Opern-Kritik: Hamburgische Staatsoper – Simon Boccanegra

„Addio, Simone!“

(Hamburg, 7.6.2015) Generalmusikdirektorin und Intendantin Simone Young verabschiedet sich mit Verdis düsterem Meisterwerk aus der Hansestadt

© Klaus Lefebvre

Mit der Inszenierung von Claus Guth trat Simone Young 2006 ihre Amtszeit in Hamburg an

Soll man jetzt Bilanz ziehen? Tops gegen Flops setzen? Simone Youngs zehnjährige Amtszeit an der Elbe zur Ära stilisieren? Oder mal wieder beklagen, dass der Australierin die selbstgewählte Doppelbelastung als Intendantin und Generalmusikdirektorin so wenig gut getan habe wie der Staatsoper selbst, die international keineswegs mehr die Rolle spielt, die ihr einst unter Rolf Liebermann oder später unter dem Duo Gerd Albrecht und Peter Ruzicka zukam?

Versöhnungstöne

Mit der letzten von Young geleiteten Opernproduktion in Hamburg strömen so zarte Töne der Versöhnung aus dem Graben, dass die Kräche mit ihrem Orchester wie verflogen scheinen und die große Abrechnung ausbleiben kann: Dieser Simon Boccanegra dient der Abrundung. Und in der Tat schließt sich da ein Kreis. Mit eben dieser Inszenierung von Claus Guth setzte Young anno 2006, somit gleich zu Beginn ihrer nun zu Ende gehender Amtszeit, ein hoffnungsvolles Zeichen des Anfangs: Verdis altersweise Oper realisierten Young und Guth psychoanalytisch präzise als gleichsam filmische Rückschau auf das Leben des Dogen von Genua, der im Moment seines im Vorspiel vorweggenommenen Todes die Stationen seines Scheiterns mal im Zeitraffer, mal in Zeitlupe Revue passieren lässt und sich dabei mitunter selbst zusieht – zwei Doppelgänger helfen seiner Selbstbespiegelung und seinem Neben-Sich-Stehen. Das sprunghafte Kaleidoskop, ja die Traumlogik des Librettos bedingen den geschickten Inszenierungsansatz, der zumal den immensen Abstand von 25 Jahren zwischen Prolog und 1. Akt glaubhaft machen kann.

Schmerzenskind

Die erneute Einstudierung dieser Erfolgsproduktion passt zu einem erstaunlich stillen Abschied Simone Youngs: Die Aufführung dieses molldunklen Verdi-Werks – statt eines C-Dur-fugenfroh festlichen Falstaff oder doch eher Youngs Hausheiligen Strauss und Wagner– hat aus sich heraus etwas Retrospektives. Man hat den Simon Boccanegra als Verdis Parsifal bezeichnet: Er ist Endwerk und Schmerzenskind, er ist eigentlich kein Publikumsrenner, denn er bietet kaum Zwischenapplaus förderndes Arienfutter, schreit vielmehr nach überlegen starken Sängerpersönlichkeiten. Und er bedarf eines die dunkle Verdi-Tinte sensibel nachzeichnenden Orchesters. Simon Young und die Philharmoniker bestechen denn auch mit einem warm weichen, gut phrasierten Verdiklang. Da wird die oft schwarze Farbe nie mit zu dickem Pinsel, sondern gut abgemischt mit herbstlichen Brauntönen und melancholischen Violetts aufgetragen.

Aufeinander-Hören

Und es stehen fast durchweg Sänger auf der Bühne, die nicht einfach ihren Verdi brüllen, sondern darum wissen, wie viele Piani in der Partitur stehen, und das Vermögen besitzen, den hohen Anforderungen mit vokaler Feinzeichnung zu entsprechen. Die meisten Sänger der Hauptpartien harmonieren herrlich, gerade in ihrem behutsamen Aufeinander-Hören. Allen voran das bewegende Vater-Tochter-Paar aus Simon Boccanegra und Amelia Grimaldi. George Gagnidze und Barbara Frittoli bestechen gemeinsam durch gestalterischen Geschmack und feinsinnige Pianokultur: der Georgier mit dem mürben Timbre seines verschatteten, echt edlen Baritono nobile, die Italienerin mit stupender Atemkontrolle und substanzreichem Mezza Voce ihres innig fraulichen, zu Herzen gehenden Soprans. Bass-Veteran John Tomlinson, als einziger von der ursprünglichen Premierenbesetzung jetzt wieder dabei, ist in seiner raumgreifenden Persönlichkeit und seiner wissenden Durchdringung eines jeden Wortes des Fiesco ohnehin eine Klasse für sich, auch wenn seine Großinquisitoren-Grabesstimme und die seit langem problematische Höhe nicht gerade den strengen Regeln des Schöngesangs entsprechen. Wahrheit geht auch in der Oper im Zweifel vor Schönheit.

Ob Simone Young diesen Simon Boccanegra auch an das Ende ihrer Amtszeit stellt, weil in ihm ein Satz gesungen wird, den sie auf sich selbst beziehen kann? Den Gruß „Addio, Simone!“ richtet John Tomlinson als Fiesco natürlich an die männliche Titelfigur der Oper. Mit einem kaum merklichen Augenzwinkern schien der Brite hier aber auch der scheidenden Generalmusikdirektorin seine Verehrung auszusprechen: „Addio, Simone Young!“

Hamburgische Staatsoper

Verdi: Simon Boccanegra

Ausführende: Simone Young (Leitung), Claus Guth (Inszenierung), Christian Schmidt (Ausstattung), George Gagnidze, Barbara Frittoli, John Tomlinson, Giuseppe Filianoti, Robert Bork, Philharmoniker Hamburg, Chor der der Staatsoper

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