Musiktheater-Kritik: Landestheater Linz – Winterreise

Im Hamsterrad der Einsamkeit

(Linz, 20.1.2019) Intendant Hermann Schneider vergegenwärtigt mit dem jungen Bariton Martin Achrainer Franz Schuberts „Kreis schauerlicher Lieder“ als moderne Wanderung eines Verwundeten.

© Reinhard Winkler

Szenenbild aus "Winterreise"

Winterreise/Landestheater Linz

Auf das Wagnis, Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ szenisch zu interpretieren, können sich nur denkende Sänger einlassen. Martin Achrainer ist ein solcher Künstler. Der Bariton will Text und Musik wirklich durchdringen, will fragen, was diese „schauerlichen Lieder“ mit ihm und womöglich gar mit uns zu tun haben könnten. Das Ergebnis dieser Forschungsreise in unerhörte Innenwelten ist alles andere als die Bebilderung einer romantischen Wanderschaft, auf der sich die verwundete Psyche eines verlassenden Liebenden in Bäumen, Vögeln und den Irrlichtern der Natur spiegelt. Denn Hermann Schneider verortet Franz Schuberts klingende Gedankenwelt in seiner Inszenierung klar in der Gegenwart.

Wunderbar sensible Anverwandlung

© Reinhard Winkler

Szenenbild aus "Winterreise"

Winterreise/Landestheater Linz

Der Intendant des Landestheater Linz hat im Verein mit dem kongenialen Ausstatter Falko Herold, der gemeinsam mit Patrick Bannwart auch die Videos ersonnen hat, eine wunderbar sensible Anverwandlung vorgenommen. Das Team versteht sich auf eine traumwandlerische Ökonomie der theatralischen Mittel. Es tut so wenig wie nötig und erreicht auf diesem Wege ein Maximum an Verdichtung. So entsteht ein nachgerade perfekter Musiktheaterabend, der uns vom ersten bis zum letzten Moment in seinen Bann zieht.

Ja, in der Black Box eines der modernsten Opernhäuser Europas (erst 2013 wurde das Linzer Haus eröffnet) scheinen die Wände zwischen Kunst und Leben eingerissen, da werden wir ohne Umschweife Teil dieser Winterreise, werden mit unseren Sehnsüchten, Träumen und Alpträumen konfrontiert – können uns nicht entziehen, weil uns das alles so viel angeht.

Metaphorischer Geburtskanal des Wanderers

© Reinhard Winkler

Szenenbild aus "Winterreise"

Winterreise/Landestheater Linz

Falko Herold hat eine schwarz-weiß-graue Wand auf die Bühne der Black gestellt. In deren Mitte klafft eine Öffnung – ein metaphorischer Geburtskanal des Wanderers? Aus ihr taucht er zu Beginn auf: „Fremd bin ich eingezogen.“ Ein Zurück in dieses schwarze Loch kann es nicht geben, auch wenn das Irrlicht des gleichnamigen Liedes wie jenes der „Täuschung“ ihm diese Möglichkeit des Rückzugs in den Uterus seiner Vergangenheit vorgaukeln wollen.

Martin Achrainer springt von dort oben in den Schnee seines Wanderwegs, interagiert mit dem hochsensibel phrasierenden, ideal mit ihm atmenden Pianisten Tommaso Lepore, der eine Inkarnation Franz Schubert, am Ende aber auch des Leiermanns sein könnte, zieht sich zurück in seine enge Behausung, in der er immer wieder wie im einem Hamsterrad um sich selbst kreist, auf Zustände zurückgeworfen wird, die längst überwunden schienen.

© Reinhard Winkler

Szenenbild aus "Winterreise"

Winterreise/Landestheater Linz

Versehrte, aschgraue Seelenlandschaften per Video

Währenddessen ziehen Seelenlandschaften per Video auf der Wand vorrüber. Fast immer in düsterem Einheitston farblos, aschgrau gehalten. Es sind Bilder einer lange nicht mehr idyllisch, will sagen: romantisch überhöhten Natur, dennoch stecken sie voller Zeichen aus Wilhelm Müllers Text. Doch die Zivilisation hat Einzug gehalten auf der gesamten Wegstrecke dieser Wanderschaft, die Natur scheint so versehrt wie die Seele des Wanderers.

Bariton Martin Achrainer transzendiert Schönheit zur Wahrheit

© Reinhard Winkler

Szenenbild aus "Winterreise"

Winterreise/Landestheater Linz

Und welch ein Sängerdarsteller ist der junge Bariton Martin Achrainer! Skrupulös spürt er jeder Nuance von Text, Subtext und Musik nach. Er lebt Schuberts unfasslichen Zyklus. Er singt ihn nicht einfach nur berückend mit seinem gut gebauten Bariton. Der Sänger transzendiert Schönheit zur Wahrheit, weil sein Interpretieren stets natürlich bleibt. Kein Wort wirkt gekünstelt, gemacht, übertrieben.

Wer nicht nach Linz fahren kann, um diesen wunderbar wahrhaftigen Abend zu erleben, kann Bariton Martin Achrainer und seinen Klavierpartner Tommaso Lepore auf ihrer soeben erschienen CD der „Winterreise“ kennenlernen, die von Preiser Records vertrieben wird.

Landestheater Linz
Schubert: Winterreise

Hermann Schneider (Regie), Falko Herold (Bühne & Kostüme), Patrick Bannwart & Falko Herold (Video), Anna Maria Jurisch (Dramaturgie), Martin Achrainer (Bariton), Tommaso Lepore (Klavier)

Weitere Termine: 24., 27. & 30.1., 1., 6., 8., 12., 16., 22. & 24.2.2019

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