Opern-Kritik: Kurt Weill Fest Dessau – Die Dreigroschenoper

Schaumgebremste Moritat

(Dessau, 3.3.2018) Der venezianische Ausstattungs-Altmeister Ezio Toffolutti verhübscht Brecht & Weills Klassenkampftheater zur Hochglanzrevue

Die Dreigroschenoper/Anhaltisches Theater Dessau © Claudia Heysel

Szenenbild aus "Die Dreigroschenoper"

Die „Dreigroschenoper“ und das Kurt Weill Fest in Dessau – da kommt zusammen, was zusammen gehört! Da gibt es auch kein Problem, alle 1.100 Plätze des überdimensionierten Anhaltischen Theaters in Dessau komplett zu verkaufen. Außerdem ist die letzte „Dreigroschenoper“ in der Stadt, in der Kurt Weill 1900 geboren wurde, schon zwanzig Jahre her. Ein Weill-Fest-Jahrgang, der nicht die Entdeckerrisiken des amerikanischen Weill eingehen muss, sondern sich auf die sichere Drei-Groschen-Bank verlassen kann, der hat per se gewonnen. Da sind die Zinsen der Zuschauergunst von vornherein hoch.

Feststimmungs-Vermiesung ausgeschlossen

Für Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht hat Dessau den Venezianer Ezio Toffolutti (74) verpflichtet. Der war 1971 an die Volksbühne nach Ostberlin gegangen, führt seit 1983 auch im Musiktheater Regie und hat als Ausstatter u. a. mit Harry Kupfer, Nikolaus Lehnhoff und Katharina Thalbach zusammengearbeitet. Den Gesellschaftskritik-Klassiker aus dem Jahr 1928 irgendwie zu verbiegen und einigen Zuschauern ihre Feststimmung zu vermiesen (wie das im vergangen Jahr beim Gastspiel der strittigen „Mahagonny“-Inszenierung Michael von zur Mühlens aus dem benachbarten Halle der Fall war) war da nicht zu befürchten.

Es knallt nicht wirklich

Szenenbild aus "Die Dreigroschenoper"

Die Dreigroschenoper/Anhaltisches Theater Dessau © Claudia Heysel

Mit einer allzu schaumgebremsten Hochglanzrevue zu langweilen aber auch nicht. Genau das zeichnete sich aber an dem pausenlos durchgespielten 2 Stunden 40 Minuten währenden Abend schon recht bald ab. Denn auch der Dessauer GMD Markus L. Frank zelebrierte mehr, als er entfesselte. Er dröhnte so zwar niemanden zu, aber etwas hitverdächtiger dürfte der Haifisch schon die Zähne blecken. Und etwas unheimlicher dürfte der so grundinkorrekte Kanonensong schon klingen. Ob nun die Polly Peachum von Mirjana Milosavlejevic, oder Dirk S. Greis und Christie Ortmann als deren respektable Eltern. Oder auch Matthias Mosebach als geschmeidiger, aber keineswegs echt gefährlich wirkender Mackie Messer – alle singen sie recht ordentlich, aber es knallt nicht wirklich.

Der schöne Schein der Hässlichkeit

Ezio Toffolutti steuert das Meisterwerk weniger aus jenen klassenkämpferischen Gräben aus an, aus denen Brecht seine dialektisch geschärften Pfeile in Richtung saturiertes bürgerliches Selbstverständnis abschießt. Er sucht mehr nach dem schönen Schein der Hässlichkeit. Entwirft – ganz bildender Künstler – eine Collage aus Versatzstücken des Wohlbekannten. Die Buchstaben des Titels bilden das Bühnenbild, das irgendwie an den Kubisten Georges Braque erinnert, aber eigentlich ein höchstens zweieinhalbdimensionales Bild ist. Dazu passen auch die üppigen viktorianischen Kostüme und die maskenhaft geschminkten Gesichter. Das Spiel mit der Brecht-Gardine, die immer Mal in einen Rahmen gespannt aus der Versenkung auftaucht, bleibt eine Behauptung.

Szenenbild aus "Die Dreigroschenoper"

Die Dreigroschenoper/Anhaltisches Theater Dessau © Claudia Heysel

In der Klischeefalle – und dann doch ein wenig Herbert Fritsch

Der stilisierte Zugang, den Toffolutti möglicherweise im Sinne gehabt haben mag, den setzen eigentlich nur Matthias Mosbach in seiner chaplinesken Motorik als Mackie Messer (ansatzweise) und Marie Thérèse Albrecht als seine „Erstfrau“ und Tochter des Polizeichefs Tiger Brown Lucy (voll) um. Vor allem sie schafft es, eine eigene Persönlichkeit in einer Kunstwelt zu kreieren, die wie an Herbert Fritsch geschult aussieht. Alle anderen können sich nicht aus der Klischeefalle befreien. Sie sagen ihre Texte, singen ihre Songs und sehen dabei auch halbwegs gut aus. Aber sie lassen den Gegenwert von ein bis zwei der drei Groschen in der Langeweile Verschwinden.

Diesmal wäre Dessau mit einem Gastspiel aus Halle besser bedient gewesen. Da wurde bei der Premiere vor ein paar Tagen sogar der Haifisch-Song vom kompletten Saal mitgesungen. Da gab es zu den gierig eingesogenen Songs auch das Vollblut-Theater, das in Dessau diesmal fehlte.

Kurt Weill Fest Dessau
Brecht/Weill: Die Dreigroschenoper

Markus L. Frank (Leitung), Ezio Toffolutti (Regie & Ausstattung), Dirk S. Greis, Christel Ortmann, Mirjana Milosavljević, Matthias Mosbach, Sven Brormann, Marie Thérèse Albrecht, Stephan Korves, Oliver Seidel, Andreas Hammer, Sebastian Stert, Oliver Seidel, Illi Oehlmann, Andreas Hammer, Boris Malré, Kerstin Schweers, Lisa Brosig , Musiker der Anhaltischen Philharmonie Dessau

Weitere Termine: 17.3., 8.4., 13. & 28.4., 1.6.2018

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