Interview: Jean-Christophe Spinosi

„Du musst eine Welle erzeugen“

Der französische Dirigent Jean-Christophe Spinosi über Impulsgebung, Vivaldi auf der E-Geige und was der Konzertsaal von einem Rockfestival lernen kann

© Serge Derossi

Jean-Christophe Spinosi

Jean-Christophe Spinosi

Monsieur Spinosi, Sie tragen einen Verband an Ihrer Hand, haben Sie sich etwa beim Dirigieren verletzt, oder beim Geigespielen?

Spinosi: Nein, ich bin gestern nach der Probe in der Berliner Philharmonie hingefallen. Danach hatte ich einen Bluterguss an der Hand, aber zum Glück ist nichts gebrochen. Ich habe das Konzert dann mit dem Verband dirigiert.

Wie wichtig sind eigentlich Fingerbewegungen für einen Dirigenten?

Spinosi: Ich benutze den ganzen Körper zum Dirigieren. Einerseits versuche ich sehr präzise, andererseits sehr impulsiv zu sein. Wenn man immer nur versucht, dem Orchester ganz genau jede kleine Intention anzuzeigen, läuft man Gefahr, dass es zu mechanisch und langweilig wird. Du musst die tiefen Emotionen zeigen, die Kunst ist es, einen Impuls zu geben, den die Musiker fühlen und verstehen können, wie eine Welle, die du auslöst und die vom Orchester verstärkt wird.

Wenn Sie auf ein neues Orchester treffen, wie lange brauchen Sie, damit das Orchester Sie bzw. Ihre Interpretation versteht?

Spinosi: Das hängt von verschiedenen Dingen ab. Was ist es für ein Orchester, welches Repertoire spielen wir, mit welchem Dirigenten arbeiten die Musiker normalerweise zusammen?

Ich versuche, auf menschlicher Ebene sofort eine Verbindung herzustellen, schließlich ist die Musik ein Medium, in dem wir Emotionen miteinander teilen. Da kannst du keine Rolle spielen sondern musst einfach du selbst sein, ohne Maske und offen vom ersten Moment an. Deswegen gelingt es mir meistens auch sehr schnell, dass die Musiker verstehen, wer ich bin und was ich möchte.

Wie gut funktioniert das bei populärem Standard-Repertoire?

Spinosi: Es ist vielleicht ein bisschen schwieriger, weil man die Musiker von ihren Gewohnheiten befreien muss. Und zwar so, dass sie sich nicht darüber aufregen, dass der Dirigent etwas anders macht, sondern dass sie Freude an dieser Veränderung haben. Du musst erreichen, dass sie sagen: „Wow, das ist neu!“ Manche stöhnen erst mal nur darüber, auch das ist normal und menschlich. Die Mehrheit der Musiker ist aber meistens bereit, den Weg mit dir zu gehen. Und den Rest musst du versuchen, zu überzeugen, das ist die Aufgabe bis zum Konzert.

Und das gelingt immer?

Spinosi: Es ist schwieriger, diese Verbindung mit dem Orchester als Ganzen aufzubauen, als mit einzelnen Musikern. Spätestens wenn du dich mit ihnen nach der Probe noch in der Cafeteria zusammensetzt, bricht das Eis und es ist möglich, ein Verhältnis aufzubauen, so dass es ihnen am Ende Spaß macht.

Mit den Musikern einen Kaffee trinken gehen, das würde vermutlich nicht jeder Dirigent machen.

Spinosi: Das weiß ich nicht, ich denke, heute geschieht das öfter. Der soziale Status des Dirigenten hat sich verändert, ich persönlich habe den Eindruck, dass er inzwischen mehr als normaler Mensch wahrgenommen wird. Wenn ich früher als kleiner Junge im Fernsehen einen Dirigenten sah, war das für mich der Maestro, der beeindruckte mich und schien besonders wichtig zu sein. Heute sehe ich das nicht mehr so, und mir gefällt der direkte Umgang mit den Musikern. Allerdings hat man nicht immer Zeit ist für lange Debatten über Interpretationen, sondern muss schnell entscheiden und schnell überzeugen.

Duzen oder Siezen Sie die Musiker?

Spinosi: Bei meinem Ensemble Matheus duzen wir uns, wir kennen uns auch schon sehr lange. Wenn ich aber von einem Orchester als Gastdirigent eingeladen werde ist es natürlich erstmal „Sie“. Doch auch da kommt es vor, dass man nach einer Serie von Konzerten per du ist. Das ergibt sich für mich auch daraus, dass wir beim Musikmachen viel miteinander austauschen, intensive, intime Gefühle miteinander teilen. Wir gehen zusammen durch ein Abenteuer, da ist es ganz natürlich, dass dadurch eine kleine Freundschaft entsteht.

Sie führen mit dem Ensemble Matheus Werke vom 17. bis zum 21. Jahrhundert auf. Welche Leitlinie haben Sie in Bezug auf die Aufführungspraxis?

Spinosi: Wir musizieren auf Instrumenten der jeweiligen Zeit, zeitgenössische Musik spielen wir auf modernen, Barock auf historischen Instrumenten. Jedoch nicht unbedingt nicht aus Historiker-Gründen, für mich ist vor allem der Klang interessant. Und es ist einfacher, Barockmusik auf Barockinstrumenten zu spielen, schließlich wurden sie dafür gemacht. Es kann bei den Darmsaiten natürlich mal passieren, dass man einen falschen Ton erwischt, das Stimmen ist auch nicht einfach. Doch dafür ist der Klang reicher an Farbe und ein Werk wie zum Beispiel die „Vier Jahreszeiten“ wird dadurch noch bunter.

Auf der anderen Seite bin ich nicht grundsätzlich dagegen, Barock auf modernen Instrumenten zu spielen. Wir hatten zum Beispiel im vergangenen Sommer einen Auftritt in Vieilles Charrues…

…auf dem größten Rockfestival Frankreichs.

Spinosi: Ja, und zwar auf der Bühne wo auch Sting und kurz nach uns Bob Dylan aufgetreten ist. Wir haben mit einem Barockprogramm auf Barockinstrumenten begonnen und am Ende habe ich eine elektrische Geige benutzt, mit Effektpedal und Verzerrung und einer Rockband hinter mir. Das hat uns viel Spaß gemacht, mit 250.000 Watt-Lautsprechern, vor 60.000 Zuschauern.

Wenn ich Vivaldi mit Rockband höre, muss ich an ein Zitat von Anne-Sophie Mutter denken. Sie lehnt Crossover mit der Begründung ab, dass man ein Selbstportrait von Van Gogh ja auch nicht mit Micky Maus-Ohren versehen würde, um es für den Betrachter zugänglicher zu machen.

Spinosi: Ich würde ihr zustimmen, allerdings nur in Bezug auf den Konzertsaal und die Gepflogenheiten, die wir darin seit etwa 80 Jahren haben. Denn vieles in der Klassik war früher anders, das wissen wir aus Dokumenten aus dem 18. Jahrhundert. In der Oper haben die Menschen gegessen und sich in den Logen vergnügt. Musik, die damals für die Kirche geschrieben wurde, wird heute in Sälen mit 3000 Plätzen aufgeführt, dafür musst du aber den Klang anpassen – schon an der Stelle haben wir es mit einer Form der Übersetzung zu tun. Und warum sollte ich es ablehnen, mit meinem Ensemble vor 60.000 Menschen aufzutreten und mit ihnen die Musik zu teilen, die wir mögen, ihnen Bach oder Vivaldi nahezubringen?

Die Frage ist, ob in diesem Fall Vivaldi pur auch funktioniert hätte.

Spinosi: Wir haben unser Programm ja mit Barockmusik auf historischen Instrumenten begonnen, erst am Ende haben wir die Instrumente gewechselt und es wurde daraus eine Rock’n’Roll-Band. Weil wir zeigen wollten, dass wir als klassische Musiker keinen Sonderstatus haben. Diese Festival-Einladung anzunehmen war für mich so etwas wie der Besuch in einem anderen Land, wo du als Gast die einheimischen Regeln und Gesetze befolgst: du ziehst die Schuhe aus, setzt eine Kopfbedeckung auf oder ab, je nachdem wie es sich in diesem Land gehört.

Außerdem waren meine Kinder da, die waren froh und stolz, anders als wenn ich in der Pariser Oper dirigiere, das kümmert sie nämlich überhaupt nicht.

Was kann der Konzertsaal von einem Rockfestival lernen?

Spinosi: Wir haben auf dem Festival versucht, eine Brücke zu schlagen, zwischen der populären und der E-Musik. Uns macht diese Kombination nichts aus, doch es gibt Leute, die das ganz scharf trennen und sagen: E-Musik ist seriös und Pop-Musik kommerziell. Was für ein seltsamer Gedanke! Wenn man sich anguckt, wie sich heute die ganze Welt verändert, es gibt Krisen, es gibt den arabischen Frühling, alles bewegt sich – und nur die klassische Musik will, dass alles so bleibt, wie bisher? Das ist für mich ein Widerspruch.

Es fehlt in der Klassik oft der Mut, Ungewöhnliches zu wagen. Mir fällt da Papst Johannes Paul II. ein, eine seiner ersten Botschaften war „Habt keine Angst“. Zu seinen Lebzeiten habe ich das nie verstanden, ich bin auch nicht besonders religiös. Inzwischen weiß ich: viele Probleme haben wir, weil wir Angst haben, dass dieses oder jenes nicht möglich ist.

Wann haben Sie denn zuletzt etwas Ungewöhnliches im Konzertsaal kreieren können?

Spinosi: Gerade gestern beim Konzert in Berlin, als wir mit der Solistin Malena Ernman eine Arie aus Vivaldis „Orlando furioso“ aufgeführt haben. In der Oper schmeißt der Ritter Orlando an der Stelle vor lauter Eifersucht sein Schwert auf den Boden. Deshalb hatte ich Malena gebeten, bei der konzertanten Aufführung ebenfalls etwas auf den Boden zu werfen. Und wissen Sie was? Sie hat ihre Schuhe ausgezogen und vor sich auf die Bühne geschmettert. Das Publikum war verblüfft, ich genauso, doch es war ein großartiger Moment mit viel Energie.

Nach dem Konzert hat sie mir übrigens erzählt, dass sie eigentlich den Klavierauszug runterwerfen wollte, doch den hatte sie vergessen. Es war Improvisation, aber lebendig, da steckten Emotionen drin – und so etwas brauchen wir nicht nur bei einem Rockfestival. In der Klassik geht es stets um die perfekte Form, doch brauchen wir auch Momente, die völlig unerwartet sind. Das ist moderne Kunst und das sollte die Klassik auch sein: immer in Bewegung.

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