Jugend musiziert: Projektleiter Edgar Auer im Interview

„Breitenförderung statt Spitzenförderung“

Edgar Auer, Projektleiter des Bundeswettbewerbs Jugend musiziert, über die Ausrichtung des Wettbewerbs, die Auswahl neuer Teilnahmekategorien und das Engagement der Teilnehmer

Jugend musiziert. Preisveleihung durch Edgar Auer © Markus Kaesler

Jugend musiziert. Preisveleihung durch Edgar Auer

Herr Auer, ist der Kerngedanke hinter Jugend musiziert seit dem ersten Wettbewerbsjahr unverändert geblieben?  

Edgar Auer: Wenn man davon ausgeht, dass Jugend musiziert einmal als Veranstaltung zur Förderung des Orchesternachwuchses gedacht war, hat sich schon einiges verändert. Heute ist Jugend musiziert eher als künstlerische Standortbestimmung gedacht, obwohl das etwas abstrakt klingt. Der Wettbewerb soll jungen Menschen die Möglichkeit geben, sich mit anderen Jugendlichen in ihren Altersklassen, in ihrer Region und – wenn sie es schaffen – auch auf Landes- oder Bundesebene, zu messen, zu vergleichen und ihnen eine Orientierung zu bieten, wo sie sich künstlerisch befinden. Zudem ist seit dem Start von Jugend musiziert ein ganz klares Ziel, junge Musiker zu motivieren – auch aus pädagogischer Sicht. Dieser Aspekt ist sehr wichtig. Im Wettbewerb selbst folgt dann die Orientierung. 

An wen richtet sich denn der Wettbewerb genau? Ambitionierte Kinder und Jugendliche mit dem Berufswunsch Musiker oder an alle, die Freude an ihrem Instrument haben?

Auer: Letztlich ist Jugend musiziert als Bildungsmaßnahme offen für alle Interessierten. Es geht dabei um Breitenförderung und nicht um Spitzenförderung eines kleinen Teils. Aus dem Grund sind auch die Teilnahmebedingungen sehr offen formuliert. Keinesfalls ist es primär als berufliche Orientierungsmaßnahme gedacht. Schon gar nicht im Regionalwettbewerb, denn hier soll den Teilnehmern lediglich eine Vergleichsmöglichkeit mit Gleichaltrigen geboten werden. Der Aspekt der Berufsorientierung spielt vielleicht im Landeswettbewerb eine kleine Rolle, beim Bundeswettbewerb hingegen ist es wiederum anders. Man kann sagen: Je höher die Wettbewerbsebene, desto mehr ist die berufliche Orientierung von Bedeutung. 

Edgar Auer

Edgar Auer © Feuerstein-Fotografie/Bundesgeschäftsstelle Jugend musiziert

Wer legt denn die Kategorien jedes Jahr fest, in denen sich die Jugendlichen messen?  

Auer: Man muss zunächst sagen, dass die Attraktivität des Wettbewerbs davon lebt, dass er sich an der Musizier- und Unterrichtspraxis in Deutschland orientiert. Angefangen hat alles mit den klassischen Orchesterinstrumenten, später kamen in den siebziger Jahren die Gitarre und das Akkordeon dazu. Dann wurde der Gesang als Kategorie aufgenommen. Als letztes kamen die popaffinen Instrumente hinzu – Drum Set, Pop-Gesang, E-Bass, E-Gitarre. Über die Aufnahme neuer Kategorien und Instrumente wird in den jeweiligen Trägerverbänden entschieden, in unserem Fall ist das der Deutsche Musikrat, und in den jeweiligen Ausschüssen auf Regional-, Landes- und Bundeswettbewerbe. Dort kommen die neuen Kategorien sozusagen auf den „Prüfstand“, wobei es sich aber um längere Prozesse handelt. 

Wann wird über die Aufnahme eines neuen Instruments als Kategorie nachgedacht? 

Auer: Hierfür gibt es keine spezifischen Zeitraster. Es hängt vom jeweiligen musikpädagogischen Bedarf ab. Je häufiger ein Instrument an den Musikschulen und an den Musikhochschulen des Landes nachgefragt und unterrichtet wird, desto attraktiver wird es für Jugend musiziert als Kategorie. Bevor eine neue Kategorie in den Wettbewerb Einzug erhält, wird ihr Profil in den entsprechenden Gremien diskutiert. Darauf folgt eine sogenannte Pilotphase. Erst dann wird sie in den Kategorienkanon aufgenommen. 

Bewerben sich die meisten Kinder und Jugendlichen aus eigenem Antrieb oder steht da das Engagement der Eltern im Vordergrund? 

Auer: Das kommt klar auf die entsprechende Altersgruppe an. Die jüngsten Teilnehmer werden meist von ihren Eltern und Großeltern zur Teilnahme motiviert. Viele Anmeldungen laufen zudem über Musikschullehrer. Bei älteren Teilnehmern erfolgt der Antrieb meist von selbst, wobei ein sehr großer Anteil derer, die in den älteren Altersgruppen starten, schon zum wiederholten Mal an Jugend musiziert teilnehmen. Bis heute sind ungefähr eine dreiviertel Million Kinder und Jugendliche angetreten. 

Werden denn alle Bewerbungen berücksichtigt? 

Auer: Es werden ausnahmslos alle Bewerbungen berücksichtigt. Jugend musiziert ist ein offenes System, bei dem sich jeder anmelden darf und kann, der die wenigen Teilnahmevoraussetzungen erfüllt. Man muss als Amateur lediglich in seiner entsprechenden Alterskategorie starten und die dem Alter entsprechenden Zeitvorgaben und Epochenvoraussetzungen der Darbietung einhalten. Innerhalb dieser wenigen Zugangsvoraussetzungen ist ein individuelles Darbietungsprogramm möglich. Dazu kommt noch die Bedingung, dass sich kein Teilnehmer in einer musikalischen Vollausbildung befinden oder einen Musikerberuf ausüben darf. Denn dann gilt er als Profi. 

Wer wählt die Jurymitglieder nach welchen Kriterien aus? 

Auer: Das erfolgt auf entsprechender Ebene in den zuständigen Ausschüssen, also auf Regional-, Landes- und Bundesebene, unter Berücksichtigung der entsprechenden Kategorie. Einbezogen werden dabei Fachleute von Musikschulen, allgemeinbildenden Schulen, Musikfachverbänden und Musikhochschulen. Insgesamt sollen alle Ausbildungsinstitute pro Kategorie gleichmäßig vertreten sein.   

Wie finanziert sich Jugend musiziert? 

Auer: Das lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Alle drei Wettbewerbsebenen werden abgesichert durch das Land, die Kommunen und Länder und das Familienministerium. Hinzu kommen private Förderer und die Sparkassen, welche die öffentlichen Mittel aufstocken. Insgesamt sind das einhundertsechzig Regionen, die so aus größtenteils öffentlicher Hand finanziert werden.

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