Opern-Kritik: Deutsche Oper Berlin – Falstaff

Die Geburt der Komödie aus dem Geiste der Musik

(Berlin, 17.11.2013) Für Verdis Schwanengesang Falstaff kehrt Christof Loy an die Deutsche Oper Berlin zurück – und triumphiert

© Hans Jörg Michel

Elena Tsallagova (Nannetta), Noel Bouley (Falstaff), Chor und Statisterie der Deutschen Oper Berlin

Wenn denn die ganze Welt eine Bühne ist, wie Falstaffs literarischer Vater William Shakespeare einst  befand, dann muss diese Welt im Kleinen auch zum Bühnenbild taugen. Und so lässt sich Christof Loy für seine Inszenierung des letzten Geniestreichs des 200-jährigen Jubilars einfach von Johannes Leiacker Verdis Vermächtnis nachbauen. Das sind fraglos seine Opern, im besonderen Sinne freilich ist es Verdis „Casa di Riposo per musicisti“ in Mailand. In ihr finden bis heute mittlerweile mittellose Primadonnen und Pultstars einen Alterssitz, geben statt den jubelnden Melomanen nun einander Kostproben ihres Könnens und spielen die Rollen ihres Lebens einfach weiter – ob nun jene als tenoraler Schwärmer oder baritonaler Bösewicht. Die Bewohner dieses speziellen Altenheims sind Künstler, die alles erlebt haben und dennoch Kinder geblieben sind, die am liebsten in ihrer eigenen Welt leben: „Vissi d’arte“. Sie lebten für die Kunst.

Muss dieses Biotop der „Casa Verdi“ nicht zum perfekten Setting taugen für eine Inszenierung des Falstaff? Dieser Verdi-Schwanengesang mit seinem alternden Ritter, der eine große Vergangenheit hatte, nun aber eine erbärmliche Gegenwart ertragen muss? Dieser Falstaff mit seinem otellonesk eifersüchtelnden Gegenspieler Ford, der den Alten ordentlich vorführt, um am dennoch C-Dur-froh fugierten Ende seinerseits ein Gefoppter zu sein? Diese späte Komödie mit ihrer Shakespeare-Personnage der lustigen Weiber von Windsor, diesen gewitzten Frauenzimmern, die so oder ähnlich schon bei Rossini die Opernbühne bevölkert hatten?

Zugegeben: Loys Ansatz ist nicht wirklich neu. Bei den Salzburger Festspielen war er diesen Sommer zu sehen. Er wird hier jedoch ganz vielschichtig, mit ganz viel Liebe zum Detail und einer ganz ausgeprägten szenischen Musikalität durchexerziert. Dahinter steht die Überlegung: Was wäre, wenn eine vor 50 Jahren angebetete Traviata, die heute tief gebeugt am Stock geht, nochmal die Rollen ihres Jugend mimt? Nochmal hineinschlüpfte in die Kostüme von damals und ihren ganze Erfahrung, ihren ganzen Geist, ihre ganze Musikalität nochmal aufleben ließe? Loy geht diesen Fragen nach – mit verblüffendem wie beglückendem Ergebnis, mit einer Hommage an Verdi, ja auch mit einer Huldigung an das Alter und die Unsterblichkeit der Erotik.

Da die Deutsche Oper Berlin für diese Falstaff-Premiere aber gerade nicht die handelsüblichen Verdächtigen engagiert hat, die von München bis zur MET ihre Charakterpartien stemmen, entsteht ein Spannungsfeld zwischen jungen Sängern und den darzustellenden „alten“ Figuren mit ihren tragikomischen Fettwänsten, ihrer Melancholie und ihrem Erinnern an ein sexuelles „Es war Einmal“, das sie allzu gern in ein „Wir wollen nochmal“ verwandeln würden. Den Widerspruch macht Loy als klug einfühlsamer Beobachter des Seelenlebens theatralisch fruchtbar. Seinen Falstaff lässt er im „L’Onore“-Monolog den umgeschnallten Theaterbauch ablegen. Wenn Alice sich in ihre Mädchen-Leidenschaft zurücksingt, gewinnt auch sie beim Singen ihre Jugend zurück. Ihre Freundinnen machen es ihr nach. Loy spielt ganz leichtfüßig mit den Ebenen: Junge spielen Alte, die wieder jung werden. Widersetzt sich da der Darsteller der Figur und spielt sich selbst? Oder gewinnen vielmehr die Insassen der „Casa Verdi“ durch ihr Spiel und die ewig junge Musik des alten Verdi für die Dauer des Spiels auch ihre eigene Lebenskraft zurück? Und verwandeln sich also in junge Sänger zurück? Mehr noch wird hier nach dem Verhältnis von Wahrheit und Lüge, theatralischer Behauptung, Illusion und Ironie gefragt.

Durch das Hinein- und Herausschlüpfen aus der Rolle in Verbindung mit Verdis ureigenem wie vielseitigem Verweisen, zeichenhaften Zitieren und Anspielen auf alle vorangegangenen Opern entsteht so am Ende auch ein komödiantischer Diskurs über das Theater selbst. Der ist nie dramaturgenklug verkopft, sondern kommt  flink und frisch, voller Witz und Geist daher. Das schönste Lob, das man dieser Regie-Arbeit machen kann, lautet: Hier ereignet sich die Geburt der Komödie aus dem Geiste der Musik. Dazu spielt das Orchester als szenischer Impulsgeber die Aufgeblasenheit wie die Rülpser des Alten mit gleichsam vulgärer Schönheit aus, GMD Donald Runnicles drückt dazu ordentlich aufs Tempo, stützt dabei aber auch seinen jungen Sänger. Das enorme Risiko, hier nicht gewohntes Startheater, sondern stattdessen einmal Charlottenburger Stadttheater mit ausgeprägtem Ensemblegeist zu wagen, geht auf. Noel Bouley als Einspringer aus dem Opernstudio fehlt in der Titelpartie zwar die passende bass-baritonale Riesenröhre, mit durchaus imposanter Statur und Spielfreude und einem gewinnenden Mezza-Voce-Parlando macht er freilich wett, was ihm stimmlich noch fehlt. So jugendlich kam die Erotik des Alters jedenfalls selten über die Rampe. Eine gute Nachricht eigentlich. Vielleicht sollten wir alle einfach mehr singen.

Deutsche Oper Berlin

Verdi: Falstaff

Ausführende: Donald Runnicles (Leitung), Christof Loy (Inszenierung), Johannes Leiacker (Bühnenbild), Ursula Renzenbrink (Kostüme),  Noel Bouley, Michael Nagy, Joel Prieto, Barbara Havemann, Elena Tsallagova, Dana Beth Milller, Orchester der Deutschen Oper Berlin

Termine:  22./29.11., 5./7./30.12., 4.1., jeweils 19:30 Uhr

Weitere Termine der Deutschen Oper finden Sie hier.

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