Interview Terence Blanchard

„Wer weiß, wonach meine nächste Oper klingt“

Terence Blanchard über mannigfache musikalische Einflüsse bei seiner Kompositionsarbeit, eine folgenreiche Empfehlung seiner Ehefrau und seine filmmusikalischen Arbeiten.

© Cedric Angeles

Terence Blanchard

Terence Blanchard

Nachdem sie anderthalb Jahre geschlossen war, öffnete die New Yorker Metropolitan Opera Ende September wieder ihre Tore. Dabei stand eine ganz besondere, gleichwohl überfällige Premiere an: Mit „Fire Shut Up in My Bones” von Terence Blanchard führte die Met erstmals in ihrer 138-jährigen Geschichte eine Oper aus der Feder eines Afroamerikaners auf.

Terence Blanchard, Sie haben zwei Opern geschrieben, viel mit Filmmusik und Filmorchestern zu tun gehabt, sind aber auf der anderen Seite nach wie vor sehr aktiv und erfolgreich als Jazztrompeter, als welcher Sie mehrere Grammys gewonnen haben. Der Bereich von klassischer Musik und Oper auf der einen Seite, Ihre Kunst als Trompeter und in den Bereichen, wo Sie lehren, auf der anderen Seite: Gibt es Punkte, wo sich das berührt, oder sind diese Bereiche sehr getrennt?

Terence Blanchard: Nein, diese Bereiche sind natürlich überhaupt nicht getrennt. Es geht für mich immer darum, etwas über die jeweiligen Traditionen zu erfahren. Und darum, entsprechende Fähigkeiten zu entwickeln, selbst Musik zu schaffen, die diese Traditionen weiterführt. Ein Dur-Akkord zum Beispiel ist dabei erstmal, was er ist – ob er sich nun im Jazz ereignet oder in der Klassik. In den verschiedenen Feldern beginnt dann der Diskurs darüber, wie und in welchem Zusammenhang man einen solchen Akkord artikuliert, wie man ihn phrasiert, wie man ihn in Rhythmus oder in harmonische Entwicklungen einbindet. Man forscht dann natürlich in jeweils verschiedenen Traditionen, aber man forscht eben. Ich fand es immer interessant, wie sich Musik in der Geschichte entwickelt hat, ob in der europäischen oder der Jazztradition. All das ist westliche Musik, all das basiert auf Chromatik, der gleichmäßigen Skala der Halbtöne. Ich bin immer fasziniert davon gewesen, wie diese Skala zu so verschiedenen Arten von Musik führen kann, wenn man sich nur die Spielarten auf dieser musikalischen Basis auf der ganzen Welt anschaut.

Sie sprechen über die Traditionen musikalischer Stile, mit denen Sie sich schon lange beschäftigen: Auch in Ihrer Oper „Fire Shut Up in My Bones“ hört man, wie bewusst Sie sich vergangener Traditionen im Musiktheater sind. Man hört Anklänge an US-Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts, aber auch Gesangslinien, die sehr viel vom italienischen Belcanto um 1900 haben und vor allem an Puccini erinnern. Gibt es, jenseits Ihres Personalstils, noch andere Einflüsse, die man vielleicht nicht sofort hört?

Blanchard: Natürlich gibt es verschiedene Einflüsse in meiner Musik. Ich liebe Strawinsky, ich liebe Wagner. Aber ich glaube, für die Geschichte, die es in der Oper zu erzählen galt, war der Rekurs auf Puccini passender. Es ist so ähnlich wie bei meinen früheren Filmkompositionen. Ich erinnere mich an einen meiner ersten Filme: „Jungle Fever“ von 1991 in der Regie von Spike Lee. Ich habe für die Komposition noch einmal sehr genau Strawinskys „Sacre du printemps“ studiert. Die Art von Geschichte machte so eine Musik für mich einfach erforderlich. Wer weiß, wonach meine nächste Oper klingt. Kommt ganz auf das an, was für eine Geschichte da erzählt wird.

© Ken Howard/Met Opera

Will Liverman in Terence Blanchards Oper „Fire Shut Up in My Bones“

Will Liverman in Terence Blanchards Oper „Fire Shut Up in My Bones“

Der Plot Ihrer neuen Erfolgsoper „Fire Shut Up in My Bones“ lehnt sich an die autobiografische Erzählung des bekannten schwarzen US-Journalisten Charles M. Blow an, der die rassistische Diskriminierung und einen erlebten sexuellen Missbrauch in seiner Jugend zum Thema macht. Wie kamen Sie zu diesem Stück?

Blanchard: Meine Ehefrau hat es mir empfohlen. Als ich es zum ersten Mal las, war für mich klar: Die Geschichte als solche kann ich mir durchaus im Musiktheater vorstellen, die Weise, wie sie erzählt wurde, weniger. Ich wusste, dass ich eine erfahrene Drehbuchautorin wie Kasi Lemmons an meiner Seite brauchte, um das Buch zum Opernlibretto umzuformen. Mit Kasi habe ich schon bei vielen Filmen zusammengearbeitet.

Worin bestanden die größten Herausforderungen, aus dem Buch eine Oper zu machen?

Blanchard: Anders als in meiner ersten Oper „Champion“ über die schwarze Boxlegende Emile Griffith gab es zunächst nicht den einen großen Moment, den dramatischen Höhepunkt, den man in einer Oper nun mal braucht. Blow erzählt sein Leben, und trotz seiner schrecklichen Erlebnisse als Jugendlicher geht es eben einfach irgendwie weiter. Wir haben das dann so gelöst, dass die Handlung am Anfang und am Ende eingerahmt wird von seiner Autofahrt mit einer Pistole auf dem Rücksitz – weil er plant, seinen einstigen Vergewaltiger, seinen Cousin, zu töten. Die eigentliche Handlung dazwischen wird als ein langer Flashback erzählt. Aber das sind handwerkliche Dinge. Wissen Sie, mein Kompositionslehrer Roger Dickerson hat mir immer gesagt, ich soll nicht daran denken, dass ich eine Oper schreibe. Ich soll nur daran denken, dass ich eine Geschichte erzähle. Und sobald ich das verstanden hatte, verstand ich auch, wie man in Opern musikalische Wirkungen und Emotionen erzeugen kann. Aber es ist ja nicht nur die Musik, von der eine Handlung profitiert, wenn sie als Oper gefasst wird. Oper ist nun mal ein Gesamtkunstwerk mit Szene, Darstellung, Gesang, Licht, Kostümen. Ich sah mal eine Kostümprobe für Puccinis „Turandot“ an der Met. Es war die legendäre Inszenierung von Franco Zeffirelli. Es war so faszinierend, das zu sehen: Nur die Kostümprobe hatte schon eine so unglaubliche Wirkung. Das Theater entführt dich in eine andere Zeit und in eine andere Welt, nach wie vor.

Mit „Fire Shut Up in My Bones“ wird erstmals an der Metropolitan Opera in New York eine Oper eines schwarzen Komponisten aufgeführt. Hat Sie der Erfolg der Produktion überrascht?

Blanchard: Ja, der hat mich sehr überrascht. Ich war sehr nervös und hatte Sorge, was wohl passieren würde. Das Stück wurde ja in St. Louis in Michigan uraufgeführt, zwar auch mit einer großen Kraft und Kompetenz. Ich bin ihnen unglaublich dankbar für das Vertrauen, mir diese Möglichkeit zu geben. Aber das dortige Theater hat gerade mal 900 Plätze. Die Met hat 4000. Die riesige Bühne der Met, und dann diese immense Tradition dort. Das Unglaubliche an der Sache war dann aber, dass teilweise völlig neue Leute in die Oper kamen.

© Jonathan Tichler/Met Opera

Yannick Nézet-Séguin und Terence Blanchard

Yannick Nézet-Séguin und Terence Blanchard

Was waren das für Leute?

Blanchard: Das weiß ich natürlich nicht genau. Aber viele Journalisten, die seit Jahrzehnten aus der Met berichten, haben geschrieben, es sei das diverseste Publikum gewesen, das sie hier je gesehen hätten. Erstmal kann das ja nur gut sein in Zeiten, wo die Künste so zu kämpfen haben. Und ich hoffe, dass unser Stück für diese Menschen auch ein Zugang zur Welt der Oper im Allgemeinen sein wird. Ich würde mir genau das wünschen: dass die Menschen meine Oper hören und dadurch auch neugierig werden auf die Geschichten, die in anderen Opern erzählt werden. Auch die Met hat mir da ja einen großen Vertrauensvorschuss gegeben – schließlich haben sie von langer Hand geplant, das Stück live in internationale Kinos auszustrahlen. Wie da die Reaktionen sein werden, da bin ich auch sehr gespannt.

Haben Sie eigentlich noch Zeit, Trompete zu üben?

Blanchard: Ich habe ja parallel zu den Vorbereitungen für die Opernproduktion an der Met für das Label Blue Note eine CD aufgenommen, ein Album, das Wayne Shorter gewidmet ist. Natürlich muss ich da Zeit zum Üben finden. Die Trompete verzeiht keine Nachlässigkeiten.

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