Blickwinkel: Folkert Uhde

„Wir begegnen dem Konzertbesucher in seinem natürlichen Habitat“

Folkert Uhde prägte den Begriff „Konzertdesign“. Als Mitbegründer des Berliner Radialsystems realisiert er seit vielen Jahren neue und innovative Formate. Beim Forschungsprojekt „Experimental Concert Research“ hat er die künstlerische Leitung inne.

© Henner Fritzsche

Möchte Grundlagenforschung betreiben: Folkert Uhde

Möchte Grundlagenforschung betreiben: Folkert Uhde

Was ist das Ziel des Experiments?

Folkert Uhde: Im Grunde geht es darum, Grundlagenforschung zu betreiben. Wir wollen herausfinden, wie Musikhören und emotionales Erleben zusammenhängen. Das hat es bisher in dieser Form und in diesem Umfang noch nicht gegeben. Es existieren zwar diverse Studien zum Klassik-Musikerlebnis, aber diese wurden in einer nüchternen Studiosituation durchgeführt, mit Kopfhörern ohne Kontext und visuellen Eindrücken. Die Probanden waren im wahrsten Sinne des Wortes „Kopf-Hörer“: isoliert und physisch entkoppelt von der Begegnung mit Musikern, von Raumgefühl und realer Konzertsituation. Wir dagegen sind live, man könnte auch sagen: Wir begegnen dem Konzertbesucher in seinem natürlichen Habitat. Das klingt vielleicht lustig, ist aber der springende Punkt.

Warum wurde ein solches Setting bisher nicht umgesetzt?

Uhde: Ganz einfach weil es mit einem riesigen logistischen und finanziellen Aufwand verbunden ist. Und weil die Datenmengen, die wir in Realzeit bewegen und später auswerten, bis vor einiger Zeit noch gar nicht handelbar waren. Wir sprechen von über einem Terabyte pro Konzert und von elf Konzerten insgesamt. Pro Teilnehmer senden wir etwa zwanzig Datensätze pro Sekunde an den Zentralrechner. Bei jedem Konzert sind rund hundert Probanden über Fingerclips und Brustgurt mit dem Rechner verbunden.

Was war das Entscheidungskriterium, den Pierre Boulez Saal und das Radialsystem für das Experiment auszuwählen?

Uhde: Die beiden Auftrittsorte bieten den Vorteil, dass die aufwendige Verkabelung durch die flexibel verschiebbaren Zuschauertribünen ohne große Eingriffe oder Umbauten möglich ist. Außerdem brauchten wir zwei unterschiedliche Orte, damit die Ergebnisse nicht einseitig ausfallen. Wir haben mit dem Pierre Boulez Saal einen Ort, an dem hauptsächlich klassische Musik gespielt wird, das Radialsystem wiederum ist multifunktionaler Kunstraum, der zudem ein ganz anderes, auch jüngeres Publikum anspricht.

Sie bezeichnen sich als Konzertdesigner, setzen auf Tools wie Partizipation und Immersion. Nutzen Sie diese auch im Experiment?

Uhde: Ja, denn das war perspektivisch naheliegend. Wir haben ein partizipatives Element eingebaut, bei dem wir dem Publikum eine Assoziationsmöglichkeit an die Hand geben, um eine persönliche Verbindung zwischen einem bestimmten Stück und der eigenen Lebensgeschichte herzustellen. Im zentralen Werk des Programms, den Epitaphs von Brett Dean, geht es um Erinnerungen an verstorbene Freunde des Komponisten. Wir laden die Konzertbesucher ein, diesen speziellen Abend einem Menschen zu widmen, den sie verloren haben. Das wird vorher im Programm nicht angekündigt, um der Gefahr zu entgehen, dem Überraschungsmoment die Spontaneität zu nehmen. Und wir haben ein immersives Element eingebaut, indem wir das Publikum mithilfe einer Surround-Anlage näher an die Musiker ranholen, um den kammermusikalischen Charakter mehr zu betonen. Zweihundert Konzertbesucher in einem Saal sind etwas anderes als zwanzig Gäste bei einer privaten Soiree. Dieses Erlebnis wollen wir mithilfe der Technik, die uns heute zur Verfügung steht, ermöglichen und testen.

Welche Erkenntnisse erwarten Sie von dem Experiment?

Uhde: Ich möchte ungern dem Ergebnis mit plakativen Antworten vorgreifen, denn das würde die wissenschaftliche Arbeit und die Komplexität der Fragestellungen ad absurdum führen. Die Resultate, die wir erst in ein bis zwei Jahren erwarten, werden sicher einige Überraschungen parat haben. Wenn ich etwas sagen kann, dann, dass einige Antworten die Leute vor den Kopf stoßen werden. Wir neigen in der klassischen Musik zu Grundannahmen, die immer wiederholt, dadurch aber nicht richtiger werden, zum Beispiel dass unser Publikum grundsätzlich wissend und neugierig ist. Die Art der Motivation ist eine unter vielen Fragen, die wir im Experiment stellen. Nach den beiden Konzerten im Pierre Boulez Saal haben mir Teilnehmende erzählt, dass sie den Besuch schlicht nutzen, um abzuschalten. Sie wollen ganz einfach einen schönen Abend erleben. Manche halten auch ein Nickerchen. Sie gehen entspannter raus, als sie reingekommen sind. Ich finde das großartig.

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