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Opern-Kritik: Oper Leipzig – Coming up for air

Tod, Heilung, Harmonie

(Leipzig, 14.3.2026) Ein hundertprozentiger Uraufführungserfolg, wie ihn sich viele Theater erträumen: Komponist Bernd Franke bekennt sich zu einem emotionalen Musiktheater in der Nachfolge seines Mentors Hans Werner Henze.

vonRoland H. Dippel,

„Ein alleinerziehender Vater, der um sein Kind trauert und dabei über sich hinauswächst, eine junge Frau, die ihre erste große Liebe in einer Affäre mit einer anderen Frau erfährt und an den Folgen zerbricht – und eine Lungenpatientin, die eine lebensbedrohliche Krankheit überlebt.“ So fasst die Regisseurin Florentine Klepper die Handlung der jüngsten Leipziger Opernuraufführung „Coming Up for Air“ zusammen. Am Samstagabend blieb der Applaus vor der Pause kurz und unverbindlich, ging am Ende mit Sportplatz-Explosionen durch die Decke.

Er galt dem großen Musiktheater-Auftrag des zum Ende dieser Spielzeit von der Oper Leipzig nach Braunschweig wechselnden Intendanten Tobias Wolff. Zum Sujet seiner zweiten Oper seit „Mottke der Dieb“ (1998) erhielt Bernd Franke den Anstoß von Dramaturgin Marlene Hahn. Wie sein Vorbild und Förderer Hans Werner Henze bekennt sich Franke mit dieser Partitur nach dem Roman der in London lebenden Kanadierin Sarah Leipciger zu einem überaus emotionalen Musiktheater.

Szenenbild aus „Coming Up For Air“
Szenenbild aus „Coming Up For Air“

Drei Zeitebenen

In „Coming Up For Air“ durchdringen sich drei Zeitebenen: Die „Unbekannte aus der Seine“ als Sensationsfund einer Leiche (Paris 1898), der vom Tod seines kleinen Sohns (Aaron Klatt) erschütterte Spielzeugmacher Pieter (Karmoy Island 1954) und die durch eine Transplantation von ihrer tödlichen Atemlähmung befreite Journalistin Anouk (Toronto 2015). Die im Metier erfahrene Jessica Walker schrieb Franke das Textbuch in englischer Sprache, was Folgeproduktionen wahrscheinlicher macht.

Franke setzt für die menschlichen Stimmen auf einen ariosen Stil – kantabel, suggestiv und raumgreifend. Dieser mündet in einen Schlussgesang mit Spitzentönen fast der alten Schule für die ihre riskante Operation überlebende, genesene und darüber euphorisierte Anouk. Opulent knüpft der gesamte Orchestersatz an die großen Besetzungen im früheren 20. Jahrhundert an – auch durch den Ornat der Klangfarben und mehr affektiv als strategisch wirkende Verdichtung.

Dieses emotionale Musiktheater wächst zu einem immer fülligeren Strom mit Fluten ohne Ebbe. Was Franke aus den drei Handlungszeiten an musikalischem Zeit- und Ortskolorit herausdestillierte, werden erst folgende Einstudierungen zeigen. Hier überwältigen exponierte Xylophon-Passagen, üppige Blech-Sätze und dichte Wellenbänder der Streicher.

Das Gewandhausorchester unter dem seit Jahren an der Oper Leipzig wirkenden Matthias Foremny nimmt Frankes intensive Instrumentation mit für eine Welt-Uraufführung ungewöhnlicher Selbstverständlichkeit und natürlich überwältigender Professionalität. Dem Chor der Oper Leipzig (einstudiert von Thomas Eitler-de Lint und Franziska Kuba) obliegen Kommentare und Auftritte, zum Beispiel dem der das Leichenhaus mit der aufgebahrten Unbekannten stürmenden Bürger von Paris. Er singt vielstimmig und mitunter rezitativischer als die Solisten.

Szenenbild aus „Coming Up For Air“
Szenenbild aus „Coming Up For Air“

Üppige Sounds

Alles tönt immer gleichmäßig voll und rund. Die Stimmen können in Bernd Frankes Orchestersatz schweben, schwimmen und schwärmen. Am beeindruckendsten und strahlendsten agiert der jugendlich-dramatische Bariton Franz Xaver Schlecht als alleinerziehender Vater Pieter – in dieser dramatischen Konstellation sogar mit Sympathiebonus. Gabrielė Kupšytė gibt zu Beginn eine bis in die essenzielle Not durch die Coolness der Gegenwart infizierte Anouk, die sich nach ihrer Heilung auch psychisch im Schlusssolo freischwingt. Samantha Gaul nimmt sich als L‘Inconnue, die Unbekannte, zurück auf einen fein lyrischen Sopran, der verlischt wie Debussys Mélisande und davor zu einigen Takten Leidenschaft aufblüht.

Diese Oper legitimiert die große Zahl von Mezzosopranen im Leipziger Opernensemble: Maya Gour singt salopp und pointiert die ihre lesbische Beziehung für eine Modell-Karriere beendende Axelle Paquet. Marie-Louise Dreßen als Anouks Mutter Nora und Ulrike Schneider als Madame Debord bringen wie Kamila Dziadko als nicht ganz so wichtige Mme Paquet auch durch die Komposition profilierte Figuren ein. Einar Dagur Jónsson presst seinen klaren Mozart-Tenor an die starre Figur des erpresserischen Vergewaltigers Nicolas. Sejong Chang, Radall Jakobsh und Matthias Stier bestätigen die hohe Qualität des Leipziger Ensembles.

Szenenbild aus „Coming Up For Air“
Szenenbild aus „Coming Up For Air“

Nachhaltigkeit und Empathie

Die Oper Leipzig nimmt Nachhaltigkeitsideale ernst: Dirk Beckers Bühnenbild besteht im wesentlichen aus zwei himmelblau bemalten Wänden, unverzichtbaren Möbeln und Requisiten. Das Paris der späten Belle Époque kommt offenbar mit Fundusware aus. Die Kostüme von Anna Sofie Tuma switchen so unbefangen zwischen den Zeiten wie die Figurenzeichnung von Florentine Klepper, die sich den Charakteren von Walkers Textbuch ziemlich gelassen nähert. 

Die Zeitunterschiede und damit Beeinflussung von Haltungen durch unterschiedliche Repressionen oder Freizügigkeiten hätten weitaus deutlicher unterschieden werden können. Insgesamt drängte Klepper nur wenig auf ein szenisches Eigenleben neben der Komposition. Auch diese Zielgerichtetheit auf das zum Verständnis des neuen Werks Wesentliche trug bei zu einem hundertprozentigen Uraufführungserfolg, wie ihn sich viele Theater erträumen.

Oper Leipzig
Bernd Franke: Coming Up for Air

Matthias Foremny (Leitung), Florentine Klepper (Regie), Dirk Becker (Bühne), Anna Sofie Tuma (Kostüme), Philipp Ludwig Stangl (Video), Marlene Hahn (Dramaturgie), Samantha Gaul (L’Inconnue), Gabrielė Kupšytė (Anouk), Marie-Luise Dreßen (Nora), Franz Xaver Schlecht (Pieter), Ulrike Schneider (Madame Debord), Maya Gour (Axelle Paquet), Einar Dagur Jónsson (Nicolas), Randall Jakobsh (Laurent Tardieu), Sejong Chang (Anouk’s Doctor / Dr. Miller), Matthias Stier (Dr. Wolf), Kamila Dziadko (Mme Paquet), Aaron Klatt / Lina Evans (Bear, Pieters Sohn), Chor der Oper Leipzig, Komparserie der Oper Leipzig, Gewandhausorchester





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