Der Bischof sticht der Marienstatue mitten ins aufgestickte Herz. Nämlichen Augenblicks sinkt auch die Titelfigur der Oper tot nieder. Doch weiterhin streift ihr Schatten durch die argentinische Kapitale. Um eine neue María als Figuration der Metropole zu gebären, gleichsam eine Stadtgöttin. Denn, was sich in christliche Gebetsformeln und Gewandungen kleidet, entfaltet längst eine pagane Elemente aufnehmende Eigengesetzlichkeit. Der das Marienbild mordende Bischof – eine der Gestalten, in die an der Deutschen Oper am Rhein der Payador der „Tango Operita“ schlüpft – sucht einem die katholische Kirche an Anziehungskraft überflügelnden Synkretismus zu wehren.

Eine Frau der Schmerzen
Liturgische Musik dieser Mischreligion ist der Tango, ihre Orgel das Bandoneon. Ihre Kirchen sind Bordelle, Spelunken, Cafés und Tanzlokale. Beständig hält Regisseur Johannes Erath in seiner Lesart von Astor Piazzollas „María de Buenos Aires“ die Gründung von Argentiniens Hauptstadt als „Santa María del Buen Aire“ im Blick. Angesichts mannigfacher nichtchristlicher Unterströmungen mutet die Distanz von der Stadtheiligen zur Figuration der Metropole selbst lediglich graduell, mithin ohne viele Umstände zu bewerkstelligen an. Sie bleibt indessen eine Frau der Schmerzen, der Passion. Doch kündet sie – in Analogie zum Stifter des Christentums – eine wenn schon nicht frohe, so doch immerhin eine Botschaft des erfüllten Augenblicks, freilich eine ganz eigene: die aus dem Air der Stadt hervorströmende Musik, den Tango.

Leiden und Leidenschaft
Bei Erath oszilliert die Bedeutung dessen, was Piazzolla und er unter Passion verstehen. Vorderhand die Biografie einer ihrer Hände Arbeit und den ganzen Körper verkaufenden jungen Frau aus prekärem gesellschaftlichem Milieu, das Leiden. Doch zugleich die noch in bloßer Schattengestalt auf Berührung sinnende Seele der Stadt, die Leidenschaft. Kein „noli me tangere“ kommt María über die Lippen. Ganz im Gegenteil: In Gesang und Tanz entströmt ihr der Tango, Berührung und Berührtsein pur. Erath öffnet Geist und Sinn für die haptischen Dimensionen der „Operita“. Mitten aus diesen heraus weiß Agostina Tarchinis Choreografie zu fesseln. Persönliche, gesellschaftliche und subkulturelle Bindekräfte, sämtlich lässt Tarchini sie aus dem Tanz erwachsen. Für alles dies stellt Katrin Connan eine Synthese aus Café und Cabaret auf die Bühne. Jugendstilornamente wachsen zu einem monumentalen, die Spielfläche hinterfangenden M zusammen. Den Raum sakralisiert ein altarartiger Sockel, auf dem als Kultmal ein enormes Bandoneon prangt. Ab und an fahren – übertrieben detailverliebt – Leuchtsterne samt frech geschminktem Mund aus dem Bühnenhimmel herab. Jorge Jaras Kostüme verströmen Erotik, bisweilen Ironie. Die inflationär falten- und spitzenreichen Chorhemden der den Bischof begleitenden Messdiener sind Hingucker. Zumal den Ministranten am Halse violette Schleifen strotzen.

Authentisch
Als in vielem packend wie die szenische erweist sich die musikalische Seite dieser argentinischen Passion. Unter Albert Horne gewinnt der Chor des Hauses vor allem in der Sprechpartie. Hingegen gilt es an den die aufgeheizte Tango-Atmosphäre kontrastierenden Passagen aus Bachs „Matthäus-Passion“ intonatorisch noch zu feilen. Mariano Chiacchiarini verwandelt mit den Düsseldorfer Symphonikern Bühne und Auditorum in tangoerfüllte Etablissements der argentinischen Hauptstadt. Ob aufreizend oder einschmeichelnd, was aus dem Graben tönt, geht unmittelbar ins Blut. Carmela Delgado am Bandoneon setzt der Authentizität die Spitze auf. Für die Titelfigur nimmt Maria Kataeva ein. Spielerisch ist Kataeva eine Wucht, sanglich kann die Phrasierung der Mezzosopranistin im Verlauf der Aufführungsserie weiterhin gewinnen. Den Schatten Marías lässt Morenike Fadayomi durch die argentinische Hauptstadt streifen. Bezwingende Phrasierungskünste zeichnen nicht allein Jorge Espinos Payador (Barden) aus, sondern überdies die vielen von ihm übernommenen Episodenrollen. Alejandro Guyot mischt sich als subkulturell gewiefter El Duende (eine Art Kobold) ins Geschehen. In ihrer eigenen Choreografie tänzerisch hinreißend Agostina Tarchini. Ihr ebenbürtig die Partner Mariano Agustín Messad und Andrés Sautel.
Deutsche Oper am Rhein
Piazzolla: María de Buenos Aires
Mariano Chiacchiarini (Leitung), Johannes Erath (Regie), Katrin Connan (Bühne), Jorge Jara (Kostüme), Nicol Hungsberg (Licht), Bibi Abel (Video), Albert Horne (Chor), Agostina Tarchini (Choreografie), Maria Kataeva, Morenike Fadayomi, Alejandro Guyot, Jorge Espino, Mariano Agustín Messad, Andrés Sautel, Agostina Tarchini, Düsseldorfer Symphoniker, Chor der Deutschen Oper am Rhein
Fr., 13. Februar 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Piazzolla: María de Buenos Aires
Mariano Chiacchiarini (Leitung), Johannes Erath (Regie)
Sa., 21. Februar 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Piazzolla: María de Buenos Aires
Mariano Chiacchiarini (Leitung), Johannes Erath (Regie)
Fr., 27. Februar 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Piazzolla: María de Buenos Aires
Mariano Chiacchiarini (Leitung), Johannes Erath (Regie)
So., 22. März 2026 18:30 Uhr
Musiktheater
Piazzolla: María de Buenos Aires
Mariano Chiacchiarini (Leitung), Johannes Erath (Regie)
Sa., 04. April 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Piazzolla: María de Buenos Aires
Mariano Chiacchiarini (Leitung), Johannes Erath (Regie)




