Blickwinkel: Marc Fahning

„Für die Menschen ist es traurig, dass sie nicht singen dürfen.“

Marc Fahning leitet seit sechs Jahren als kaufmännischer Geschäftsführer die St. Michaelis Musik gGmbH. Zusammen mit drei Mitarbeiterinnen verantwortet er die Konzerte im Michel, die Vermietungen und alle Geschicke des Michel Musik Büros.

© Michael Zapf

Marc Fahning

Marc Fahning

Kurzer Rückblick: Wie haben Sie die letzten Monate erlebt?

Marc Fahning: Auch wenn wir als Kirche eine andere Position haben als „normale“ Konzertveranstalter, haben wir die Zeit als Berg- und Talfahrt erlebt wie viele andere in der Branche. Großes Hoffen auf bessere Zeiten und Resignation wechselten sich ab. Nach dem ersten Lockdown konnten wir den Hamburger Orgelsommer wieder durchführen. Das war schön. Innerhalb der Bach-Wochen, die im November stattfinden, waren nur drei Konzerte möglich. Jörg Endebrock, unser neuer Kantor und Organist, hat am 1. Januar 2020 angefangen und konnte nach über einem Dreivierteljahr ein Konzert mit dem Chor St. Michaelis durchführen.

Was war der dunkelste Punkt ihrer Arbeit?

Fahning: In der Zeit, als wir auch keine Gottesdienste feiern durften, war es für alle emotional sehr schwierig, gerade über Ostern. Die Aufführung der Matthäus-Passion ist eine Institution. Das Brahms-Requiem am Vorabend des Totensonntag aufzuführen hat hier im Michel eine jahrzehntelange Tradition. Ebenso die vielen Konzerte mit den Teilen des Weihnachtsoratoriums. Mit vielen dieser Traditionen wird nun notgedrungen gebrochen, und das stellt schon eine hohe Belastung für die Menschen dar. Im Herbst wollten wir mit unserer Planung die Verluste durch Konzertabsagen sowohl finanziell abfedern als auch dem Publikum in der Adventszeit etwas bieten. Wir hatten versucht, die freigewordenen Termine von Firmen, die hier ihre Weihnachtskonzerte veranstalten, mit eigenen Konzerten zu füllen. Dafür hatten wir extra geeignete Ensembles gebucht. Das nun wieder alles absagen zu müssen war sehr frustrierend: für uns Planende, alle Musizierenden, aber auch für die potenziellen Konzertbesucher, die sich nach musikalischer Einkehr sehnen.

Was wird da genau vermisst?

Fahning: Es ist ein Unterschied, ein Brahms-Requiem oder sakrale Musik in der Kirche oder in einem Konzertsaal zu hören. Wir arbeiten hier mit einem Team aus Ehrenamtlichen, die es sehr vermissen, ihren Dienst am Michel tun zu können. Das sind viele ältere Menschen, denen diese Aufgabe und der Kontakt zu den Menschen fehlt. Die Krönung aller Vorbereitungen im Büro ist der volle Michel und die Musik. Wir erleben Besucher, die berührt oder euphorisch nach Hause gehen. Die Konzertabsagen sind ein großer Verlust für alle Beteiligten: Künstler, Besucher, Manager. Mir sagte ein Musiker neulich: „Nun kommt ein Weihnachten ohne ,WO‘ – in was für einer Zeit leben wir bloß!“ Abgesehen davon sind etliche auch finanziell stark betroffen von den Absagen.

Was für Chancen bietet denn der sakrale Raum? Wie darf Musik im Michel erklingen?

Fahning: Die Orgel ertönt in jedem Gottesdienst und täglich in den Andachten. Wir haben immer solistische Sänger oder eine ganz kleine Gruppe von Chorsängern, die die Choräle oder Motetten singen. Das ist auch erlaubt. Herr Endebrock arbeitet mit reduzierten Besetzungen aus dem Chor St. Michaelis.

Dennoch ist es für die Menschen im Gottesdienst unendlich traurig, dass sie nicht singen dürfen! Daher gehen wir mit mehreren Vespern an Heiligabend auch auf den Kirchplatz. Draußen darf man singen. Mal sehen, ob das Wetter mitspielt. Das Singen ist ja sehr wichtig, und die Spiritualität, die davon ausgeht, kann man nicht durch „Vorsänger“ ersetzen. Aus voller Kehle „Oh du fröhliche“ zu schmettern gehört zu Weihnachten für viele dazu.

Es wird ein Weihnachten ohne Live-Messias von Händel oder das populäre Weihnachtsoratorium von Bach werden. Wie kann man das kompensieren?

Fahning: Ein potentieller Konzertbesucher hat mir am Telefon erzählt, dass er sich zu Hause mit seiner Frau und einer Flasche Wein hingesetzt und das Brahms-Requiem von einer Aufnahme gehört hat. Auch ein Chorsänger hat das so zelebriert: mit Kerzen und zur selben Zeit, zu der das Werk auch im Michel erklungen wäre. So kann man sich mit tollen „Konserven“ über Wasser halten und sich auf das nächste Jahr freuen. Wir hoffen dann auf einen regen Ticketverkauf für unsere Konzerte. Außerdem ist unsere Kirche tagsüber immer geöffnet. Der Tannenbaum und die Krippe stehen. Wir haben eine Mittagsandacht und in der Adventszeit unsere Andacht um 17.30 Uhr. Nächstes Jahr gibt es sicher wieder das Weihnachtsoratorium für alle Gläubigen und Musikliebhaber in den Kirchen. Dazu schon jetzt eine herzliche Einladung!

Auch interessant

Blickwinkel: Luisa-Marie Neubauer

Von der Blockflöte zum Naturschutz

Aktivistin Luisa-Marie Neubauer über die Verantwortung aller zur Bewältigung der Klimakrise – auch in der Musikwelt. weiter

Blickwinkel: Aleksey Igudesman

„Man muss ernsthaft versuchen, psychologisch gesund zu bleiben“

Violinist und Komiker Aleksey Igudesman nimmt die Krise mit Humor. Ein Gespräch über seine Covid-19-Erkrankung, den Stellenwert der Kultur und einen wichtigen Lernprozess beim Publikum. weiter

Blickwinkel: Eva Maria Wieser

„Es gibt viel zu viele Wettbewerbe“

Eva Maria Wieser, Expertin für musikalische Nachwuchsförderung, berichtet über Online-Meisterkurse, Wettbewerbsüberfluss und die coronabedingten Probleme der kommenden Sängergeneration. weiter

Kommentare sind geschlossen.