Opern-Kritik: Opéra de Lyon – Macbeth

Herrische Handy-Hexen

(Lyon, 16.3.2018) Musikdirektor Daniele Rustioni offenbart die Modernität und seelische Sprengkraft des mittleren Verdi, Regisseur Ivo van Hove behauptet politische Aktualität

© Stofleth

Szenenbild aus "Macbeth"

Macbeth/Opéra de Lyon

Im Märchen sind Hexen eher putzig grinsende Wesen, die auf dem Besen reiten. Bei Shakespeare mischen sie sich durchaus durchaus aktiv in die Machtspiele des Königsmörders Macbeth ein. In Verdis Veroperung der bluttriefenden Schauspielvorlage aber stellen sie für Regisseure, die auf Vergegenwärtigung setzen, regelmäßig ein Problem dar.

Mehr oder weniger sexy kostümierte Schicksalsgöttinnen begegnen uns da regelmäßig als eher fauler Kompromiss. Zum Auftakt des Frühjahrsfestivals der Opéra de Lyon, das in diesem Jahr gleich drei Verdiopern mit dezidiert politischer Implikation präsentiert, hat Ivo van Hove seine Sicht auf „Macbeth“ aufgefrischt, die hier bereits 2012 Premiere feierte.

Seine dezidiert heutigen Hexen telefonieren mobil, sie manipulieren unser Leben als Expertinnen der digitalen Welt über geheimnisvolle Algorithmen. Was die Welt im innersten durcheinanderbringt, sind höchst kreative Kopplungen der Null und der Eins, jener Ziffern, die Computer allein verstehen: Hexensprache.

Die Wall Street regiert die Welt

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Szenenbild aus "Macbeth"

Macbeth/Opéra de Lyon

Im graukalten Einheitsraum der Bühne von Jan Versweyveld flimmern also die Aktienkurse, über deren An- und Abstieg allein die flotten Herrinnen als fesche Business-Ladies gebieten. Die Wall Street regiert die Welt. Das Ende der Politik ist längst real. Macht hat, wer die Geldströme lenkt.

Der eigentliche Herr im Haus hat hier wenig zu sagen, ein ziemlicher schlapper Machtmensch Macbeth ist seiner von Ehrgeiz zerfressenen Gattin Untertan, die ihm klarmacht, wie er sich seine Position sichern kann: Er muss seine Konkurrenten beseitigen. Auf den die Mauerschau heranzoomenden Videos können wir Mord Nr. 1, jenen an Duncan, und Mord Nr. 2, jenen an Banco, mitverfolgen.

Es siegt die Parole: „Get the money out of Politics“

Szenische Pointe ist die hinzugefügte Figur einer schwarzen Putzfrau. Sie sieht zwar alles, ist omnipräsent, entfernt pflichtschuldig jeden Blutfleck, aber gilt im „System Macbeth“ offenbar als ungefährliche Mitwisserin. Als der Chor, der „Patria oppressa“ mit grandios differenzierter Wucht singt, sich als antikapitalistische Truppe von linken Demonstranten entpuppt, spielt die Cleaning Lady eine Schlüsselrolle. Sie öffnet dem Kollektiv den unzugänglichen Raum des weltweiten Wissens ums Geld. Das Epizentrum der Wall Street wird besetzt, Macbeth um die Ecke gebracht.

Die Occupy-Bewegung mit ihrer Parole „Get the money out of Politics“ – sie siegt. Die französischen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit haben sich mal wieder durchgesetzt – nun also auch in der Neuen Welt.

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Macbeth/Opéra de Lyon

Ein Weltklasse-Chor

Das Konzept fordert den fulminanten Chor der Opéra de Lyon auch szenisch enorm, die Massenszenen geraten packend. Das nicht zuletzt auch psychologisch interessante Drama der beiden Hauptfiguren bleibt freilich unterbelichtet. Dafür gibt Susanna Branchini als fauchendes, höhenscharfes wie messerscharf charakterisierendes Monsterweib einfach alles. Durchaus im Einklang mit Verdis eigener Forderung einer „rauen, erstickten, hohlen Stimme“ singt sie die Lady nicht schön, sondern dramatisch zugespitzt.

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Szenenbild aus "Macbeth"

Macbeth/Opéra de Lyon

Nur wo der Italiener für die Partie noch Reste alter Belcanto-Agilität verlangt, bleiben bei seiner Landsfrau Wünsche offen. Seiner Lady nacheifernd singt auch Elchin Azizov die Titelpartie mit eher rustikaler Baritonwucht, beglaubigt die rohe Gewalt des Königsmörders vokal eindringlich. Altmeister Roberto Scandiuzzi schenkt Banco noch einmal seinen rabenschwarzen, immer noch eindringlichen Bass.

Die Entdeckung des Abends: Musikdirektor Daniele Rustioni

Neben dem Weltklasse-Chor die eigentliche Entdeckung des Abends ist Daniele Rustioni. Der junge Musikdirektor am „Opernhaus des Jahres“ gibt Verdi jene rhetorische Schärfe zurück, derer er bedarf, damit seine politischen Botschaften auch ganz ohne Regie-Zeigefinger spürbar werden: Mit aufregend zugespitzten Tempi, straffer und dennoch gefühlspraller Stabführung und immer wieder sprechenden Holzbläsersoli entdeckt Rustioni, dass die seelischen Abgründe der Figuren hier sehr wohl auch in einem wissenden Orchester offenbart werden. Der Italiener in Lyon macht die Modernität der Partitur deutlicher denn je.

Opéra de Lyon
Verdi: Macbeth

Daniele Rustioni (Leitung), Ivo van Hove (Regie), Jan Versweyveld (Bühne & Licht), Wojciech Dziedzic (Kostüme), Tal Yarden (Video), Elchin Azizov, Susanna Branchini, Roberto Scandiuzzi, Louis Zaitoun, Arseny Yakovlev, Orchester & Chor der Opéra de Lyon

Sehen Sie den Trailer zu „Macbeth“:

Weitere Termine: 27., & 31.3., 3. & 5.4.2018

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