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Opern-Kritik: Opéra National du Rhin – Das Wunder der Heliane

Selig sind die Glücklichen

(Straßburg, 21.1.2026) Die Opéra National du Rhin feiert mit Jakob Peters-Messers Inszenierung von Korngolds seltener Oper „Das Wunder der Heliane“ Premiere. Die plakative Symbolik des Märchenstoffs trifft auf klaren Zugriff und wuchtigen Korngold-Klang aus dem Orchestergraben.

vonPatrick Erb,

Kann Lebensfreude ein Verbrechen sein? Unvorstellbar – und doch bildet dieser Gedanke den ebenso schlichten wie unerbittlichen Kern von Erich Wolfgang Korngolds Oper „Das Wunder der Heliane“. Glück ist hier ungewollter Irrtum und Gefahr zugleich, ein Zustand, den der Machtapparat nicht vorsieht. In der Neuinszenierung von Jakob Peters-Messer, die nun am Straßburger Haupthaus der Opéra National du Rhin Premiere feierte, wird daraus ein Heilsversprechen von nahezu christlichem Ausmaß.

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Der märchenhafte Stoff erzählt von einem Fremden, der allein wegen seiner Glückseligkeit inhaftiert wird. Der König dieses Reiches duldet keine Freude, aus Furcht, sie könne seine Untertanen zu Aufruhr und Revolution verleiten. Als der Fremde zudem Heliane verführt – zunächst aus Mitleid besucht sie ihn im Kerker, dann verfällt sie der Liebe zu ihm –, fordert der König seinen Tod. Der Fremde entzieht sich dem Urteil durch Selbstmord. Heliane gerät unter Mordverdacht und muss ihre Unschuld, mehr noch ihre Reinheit, durch ein Gottesurteil beweisen: Sie soll ein Wunder vollbringen und den Toten zum Leben erwecken.

Szenenbild aus „Das Wunder der Heliane“ an der Opéra National du Rhin
Szenenbild aus „Das Wunder der Heliane“ an der Opéra National du Rhin

Befreiende Märchenopernmoral in Zeiten der bissigen realistischen Satire

Während Korngolds Zeitgenossen in den 1920er-Jahren mit der Spieloper – man denke an „Johnny spielt auf“, die „Dreigroschenoper“ oder „Der Zar lässt sich photographieren“ – Jazz, Technik und Gesellschaft der Weimarer Republik satirisch und veristisch beleuchteten, wählt Korngold bewusst einen anderen Zugriff. Ort und Zeit bleiben unbestimmt, die moralische Aussage ist von beinahe archaischer Klarheit. Gerade in dieser Mischung aus epigonaler Nostalgie und eindeutiger Ethik liegt der Reiz von „Das Wunder der Heliane“, ein Reiz, den Peters-Messer klug aufgreift.

Zentrales Element des Bühnenbildes ist eine verspiegelte Decke, die wie ein silberner Strom in den Bühnenhintergrund stürzt. Schlichte weiße Wände und ein aufgeräumter Vordergrund schaffen einen Raum, der gleichermaßen Kerker, Gerichtssaal oder Richtplatz sein kann. Besonders wirkungsvoll ist die Lichtregie: In den Momenten der Erinnerung an das glückliche Herkunftsland des Fremden oder in Helianes sehnsuchtsvollen Bekenntnissen verwandeln Brechungen und Spiegelungen den kalten Raum in etwas Kristallines, beinahe Leuchtendes. Die Bühne zeigt sich so weniger als Zelle, denn als Bergkristall.

Szenenbild aus „Das Wunder der Heliane“ an der Opéra National du Rhin
Szenenbild aus „Das Wunder der Heliane“ an der Opéra National du Rhin

Nüchtern, funkelnd, verklärend

Dieses märchenhafte Funkeln gerät allerdings im Finale etwas überdehnt. Dass Heliane den Toten nicht wiederbeleben kann, ist natürlich klar, doch Verklärung und Wunder lassen nicht lange auf sich warten. Wenn sich die Rückwand öffnet und hinter dem silbernen Strom ein nochmals gesteigertes Spiegelgewitter aufleuchtet, ist der bildliche Pathos kaum noch zu steigern. Dabei hatte die Inszenierung zuvor gezeigt, dass Zurückhaltung oft mehr Wirkung entfaltet. Dieser symbolhafte Bruch in der Handlung ist freilich der inszenatorisch kniffligste.

Auch die Personenführung bleibt nüchtern, stellenweise statisch. Die Hauptfiguren bewegen sich wenig und singen häufig frontal ins Publikum. Belebung bringt eine Tänzerin ad libitum, die im grauen Hoodie als körpergewordene Gefühlswelt der Protagonisten agiert. Für Freunde zeitgenössischer Tanzästhetik ein Gewinn, andere müssen hier stark sein.

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Szenenbild aus „Das Wunder der Heliane“ an der Opéra National du Rhin
Szenenbild aus „Das Wunder der Heliane“ an der Opéra National du Rhin

Orchestervolumen auf hundert Prozent gedreht

Gerade diese Klarheit der szenischen Anlage lenkt den Fokus jedoch auf Korngolds überwältigende Harmonik und seine üppige Orchestersprache, die hier dank der erzählerischen Richtung des Stücks noch gesteigerter wirkt als in „Die tote Stadt“. Dirigent Roubert Houssart formt mit der Straßburger Philharmonie einen markanten, fließenden Klang. In bester Kapellmeistertradition führt er das Orchester sicher durch die Tücken der Partitur, setzt auf dauerhaft voluminöse Klangmassen – sehr zur Freude des spielfreudigen Chores, mitunter jedoch auf Kosten der Sänger, die sich gegen diese orchestrale Wucht behaupten müssen.

Szenenbild aus „Das Wunder der Heliane“ an der Opéra National du Rhin
Szenenbild aus „Das Wunder der Heliane“ an der Opéra National du Rhin

Mehr Mut zur Zurückhaltung

Ric Furman, der vielerorts auch als Tristan reüssiert, gestaltet den Fremden souverän und treffsicher. Mit etwas mehr dynamischer Zurückhaltung aus dem Graben würde seine komplexe Partie, die es mit den großen Wagner-Rollen aufnehmen kann, noch stärker zur Geltung kommen. Als König überzeugt der österreichische Bassbariton Josef Wagner mit durchgehender stimmlicher Präsenz; seine Rolle verlangt weniger lyrische Innigkeit als machtvolle Autorität – eine Aufgabe, die er über den gesamten Abend hinweg erfüllt.

Zur eigentlichen Offenbarung des Abends wird Camille Schnoor als Heliane. Die deutsch-französische Sopranistin überzeugt durch klare Phrasierung und ein bereits im ersten Auftritt spürbar großes stimmliches Volumen. Zwar fordert der kraftvolle Orchesterklang ihren Tribut und erklärt ein zunehmend angestrengtes Vibrato, doch mindert es den qualitativen Eindruck nicht.

So gelingt in Straßburg eine Premiere, die beim Publikum ankommt und den Weg ins Elsass lohnend erscheinen lässt – nicht, weil sie das Glück magisch verheißt, sondern weil sie es ganz pragmatisch erfahrbar macht, durch fesselnde Harmonien und einen schnörkelfrei erzählten Korngold.

Opéra National du Rhin
Korngold: Das Wunder der Heliane

Robert Houssart (Leitung), Jakob Peters-Messer (Regie), Guido Petzold (Bühnenbild, Licht & Video), Tanja Liebermann (Kostüme), Nicole van den Berg (Choreografie), Hendrik Haas (Chor), Camille Schnoor, Josef Wagner, Ric Furmann, Kai Rüütel-Pajula, Damien Pass, Paul McNamara, Chœur de l’Opéra national du Rhin, Orchestre philharmonique de Strasbourg

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