Mit feiner Eleganz und leichtem Schwung statt unter forciertem Drive beginnt die Ouvertüre. Auch später erweist sich die Anhaltische Philharmonie mit mustergültigem Leichtgewichtsformat zum schwerstmöglichen Zeitpunkt als beglückend kundige Strauss-Kapelle. Das Wiener Festjahr zum 200. Geburtstag des feschen „Schani“ ist vorbei, Silvester und damit der Hauptanlass für das nicht ganz korrekt als Champagneroperette bezeichnete „Fledermaus“-Filetstück auch. Denn Champagner – aber auch Wodka und Portwein – muss für alles herhalten, was die Figuren im leicht spießigen Salon, beim Parkfest des Prinzen Orlofsky und im Kleinstadt-Kittchen verbocken bzw. verzicken. Das alles geschieht unter Wolfgang Kluges umsichtiger musikalischer Leitung unauffällig und goldrichtig. Hier ein kleines Ziehen in der Streichergegend, da eine minimal noch mehr beschwingte Trommelpassage – und alles immer mit einer Hochkultur der angemessenn Dynamik. Das bedeutet meisterhafte Orchester-Delikatesse, Kammerspiel und die immer richtige Feinabstimmung mit dem boulevardesk und belcantesk gut aufgelegten Bühnenensemble. Dabei agierte die Regie von Generalintendant Johannes Weigand etwas unentschieden zwischen Operettenkrawall und feinsinniger Posse, Ausstattungsstück und Sittenbild à la Arthur Schnitzler. Zu sehen ist am Anhaltischen Theater Dessau von allem etwas.

Kaum Traditionszusätze
Das meiste von den als toxisches Gift handelbaren Erfindungen, welche man im 20. Jahrhundert hartnäckig über die Dialoge des Autorenduos Haffner und Genée gelegt hatte, wurde gestrichen. Also das, was vor allem die Kammerzofe Adele, den Gefängnisdirektor Frank und den verklemmten Rentier Eisenstein im Gegensatz zur Uraufführung 1874 im Theater an der Wien etwas dümmer und einschichtiger macht. Dafür hat Weiland das Ambiente genau mit kernigem Witz und spielerisch erhaschten Details gefüllt. Das Fest des frustfressenden Prinzen Orlofsky findet nicht im Saale statt, sondern im Park vor Schloss Mosigkau, einer hübschen Vorort-Residenz der Bauhausstadt Dessau. Joslyn Rechter, ein unauffälliger Mezzo von feiner Distinktion, entschwebt vor der Pause mit einer Ballongondel in Ukrainefarben nach oben und trägt dazu platinblonden Scheitel wie der US-amerikanische Präsident. Ein bisschen provinziell soll diese Party sein. So paradieren die sich voll ins Getümmel werfenden Damen viel Glitzerstoffe in grellen Farben (Kostüme: Judith Fischer). Nur eine Mata Hari posiert auffallend unauffällig und noch eleganter. Ein Traum an schulterfreier Eleganz, Haltung und Robe in Marin ist die „Balletteuse“ Ida (apart und direkt: Theresa Zschunke). Doch mehr interessierten sich Weigand und das Produktionsteam für die Rahmenakte.

Ehehafen und Ehegefängnis
Der unkommod vollgemöbelte und deshalb unbequeme Kleinsalon des Ehepaars von Eisenstein hat bei Moritz Nitsche haarscharf das gleiche Raumvolumen wie das Gefängnis. In beides leuchtet ein verheißungsvoll blauer Himmel, während die bürgerlichen Figuren unter Blässlichkeit und Fadesse leiden, deshalb sich mit maliziösen Verstimmtheiten an- und zustacheln. Die Ehe von Gabriel und Rosalinde geht so la-la. Man liebt und umhegt sich. Dazu sprudelt Rosalinde recht gern borstige Widerreden heraus, ohne dass gleich der Haussegen ganz schief hängt. Auf außerehelichen Spaß sind beide aus im Interieur der angegrauten Flieder- und Cognactöne. Da kokettiert Nitsches Bühne eher mit einem realistischen Schauspiel als greller Operetten-Buntheit. Auch das Gefängnis mit taubenblauen Wänden, den das Bauhausdesign in der gedachten Handlungszeit um 1900 vorwegnehmenden Funktionsmöbeln und vor allem ein latent depressiver Gefängnisdiener Frosch mit Durchblick sind fein ausgearbeitet. Philipp Buder macht die Komiker-Paraderolle zur filigranen, fast tragischen Gestalt mit Genialität für Paragraphen-Kenntnisse und aus innerer Not hinterm Sissi-und-Franz-Ölschinken versteckten Alkohol.

Hintergründige Momente und Kalauer
Kalauer wechseln mit hintergründigen Momenten. Gefängnisdirektor Frank (zu Recht in dieser Partie an vielen Theatern begehrt: Michael Raschle) wird in Adeles Couplet über die „Unschuld vom Lande“ zum begeisterten Akteur eines fast ernsten Unterwerfungsspielchens. Kay Stiefermann spielt den nach Abwechslung lechzenden Eisenstein als Seigneur der wenig outriert genommenen Angebereien – ein Salonlöwe der feineren Art. Besonders gut findet sich der operettenaffine Tenorino Edilson Silva Junior als smarter und für den ballläufigen Ehegatten Gabriel eingebuchteter Gesangslehrer Alfred in das Konzept. Mit charmanter Wendigkeit zeigt er, dass Singen nur Mittel zum Zweck bedeutet und er mit der Dame des Hauses seine besten Heldentaten auf dem Flügel verrichtet. Fast ebenso charmant und wendig gibt sich Barış Yavuz als befrackter und wendiger Bonvivant Doktor Falke.

Begeisterte Ovationen
Wie immer und überall steht eine „Fledermaus“ mit der Besetzung der beiden Hauptfrauen. Genau genommen gerät Rosalinde hier fast bissig und läuft dann in der Verkleidung als ungarische Gräfin zur mehr gemäßen Passform auf. Ania Vegry und die nach anfänglich berufsbedingter Zurückhaltung immer charmanter losrasselnde Adele von Bogna Bernagiewicz sind sich stimmlich und als Inkarnationen von gründerzeitlicher Fraulichkeit fast ähnlich, auch an Stimmkultur und erfreulicher Dialog-Schmiegsamkeit. Insgesamt also eine lohnende „Fledermaus“-Wiederbegegnung zwischen den eigentlichen Operetten-Hochburgen Berlin und Leipzig. Das Publikum unterbrach mehrfach mit begeisterten Ovationen bei offenem Vorhang. Für ein musikalisches Kammerspiel im riesigen Dessauer Theater, bei dem der aktionsfreudige Chor unter Leitung von Sebastian Kennerknecht einige auftrumpfende Momente hatte.
Anhaltisches Theater Dessau
J. Strauss (Sohn): Die Fledermaus
Wolfgang Kluge (Leitung), Johannes Weigand (Regie), Moritz Nitsche (Bühne), Judith Fischer (Kostüme), Sebastian Kennerknecht (Chor), Yuri Colossale (Dramaturgie), Kay Stiefermann, Barış Yavuz, Michael Raschle, Ania Vegry, Bogna Bernagiewicz, Philipp Buder, Joslyn Rechter, Edilson Silva Junior, Philipp Werner, Theresa Zschunke, Opernchor des Anhaltischen Theaters Dessau, Anhaltische Philharmonie Dessau
So., 29. März 2026 17:00 Uhr
Musiktheater
J. Strauss: Die Fledermaus
Kay Stiefermann (Gabriel von Eisenstein), Barış Yavuz (Dr. Falke), Michael Tews (Frank), Ania Vegry (Rosalinde), Wolfgang Kluge (Leitung), Johannes Weigand (Regie)
Fr., 01. Mai 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
J. Strauss: Die Fledermaus
Kay Stiefermann (Gabriel von Eisenstein), Barış Yavuz (Dr. Falke), Michael Tews (Frank), Ania Vegry (Rosalinde), Wolfgang Kluge (Leitung), Johannes Weigand (Regie)
So., 24. Mai 2026 17:00 Uhr
Musiktheater
J. Strauss: Die Fledermaus
Kay Stiefermann (Gabriel von Eisenstein), Barış Yavuz (Dr. Falke), Michael Tews (Frank), Ania Vegry (Rosalinde), Wolfgang Kluge (Leitung), Johannes Weigand (Regie)




