TV-Tipp 8.9.: Mozarts „Entführung aus dem Serail“ aus Lyon

Neue Entführung

Auch Mozarts viel gespielte „Entführung aus dem Serail“ kann neu erzählt werden: Regisseur Wajdi Mouawad hat für die Opéra de Lyon die Dialoge neu geschrieben, um den Geschlechterkampf zu thematisieren

© Stofleth

Opéra de Lyon bei Nacht

Opéra de Lyon bei Nacht

Joseph II. hatte angeordnet, dass „das Theater nächst der Burg hinfort das Deutsche Nationaltheater heißen soll“. Mozart bewarb sich, dafür das erste „Teutsche“ Singspiel zu schreiben, „wenn mir der Kaiser Tausend gulden giebt“. Ganz so viel bekam er nicht – er war zu „neu“, und ganz die erste „teutsche Oper“ wurde es auch nicht, aber sie setzte Maßstäbe: „Die Entführung schlug alles nieder“, bekannte Goethe, der sich selbst auch um einen Singspielstil bemühte.

Dem ungeliebten Salzburger Fürstendienst entronnen, hatte sich der junge Komponist kurz darauf als selbstbewusster freier Künstler in Wien niedergelassen. Gegen den Willen des Vaters heiratete er dort Konstanze Weber, die Namensgeberin der weiblichen Hauptfigur der Oper wurde. „Jedem muss auffallen, wie oft und wie zärtlich der Name Konstanze erklingt – schließlich wandelte der junge Mozart auf Freiersfüßen“, schreibt Mathias Husmann in seinen „Präludien fürs Publikum“.

Die nonverbale Kraft der Musik in Mozarts „Entführung aus dem Serail“

Auch wenn das Libretto zumindest literarisch gesehen nicht der große Wurf ist, so ist die nonverbale Kraft der Musik umso intensiver: Eine im Grundgedanken zwar bemerkenswerte, literarisch aber schwache Textvorlage wird bei eben den Personen, die in Arien und Duetten ihre Freuden und Schmerzen hinaussingen zu einem Seelendrama der eindringlichsten Art – und wirft zudem einige Fragen auf: Sind die Türken wirklich so böse und frauenverachtende Menschen, wie Belmonte behauptet? Hat Belmonte Konstanze wirklich so heldenhaft der Herrschaft des Bassa entrissen?

Hier widerspricht Konstanze aufs Entschiedenste. Zumindest in der Textfassung von Regisseur Wajdi Mouawad. Er hat für seine Inszenierung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ einen Prolog verfasst und neue Dialoge geschrieben – der dritte Aufzug eröffnet gar mit einem muslimischen Gebet.

So hat Konstanze das Geschehen im Serail ganz anders wahrgenommen als ihr Geliebter. Deswegen schildern sich die beiden noch einmal gegenseitig ihre ganz eigene Sicht. Und auch Pedrillo und Blonde kommentieren die Vorgänge am Hofe des Bassa aus ihrer jeweils eigenen Perspektive. Dabei zeigt sich nach und nach, dass sich die vermeintlich aufgeklärten europäischen Männer in ihrem Verhalten Frauen gegenüber nicht sehr vom Verhalten der angeblich so rückständigen Türken unterscheiden. Wer im Geschlechterkampf wohl die Oberhand gewinnen wird?

concerti-Tipp:

Sa. 8.9.2018, 20:15 Uhr
Mozart: „Entführung aus dem Serail“
Erstausstrahlung aus der Opéra de Lyon 2017
3sat

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