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Puccini-Ausstellung „Opera Meets New Media“ in Berlin

„Puccini war der richtige Mann zur richtigen Zeit“

Bertelsmann eröffnet in Berlin eine hochinteressante Puccini-Ausstellung mit Exponaten des Ricordi-Archivs. Helen Müller, Leiterin für Cultural Affairs und Corporate History, im Interview.

vonChristian Schmidt,

Es war ein wahres Imperium: Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich der 1808 in Mailand gegründete Verlag „Casa Ricordi“ zum Weltkonzern mit diversen Filialen in Übersee. Die Ahnen der Ricordi-Familie wussten ihre Künstler mit Geschick und durchaus fürstlichen Verträgen zu binden. Damals ließ sich mit diesem Geschäftsmodell noch Geld verdienen, und die Impresarios aus Kunst und Kommerz verschafften sich gegenseitig eine Win-Win-Situation, wie man heute wohl sagen würde. Wer das Glück hatte, bei der „Casa Ricordi“ unterzukommen, konnte sich auf eine Weltkarriere nahezu verlassen.

Weil Ricordi auch über das Wohl und Wehe der Produktionen wachte, blieb ein wahrhaft riesiges Archiv akribisch katalogisierter Korrespondenz erhalten, dazu Bühnenbild- und Kostümentwürfe. In einer neuen Ausstellung zum hundertsten Todestag von Giacomo Puccini zeigt Bertelsmann an seiner prominenten Berliner Adresse Unter den Linden 1 nun eine hoch interessante Ausstellung aus seinem reichen Schatz von Archivalien. Diese zeigen schon die frühe Anmutung eines Brandings – mit allem, was dazugehört, dem ausschweifenden Lebensstil Puccinis, seiner Moustache und sublim auch seinen Frauengeschichten. Der Meister ereignete sich. Ein Interview mit Helen Müller, der Leiterin für Cultural Affairs und Corporate History bei Bertelsmann.

Zuerst müssen Sie wohl erklären, warum das Ricordi-Archiv noch von Bertelsmann verwaltet wird, obwohl der Verlag seit 2007 zu Universal gehört.

Helen Müller: 1994 ging es dem Ricordi-Verlag nicht besonders gut, und er kam zur damaligen Bertelsmann Music Group. 2006 wurden die Rechte an Universal verkauft, aber das inzwischen zum italienischen Kulturgut erklärte wertvolle Verlagsarchiv blieb bei Bertelsmann. Ich denke, wir konnten schon in mehreren Ausstellungen und Projekten zeigen, dass wir sehr verantwortungsvoll und so fachgerecht wie möglich damit umgehen. Alles, was wir tun – unter anderem restaurieren und digitalisieren wir nach und nach sehr viel –, wird von der italienischen Kulturbehörde beaufsichtigt.

Nun also eine Puccini-Ausstellung. Warum gerade er?

Müller: Puccini gehört zu den am besten dokumentierten Künstlern. Seine Verbindung zum Verleger Giulio Ricordi war sehr eng, später arbeitete er auch mit Giulios Sohn Tito und den späteren Managern der Casa Ricordi. Für den Verlag war Puccini der richtige Mann zur richtigen Zeit, da er den neuen technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen offen gegenüberstand und sein extrovertierter Lebensstil sich medial gut vermarkten ließ. Zudem gibt es da auch eine Wechselwirkung, denn der Verist Puccini bevorzugte ja selbst den Realitätsbezug in seinen Stoffen. Ricordi hat streng darüber gewacht, was mit ihm und seinen Werken passiert. Natürlich war schon das Werk Verdis ein großer Erfolg gewesen, aber man suchte dann einen würdigen Nachfolger. Wer konnte der neue Verdi sein?

Erste Impressionen aus der Ausstellung „Opera Meets New Media“
Erste Impressionen aus der Ausstellung „Opera Meets New Media“

Auf Neudeutsch: Das Portfolio musste erweitert werden …

Müller: … obwohl es natürlich schon sehr groß war. Giulio Ricordi war selbst ein Genie, komponierte auch selbst. Bei Puccini hatte er das richtige Gefühl, obwohl die ersten beiden Opern – „Le Villi“ und „Edgar“ – erstmal gefloppt waren. Trotzdem wollte er das Talent festhalten und kontinuierlich aufbauen, würde man heute sagen. Ein Teil der Ausstellung steht daher unter der Überschrift „Branding Puccini“. Das betrifft nicht nur die Person des Komponisten, sondern auch Figuren aus seinem Werk, vor allem aus den Opern „La Bohème“ und „Tosca“.

Er war der richtige Mann zur richtigen Zeit.

Müller: Ja, weil er auch sehr offen war für die Schallplattenverwertung, was bezüglich der Rechtefrage auch für Ricordi ein sehr interessantes Geschäftsfeld wurde. Da gibt es sehr interessante Parallelen zu heute, die wir in der Ausstellung auch thematisieren. Was machen neue Medien mit den Geschäftsmodellen der Verlage, und umgekehrt: Was macht das mit den Künstlern?

Wie dürfen wir uns den Aufbau der Ausstellung vorstellen?

Müller: Sie fokussiert sich mit vielen originalen Briefen und Plakaten ganz auf die Wechselwirkung von Oper und den neu aufkommenden Medien und deren Einfluss auf das Musiktheater. Wir verfolgen Puccini zum Beispiel auch auf selten zu sehenden Filmaufnahmen in den Vereinigten Staaten und in Argentinien, wo sein Bruder lebte. Dazu kommen frühe Tonaufnahmen, teilweise auch aus anderen Archiven, und natürlich ein Grammophon, das die einst elitäre Oper in die Privathaushalte brachte.

 Eine zeitgenössische Zeitungsanzeige für Puccinis „Tosca“
Eine zeitgenössische Zeitungsanzeige für Puccinis „Tosca“

Das war ja eine unheimlich spannende Zeit am Fin de siècle.

Müller: Zum Ende der Gründerzeit emanzipierte sich die Musik endgültig aus ihrer höfischen Tradition zum bürgerlichen Wert. Wir möchten Puccini im Kontext zeitgenössischer Umbrüche und technischer Neuerungen darstellen. Vielleicht sind wir heute auch wieder an so einem Punkt? Ein KI-basiertes Kunstprojekt zu fünf historischen Szenenbildern von „Turandot“ fragt jedenfalls danach, was man mit neuen Medien in auch in der Archivwelt machen könnte.

Angesichts des großen Archivschatzes stellt sich natürlich sofort die Frage nach einer Dauerausstellung.

Müller: Wir machen ja schon viel zugänglich über unsere „Collezione digitale“, weil es unser Anspruch ist, den Archivschatz einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Gleichzeitig können wir mit wechselnden Ausstellungen fokussierter sein und aktuelle Fragen stellen – zum Beispiel eben zum Urheberrecht. Wenn wir es schaffen, mit unserer Ausstellung diesen Diskurs voranzubringen, haben wir doch viel erreicht!

concerti-Tipp:

Opera Meets New Media – Puccini, Ricordi und der Aufstieg der modernen Unterhaltungsindustrie (Ausstellung)
18. April bis 16. Mai 2024
Bertelsmann Unter den Linden 1, Berlin
Weitere Infos unter bertelsmann.de

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