Opern-Kritik: Staatstheater Nürnberg – Aus einem Totenhaus

Erschütternde Lebensbeichten

(Nürnberg, 12.03.2016) Calixto Bieito und Marcus Bosch entfalten Janáčeks Sogkraft mit Maximalenergie

© Ludwig Olah

Levent Bakrici, Chor, Statisten

Hier herrscht rohe Gewalt. Und das ist kein Wunder: Reine Männergesellschaften neigen nun mal dazu. Und Brecht hat leider Recht: Die getreten werden, treten wieder. Hier stauen sich die Aggressionen mit den Hormonen. Das Fehlen von Freiheit in diesem Gefangenenlager irgendwo in Sibirien verschärft die Lage. Paradox gleichwohl, dass im Laufe von Leoš Janáčeks Oper keiner der wilden Kerle den anderen umbringt, obwohl die Jungs hier sehr wohl wegen allerhand Tötungsdelikten einsitzen: Aus einem Totenhaus gehört zu den wenigen tödlich ernsten Opern ohne Tote.

Calixto Bieito blickt tief in die Abgründe dieses grausigen Jammertals

Wenn dies ein Mangel ist: Calixto Bieito weiß ihn zu beheben. In der Inszenierung des für spritzende Körpersäfte berüchtigten und für das gnadenlose Ausloten menschlicher Abgründe berühmten Regisseurs lässt der sadistische Kommandant des Lagers kurzerhand einige Insassen abknallen, als ihm die Anarchie in diesem grausigen Unort zu heftig wird. Die Knackis rollen die Reste ihrer Kollegen hernach in handelsübliche Leichensäcke ein. Dieses frei nach Dostojewski auf die Opernbühne gehievte Jammertal verträgt denn doch so einige Drastik. Sie wirkt freilich in keinem Moment aufgesetzt oder übertrieben. Bieitos Deutung lebt von hoher Konzentration und ständiger Aktion, die gleichwohl nicht in Aktionismus abgleitet.

Bieitos brutale Bilder entfalten eine eigene Poesie

Der Katalane aktiviert vielmehr die durchaus bunte Verbrecherschar, der Solisten, Chor, Chorgäste und Statisten ihre Männerkörper aller Alters- und Gewichtsklassen leihen, mit der Meisterhand eines Regisseurs, der aus dem Kollektiv immer wieder individuelle Schicksale herauslöst und uns so viele ergreifende Geständnisse einzelner Gescheiterter vor Augen und Ohren führt. Die grundsätzlich episch gebaute Oper gewinnt so über die Erzählungen der Gefangenen und die dazu geschalteten Parallelhandlungen maximale Sogkraft. Bieitos Bilder sind dabei von prallem Realismus, sie entfalten bei aller ausgestellten Brutalität gleichwohl eine eigene Poesie. Der im Lager gelandete verletzte Adler ist hier ein einmotoriger, defekter Doppeldecker, der spektakulär auf der Bühne einschwebt und den Insassen zum Zeichen der erträumten Freiheit über den Wolken wird.

Marcus Bosch inszeniert am Pult seines hellwachen Orchesters grandios das ständige Umschlagen der Affekte in dieser scharf gezeichneten Partitur

Die unerhörte, pausenlose, nie nachlassende Spannung dieses grandiosen Musiktheaterabends basiert indes auf der maximalen musikalischen Qualität. Denn Marcus Bosch spürt mit der Staatsphilharmonie Nürnberg den unzähligen schnellen kleinen Janáček-Motiven mit einer so sprechenden Prägnanz und tollen Präzision nach, dass wir unmittelbar hineingezogen werden in die ausweglose Normalität dieser Grenzsituation eines Ortes weit von der Welt, die wir zivilisiert nennen. Bosch inszeniert geradewegs am Pult seines hellwachen, mit tiefem Bewusstsein spielenden Orchesters das ständige Umschlagen der Affekte in dieser nervösen, scharf gezeichneten Partitur von Janáčeks bester Oper. In Sekundenschnelle wechselt da die Semantik der Motive, die Bosch gleißend herausmeißelt: Aggressivität wird in Zärtlichkeit und Wehmut umgebogen, dauernde Depression in Momente der Hoffnung.

Da tun sich Inseln des Schönen auf, da berührt auf einmal ein einsamer Sehnsuchtston der Solovioline, um sogleich schon wieder zu ersticken im düsteren Grauen des real existierenden Lagerlebens. Nürnbergs GMD hält das Tempo hoch, die Sogkraft auf der Bühne entspricht punktgenau jener aus dem Graben, und in 90 unglaublich dichten Minuten ist der Totenhaus-Spuk auch schon vorbei. Ein Opernabend von seltener Wahrhaftigkeit! Jeden Sänger aus dem markant besetzten, riesigen Männerensemble zu würdigen, sprengt den Raum der Kritik: Hervorgehoben sei nur Ausnahmebariton Antonio Yang, der in seinem Bericht von seiner unglücklichen Liebe in sängerdarstellerischer Weltklasse eine erschütternde Beichte ablegt.

Staatstheater Nürnberg

Janáček: Aus einem Totenhaus

Marcus Bosch (Leitung), Calixto Bieito (Regie & Bühne), Philipp Berweger (Bühne), Ingo Krügler (Kostüme), Antonio Yang, Kay Stiefermann, Cameron Becker, Tilmann Unger, David Kim, Alexey Birkus, Marcell Bakonyi, Richard Kindley, Edward Mout, u.v.a., Staatsphilharmonie Nürnberg

Weitere Infos zum Staatstheater Nürnberg finden Sie hier.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *