Opern-Kritik: Rossini Opera Festival – La Gazzetta

Fellini trifft Rossini

(Pesaro, 20.8.2015) Besser als in seinem italienischen Geburtsort hört man Rossini nirgends

© Rossini Opera Festival

Die Bühne ist fast leer, aber es geht lustig zu im Teatro Rossini. Ein beleibter Mann mit Kugelbauch, eine Type wie Komiker Oliver Hardy, betritt die Szene. Es ist der reiche, ehrgeizige Kaufmann Don Pomponio. Die Pariser Gesellschaft mokiert sich über ihn, weil er per Inserat einen noblen Mann für seine Tochter Lisetta sucht. Und als wäre das Gespött der Leute noch nicht genug, veralbert ihn sein Diener Tommasino als clownesker Pantomine mit outrierter Gestik und Mimik.

Quicklebendige Personenregie: Es darf gelacht werden

Es darf viel gelacht werden in Marco Carnitis Inszenierung von Rossinis Oper La Gazzetta, der einzigen Neuproduktion der jüngsten 36. Rossini-Festspiele im italienischen Pesaro an der Adria. Carniti, der als Schauspieler mit Federico Fellini arbeitete und am Piccolo Teatro in Mailand dem berühmten Giorgio Strehler assistierte, versteht sich auf eine kostensparende Einfachheit. Mit einer quicklebendigen Personenregie entwickelt er das Liebesverwirrspiel um zwei junge Frauen, die von ihren Vätern mit finanzkräftigen Ehemännern verkuppelt werden sollen.

Für die Ausstattung reichen ein paar Zeitungsfahnen, die vom Bühnenhimmel herabhängen, verschiebbare Podienelemente, große Buchstaben und Wolkenkreationen aus Gaze. Schon damit lässt sich eine surreal angehauchte Bildlichkeit zaubern, die in ihren schönsten Momenten an Gemälde von René Magritte erinnert (Bühne: Manuela Gasperoni).

Das Festival gräbt buffoneske Rarität aus

Die in Neapel um 1816 uraufgeführte, auf Carlo Goldonis Komödie Il matrimonio per concorso („Die Heirat per Anzeige“) basierende Opera buffa zählt zu den weniger bekannten früheren Werken Rossinis, um die sich das Festival dankenswerter Weise ebenso verdient macht wie um die bekannten, die alle großen Opernhäuser im Repertoire haben.

Rossini recycelt sich selbst

La Gazzetta stand nicht zum ersten Mal auf dem Programm, aber – es ist unglaublich – erstmals in der vollständigen Fassung mit einem wiedergefundenen Quintett, das nicht zufällig recht vertraut klingt: Rossini hat es später in seinem wohl berühmtesten Werk, dem Barbier von Sevilla, noch einmal zitiert. Darüber hinaus hat sich Rossini in La Gazzetta auch an einigen anderen Stellen selbst recycelt, so finden sich hier und da Anklänge an den Türken in Italien oder auch an die ein nur ein halbes Jahr früher entstandene Märchenoper La Cenerentola.

Sängerentdeckungen aus dem eigenen Akademiestall

Die Aufführung ist auch musikalisch vom Feinsten, wobei es treffliche Sänger zu entdecken galt, von denen einige international noch weniger bekannt sind. Es ist dies wohl auch ein Verdienst des künstlerischen Festivaldirektors Alberto Zedda, der ein gutes Gespür für den Nachwuchs hat, den er sich in der Accademia Rossiniana heranzieht. Nicht, dass in Pesaro keine internationalen Stars auftreten würden, die waren etwa in Gestalt des Baritons Nicola Alaimo als Don Pomponio auch an Bord. Doch können die übrigen als ebenbürtige Partner mit solchen Größen mithalten.

In La Gazetta förderte also das ganze Ensemble wunderschöne Timbres zutage, angefangen von dem hellen Sopran der armenischen Sängerin Hasmik Torosyan (Lisetta) über den russischen Tenor Maxim Mironov bis hin zu dem profunden neapolitanischen Bariton Vito Priante, der in Pesaro als Lisettas Geliebter Felippo debütierte. Nur in den hohen Registern hätte man sich bei den Frauenstimmen noch mehr Anteil an Kopfstimme gewünscht, die Spitzentöne tönten bisweilen ein wenig angestrengt, dick und scharf.

Trefflicher Dirigent: Enrique Mazzola

In dem Spanier Enrique Mazzola, der die Partitur samt virtuosen Koloraturen, feinen Lyrismen, sprudelnden Kaskaden und rasanten Strettas temperamentvoll in die Hand nahm, hatte die Aufführung mit dem Orchester des Teatro Comunale di Bologna zudem einen trefflichen Dirigenten.

Pesaro trotzt der italienischen Dauerkrise

Wie in jedem Jahr zeigte Pesaro insgesamt drei Produktionen. Aber so wie im finanzklammen Italien mittlerweile auch dem renommierten Rossini-Festival die Zuschüsse gekürzt wurden, musste es in diesem Jahr auf eine weitere Neuproduktion verzichten. Stattdessen nahm man zwei ältere Produktionen wieder auf: die 2007 mit der Arena di Verona koproduzierte La gazza ladra („Die diebische Elster“) und den Einakter L’inganno Felice aus dem Jahr 1994. Das internationale Publikum hat sich daran zum Glück nicht gestört, alle von uns besuchten Aufführungen waren bis auf den letzten Platz besetzt.

L’Inganno Felice ist, obwohl schon 21 Jahre alt, die bessere Produktion, das liegt vor allem an dem guten, zeitlosen Geschmack, den der Regisseur Graham Vick an den Tag legt. Er siedelt das Drama um eine junge Frau, die bei einem Grubenarbeiter Zuflucht findet, nachdem sie im Zuge einer Intrige von ihrem Ehemann auf dem Meer ausgesetzt wurde und nach einigen dramatischen Ereignissen wieder mit ihrem reuevollen Mann zusammenfindet, in einer malerischen Felslandschaft an.

Dagegen wirkte La gazza ladra in der Regie von Damiano Michieletto in der außerhalb von Pesaro gelegenen Adriatic Arena, einer modernen und etwas hässlichen Mehrzweckhalle, reiflich statisch, und auch die mit einer Vielzahl von Rohren ausgestattete Bühne (Paolo Fantin) optisch weniger ansprechend. Gesungen und gespielt wurde in beiden Wiederaufnahmen allerdings vorzüglich.

Trotz der Sparmaßnahmen konnte das Rossini-Festival seinen guten Ruf einmal mehr behaupten. Besser hört man Rossini sonst nirgends.

Rossini Opera Festival

Rossini: La Gazzetta

Enrique Mazzola (Musikalische Leitung), Marco Carniti (Regie), Manuela Gasperoni (Bühne), Maria Filippi (Kostüme), Nicola Alaimo, Hasmik Torosyan, Vito Priante, Raffaella Lupinacci, Dario Shikhmiri, Maxim Mironov, Josè Maria Lo Monaco, Andrea Vincenzo Bonsignore, Ernesto Lama, Orchestra e Coro del Teatro Comunale di Bologna

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