Opern-Kritik: Grand Théâtre de Genève - Il Giasone

Hedonismus ohne Reu

(Genf, 25.1.2017) Nicht nur Countertenor Valer Sabadus macht die Wiederentdeckung der erfolgreichsten Oper des 17. Jahrhunderts zu einem Traum

© Magali Dougados

Szenenbild der Oper „Il Giasone“ von Francesco Cavalli

Gut und Böse gab’s noch nicht! Es herrschte nur ein Gesetz: die Allmacht Amors, der seine Pfeile verschießt, wie er gerade will. Francesco Cavallis frühbarockes Meisterwerk „Il Giasone“ legt nahe: In der Lagunenstadt des 17. Jahrhunderts herrschte nichts als Karneval. Venezianische Maskenspiele, Intrigen- und Liebesspiele ohne Ende und ohne Reue, buffoneske Verwechslungen und transsexuelle Unklarheiten – eigentlich nichts trennt die Oper vom Anything Goes des Karneval, der erlaubt, was gefällt, und halt noch so gar nicht angekränkelt ist von aufklärerischem Anstand, von falscher Vernünftigkeit. Hier herrscht der Hedonismus, so pur, wie ihn eigentlich nur die griechischen Götter der Antike praktizieren durften, die hier als fürwahr trefflicher Spiegel der Spaßgesellschaft zur Lebenszeit des Francesco Cavalli dienen. „Fate l’amore, non fate la guerra“ lesen wir am glücklichen Ende auf Italienisch, will heißen: „Make love, not war“, wie es die Eltern und Kinder des Flower Power viel später formulieren sollten.

Monteverdis Musterschüler Francesco Cavalli macht unendliche Opernfreude

Am Genfer See, wo das ehrwürdige Grand Théâtre immer noch sanierungsbedingt glücklich umgezogen ist in den akustisch exquisiten wie intimen Interims-Holzbau der L’Opéra des Nations, kommen diesen unanständigen Thesen des Herrn Cavalli, seines Zeichens Monteverdi-Musterschüler und dessen Nachfolger als Musikchef an San Marco, gar glänzend an. Für einen Opernabend anders sein dürfen, die bürgerliche Sitte vergessen, Calvin einen ollen Reformer der Vergangenheit sein lassen – das ist einfach herrlich, das macht unendliche Opernfreude. Dreieinhalb frühbarocke Opernstunden vergehen wie im Fluge.

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Kristina Hammarström (Medea)

Venedigs vergnügungssüchtiges Publikums ließ sich einst prächtig unterhalten

Genf sendet mit „Il Giasone“ ein starkes Zeichen in die ganze Opernwelt, die mit all ihren dummen Repertoire-Beschränkungen und all den selten lohnenden Ausgrabungen immer wieder nur um sich selbst kreist. Denn Cavalli war ein ganz Großer. Das wissen wir schon länger dank seiner immer mal wieder gespielten traumhaften Nymphen-Oper „La Calisto“, die zumal in der Referenz-Deutung von Herbert Wernicke und René Jacobs vielerorts für Furore sorgte. Doch Aufführungen der einst erfolgreichsten Cavalli-Oper sucht man vergebens. Uraufgeführt anno 1649 im venezianischen Teatro San Cassiano, dem ältesten der damals vier parallel bespielten Opernhäuser am Canale Grande, galt „Il Giasone“ als die populärste Oper des 17. Jahrhunderts, das signifikanteste Stück Cavallis. Die Eros-Erzählung um Jason und Medea soll ihren Siegeszug durch ganz Italien und gar bis nach Nordeuropa angetreten haben. Diese Oper ohne Tote traf den Geschmack eines vergnügungssüchtigen Publikums, ihre Autoren stellten die bekannte, oft vertonte Legende der Antike nach Belieben um, erweiterten das Bäumchen-Wechsle-Dich-Spiel, schwächten das Politische ab und vergaßen die heute meist betonte feministische Perspektive auf die Kindsmörderin Medea komplett. Es galt eben, siehe oben: Gut und Böse gab’s noch nicht!

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Valer Sabadus (Giasone), Kristina Mkhitaryan (Isifile)

Regisseurin Serena Sinigaglia setzt auf flotten Mix der Zeiten

In seinem schnellen, witzigen, virtuosen wie detailgenauen und dabei hoch poetischen Angang legt das Regieteam zunächst eine falsche Fährte. Denn der beflügelte dickbäuchige Amor, der das Geschehen in Gang setzt, lässt vermuten, dass nun eine Inszenierung in historischer Aufführungspraxis folgen würde. Serena Sinigaglia aber hat anderes im Sinn. Gemeinsam mit der Ausstatterlegende Ezio Toffolutti setzt die italienische Regisseurin auf den flotten Mix der Zeiten zwischen Mythos, barockem Zaubertheater und unserer Gegenwart. Auf einem veritablen Walkürenfelsen drappiert sie zunächst einen sexy brustfreien Jason, der sich hier offenbar von seinen jüngsten erotischen Ausschweifungen zu erholen sucht. Valer Sabadus singt und spielt den sonst so unsympathischen Helden als einen verletzlichen Schwärmer, der mit der betörenden Wärme seines geschmeidigen Countertenors einfach jedes Frauenherz zum Schmelzen bringt. Man mag es ihm so gar nicht übelnehmen, dass er sich oft in Sekundenschnelle aus den Armen von Medea in jene seiner Isifile und umgekehrt begibt, dass er hier und da Zwillinge gezeugt hat, sich seiner Verantwortung ein ums andere Mal entzieht.

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Reigen seliger Lamento-, Schlummer- und Wahnsinns-Arien in perfekter Sängerbesetzung

Der Vorteil für uns, die wir all den Verwicklungen lauschen und ihnen zuschauen dürfen: Sie geben Cavalli Anlass für einen Reigen seliger und höchst variabler Lamento-, Schlummer- und Wahnsinns-Arien und -Duette, die Ihresgleichen suchen und bereits den Belcanto des 19. Jahrhundert vorwegzunehmen scheinen. Kristina Mkhitaryan als sanft leidende Isifile bietet dabei Sopran-Lyrismen von einer gehauchten Innigkeit und unerhörten Pianissimo-Grazie. Konkurrentin Medea findet in Kristina Hammarström den aufregend schicksalsdunkel und aristokratisch timbrierten Gegenpart. Hier müssen wir keine anämischen Stimmchen der Alten Musik ertragen, sondern erleben charakterstarke Sängerdarsteller, die dennoch hoch virtuos Cavallis hohen vokalen Anforderungen gerecht werden. So glänzen selbst in mittleren und kleinen Partien raumgreifende Persönlichkeiten wie der tenorvirile einstige Rossini-Star Raúl Giménez als Aigeus oder der Ex-Wotan Willard White als Jupiter und Orest. Besser, stimmiger, typgenauer kann man Cavalli kaum besetzen. Dies schließt auch die in bester Shakespeare-Tradition eingebauten komischen Typen ein, die, wie der tenorale Stotterer Demo des Migran Agadzhanyan oder der Transen-Counter des lustvoll jodelnden Dominique Visse als altersgeiles Kindermädchen Delfa, für Furore sorgen.

Cavalli mit Suchtfaktor

Die Cappella Mediterranea unter Leonardo Garcìa Alarcón trägt und befeuert das musikalische Drama mit absoluter Hingabe und ausgeprägtem rhythmischem Drive der aus der Renaissance in den Barock geretteten tänzerisch belebten Orchesterparts. In Genf gibt‘s Cavalli mit Suchtfaktor.

© Magali Dougados

Kristina Mkhitaryan (Sole)

Grand Théâtre de Genève
Francesco Cavalli: Il Giasone

Leonardo Garcìa Alarcón (Leitung), Serena Sinigaglia (Regie), Ezio Toffolutti (Bühne & Kostüme), Valer Sabadus, Kristina Hammarström, Kristina Mkhitaryan, Willard White, Günes Gürle, Raúl Giménez, Alexander Milev, Dominique Visse, Migran Agadzhanyan, Mariana Florès, Mary Feminear, Cappella Mediterranea

Weitere Termine: 28. & 30.1., 1., 3., & 7.2.

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