Opern-Kritik: Opernhaus Zürich – Tristan und Isolde

Hoch lebe die Königin des Wagnergesangs

(Zürich, 25.1.2015) Nina Stemme triumphiert als Isolde

© Suzanne Schwiertz

Isolde gebietet. Diese Königin steht nicht hinter irgendeinem starken Mann, sie braucht nicht mal ein männliches Pendant neben sich. Ihre Autorität und ihre Gefühlsstärke reichen vollends, um die Staatsgeschäfte zu lenken – und wenn’s doch mal brenzlig wird, helfen ja „der Mutter Künste“, geheimnisvolle Tränke in kleinen Fläschchen, die ihre Dienerin jenen Herren zu reichen hat, die ihr Probleme machen. Es lebe das Matriarchat. Wenn Nina Stemme, wie jetzt erneut am Opernhaus Zürich, die Isolde singt, ist gar nicht viele Aktion und Regie-Ambition nötig, um uns das Schicksal dieser grandiosen Heldin vor Augen und Ohren zu führen. Denn die Stemme „ist“ Isolde.

Die Schwedin verkörpert die Wagner-Königin in einer Vollkommenheit, die sprachlos macht. Isolde mit ihrem gleichsam angeborenen Stolz, diesem Selbstbewusstsein einer Frau, die zu herrschen gewohnt ist und für die Unterordnung undenkbar ist – sie wird auf einmal zur Untergebenen von gleich zwei Männern. Welch ein Trotz entfährt da der Erniedrigten. Ha, eine Isolde ordnet sich nicht unter, einem ungeminnten Alten, und sei es auch Herr König Marke, eh‘ nicht, und einem kühnen jungen Helden, dem ambitionierten Neffen des Königs, dem Herrn Tristan also, eigentlich auch nicht.

Nina Stemme gehört fraglos zu den besten Isolden aller Zeiten

Wenn Nina Stemme ihre Isolde als frühe Feministin des 19. Jahrhunderts in den schönen strengen Roben der Entstehungszeit einführt, singt sie von diesem Herrn Tristan in höchster Ironie als „Held“ oder „Knecht“. Sie färbt jedes Wort individuell, wissend, in höchster Rollendurchdringung ein, mischt die Stimmfarben in unendlichen Nuancen ab, gibt den Affekten der verletzten Königin vom furiosen Fortissimo ihres Rachefluches bis zum flüsternden Pianissimo ihrer aufkeimenden, nun eingestandenen Liebe zum Mörder ihres einstigen Verlobten weiten Raum zum Ausschwingen. Die dunkle Glut ihres in der Mittellage grundierten hochdramatischen Soprans, der bruchlos von der fraulich erdigen Tiefe bis zu den mädchenhaft jubelnden hohen Cs führt, ist ein Ereignis, wie man es in den Zeiten des ewigen Geredes von der Krise des Wagnergesangs kaum mehr für möglich hält. Kann man eine Isolde besser singen? Wohl kaum.

Nina Stemme gehört fraglos zu den besten Isolden aller Zeiten. Auf dem Zenit ihres Könnens vermag sie es, selbst noch im finalen Liebestod das so riskante Manöver scheinbar mühelos zu bewältigen, aus der vollen Fahrt der vollen Stimme in ein substanzvoll gehauchtes, in die Linie der Phrase perfekt eingebundenes Diminuendo einzubiegen: „unbewusst, höchste Lust“. Von so einem „Weib der Zukunft“ muss Wagner geträumt haben. Glücklich ist, wer sich von der Stemme überwältigen lassen darf, die im Verbund mit ihrer idealen vokalen Größe durch eine wunderbar konzentrierte, ganz auf das Mimische fokussierte szenische Durchdringung der Figur besticht und so die allmähliche Wandlung von der Rachegöttin zur Liebenden auch darstellerisch perfekt beglaubigt.

Stephen Gould, der designierte Tristan der diesjährigen Bayreuther Neuinszenierung, wächst an diesem Abend über sich hinaus

Rundum beglückend ist diese Wiederaufnahme der Inszenierung von Claus Guth aus der Saison 2008/09 aber letztlich deshalb, da die Züricher Oper eben kein beliebiges Startheater macht, sondern diesen Wagner von den Ensemble-Nebenrollen bis zu Stemmes Partnern stimmig zu besetzen weiß. Stephen Gould, der designierte Tristan der diesjährigen Bayreuther Neuinszenierung, wächst an diesem Abend über sich hinaus. Er ist ein baritonal gefärbtes Wagner-Schwergewicht, das bestens mit der Stemme harmoniert. Allein seine Durchschlagskraft und Kondition begeistern enorm, zudem bewahrt sich der Amerikaner eine berückende Mezza Voce-Fähigkeit, eine einschmeichelnd runde vokale Schönheit, die diesen hehren Helden durchaus sympathisch machen.

Szenisch reicht er zwar nicht an die absolute Rollenidentifikation der Stemme heran, die Intensität seiner Darstellung entwächst zuerst aus der musikalischen Durchdringung der Rolle. Wagner-Veteran Matti Salminen verkörpert die Erschütterung des Königs mit mittlerweile reduzierter Bassgewalt, aber ungeminderter Wirkung und Präsenz. John Lundgren gibt dafür als treuer Kurwenal den durchschlagskräftigen Bariton-Haudegen mit Tendenz zum Knödeln. Michelle Breedt ist eine warm und weich timbrierte Weltklasse-Brangäne,

Wagner weilt bei Wesendoncks

John Fiore führt die glänzend disponierte Philharmonia Zürich nach einem noch zurückhaltend ekstatischen Vorspiel mit sicherem Schlag und maßvollen Tempi durch die harmonischen Wunder und Sehnsüchte der Partitur. Die Inszenierung  von Claus Guth ist nach seinem verkorkst lustlosen Hamburger Ring ein Meisterwerk der triftigen, stimmungsstarken, ausgefeilten Reduktion. Seine Übertragung in Speisesaal, Schlafzimmer und Treibhaus der Züricher Wesendonck-Villa macht viel Sinn. Die biographischen Parallelen zu Wagners Affäre mit der Tristan-Muse Mathilde Wesendonck werden bei aller Offensichtlichkeit nicht überstrapaziert, sondern in eine kluge Analyse jenes Großbürgertums des Wagner-Jahrhunderts eingebunden, das in seinen feinen Abendgesellschaften zwar eigentlich nur mit sich selbst beschäftigt ist und dennoch darauf lauert, dass einer mal die Regeln des Anstands verletzt, um ihn alsbald mit der Höchststrafe zu belegen: dem gesellschaftlichen Ausgestoßen-Sein.

Oper Zürich

Wagner: Tristan und Isolde

 

John Fiore (Leitung), Claus Guth (Regie), Christian Schmidt (Ausstattung), Nina Stemme, Michelle Breedt, Stephen Gould, Matti Salminen, John Lundgren, Philharmonia Zürich

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