen werden unser reichhaltiges Kunst- und Kulturleben durch diese Krise zu bringen. Die Voraussetzung dafür sind ja da, dass das, was hier in Kreisau im Kleinen passiert, auch im Großen möglich ist. Man muss den Besuch einer Veranstaltung nachweispflichtig davon abhängig machen, ob man infektionsfrei ist oder nicht und vorerst geht das nur durch Tests. Und dann könnte man die Säle wieder voll machen! Ich sehe das so: Kreisau 2020 ist ein Versuchslabor für das zukünftige Konzertleben – und in diesem Fall hoffen wir auf ein positives Laborergebnis.

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