Opern-Kritik: Regeneration Festival – La Cenerentola

Oper für alle

(Florenz, 30.8.2020) Mit sensationellen jungen Rossinisängern feiert die Geburtsstadt der Oper in den luftigen Boboli-Gärten die Renaissance der Gattung.

© Guy Bell/GBPhotos.com

Szene aus Rossinis „La Cenerentola“ beim Regeneration Festival Florenz

Szene aus Rossinis „La Cenerentola“ beim Regeneration Festival Florenz

„Ich bin ein Maskenmann“, ein „uomo mascherato“, singt Diener Dandini, als er sich als falscher Prinz outet, der noch in den Kleidern seines Herrn steckt – und damit als denkbar schlechte Partie. Zerplatzt sind die Pläne seines bislang potentiellen Schwiegervaters, des aufgeblasenen, üppig perrückten Don Magnifico. Der Alte hat den Falschen hofiert. Mit der sehr guten Partie für eine seiner Töchter dürfte es jetzt nichts mehr werden. Jungregisseur Jean-Romain Vesperini, der durch Altmeister wie Peter Stein und Luc Bondy geprägt wurde, versagt sich an diesem zentralen Wendepunkt freilich den schnellen Gag der Aktualisierung. Es gibt keine Anspielung auf den Maskenzwang, der neuerdings in Italien – zumindest offiziell – ab 18 Uhr an öffentlichen Orten gilt und auf unserem Weg des Lustwandelns durch die des abends noch atmosphärisch lauschiger wirkenden Boboli-Gärten dank der Worte des Sicherheitspersonals auch freundlich bestimmt durchgesetzt wird.

Herzensgüte schlägt Hochmut – Sein schlägt Schein – wahre Liebe triumphiert über äußeren Glanz

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Szene aus Rossinis „La Cenerentola“ beim Regeneration Festival Florenz

Szene aus Rossinis „La Cenerentola“ beim Regeneration Festival Florenz

Es ist genau diese Entscheidung, etwas naheliegend Plattes nicht zu tun, die für die gesamte fantastische Qualität dieser unter freiem Florentiner Himmel gespielten Inszenierung von Rossini „La Cenerentola“ spricht. Wie am Schnürchen schnurrt das Meisterwerk der Komik nach allen Regeln der Komödienkunst ab – als ein wahres Märchen von Oper. „Es war einmal ein König“ sind die ersten Worte des armen Angelina-Aschenputtels, das im Hause seines Stiefvaters zur Küchenmagd erniedrigt wird und dennoch nicht verlernt hat zu träumen – von einem wahrhaft königlichen Dasein, das ihr, nicht etwa ihren zickigen Schwestern, am Ende beschieden sein wird. Und die Moral von der Geschichte? Herzensgüte schlägt Hochmut. Sein schlägt Schein. Wahre Liebe triumphiert über äußeren Glanz. Das Auftrittslied der Cenerentola singt Svetlina Stoyanova mit der idealen Anmut des Authentischen, mit dem Mezzo-Ton der guten Seele, die dem ans Tor klopfenden Bettler ein kleines Frühstück reicht, während ihre bösen Schwestern den armen Kerl des Hauses verweisen. Angelina wedelt derweil den Staub – oder ist angesichts des knisternden Kamins auch die ihr den Namen gebende Asche? – von den Möbeln, sie singt sich selbstvergessen hinein in eine andere Welt der Unschuld, des Verzeihens, der Güte.

Sehnsuchtsmoment einer Erniedrigten

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Szene aus Rossinis „La Cenerentola“ beim Regeneration Festival Florenz

Szene aus Rossinis „La Cenerentola“ beim Regeneration Festival Florenz

Während die beiden schlangenbissigen Schwestern mit überdimensionierten Fächern ständig ihre pseudodamenhafte Grandezza zu demonstrieren versuchen, da wagt Cenerentola mangels eines derart vornehmen Requisits es nur genau ein mal, ihren Besenstil zweckzuentfremden: Sie dreht ihn um und drückt das Reisigbüschel an ihr Herz. Das ist der Sehnsuchtsmoment einer Erniedrigten, eines Wesens von moralischem Adel und tiefer Herzensbildung, der Tagtraum eines vollkommen guten Menschen, der nicht schlecht werden kann, nur weil die Verhältnisse es sind. Jean-Romain Vesperini setzt das Opernmärchen mit einer Direktheit in Szene, die ins freudig lächelnde Auge springt und auf denkbar einfache Weise unmittelbar berührt. Der legendäre Jean-Pierre Ponnelle hat einst auf die Qualität dieses herrlichen Werks auf ähnlich ehrliche Weise vertraut und kam zu entsprechend ähnlichen Ergebnissen, was nicht Manko, sondern pure Bestätigung der Florentiner Open Air-Produktion ist, die das New Generation Festival unter pandemiebedingt abgewandeltem Namen nun als Regeneration Festival herausgebracht hat.

Bunt gemischt an Nationalitäten, überdurchschnittlich jung und ebenso interessiert ist das Publikum

Das im Kern englische Leitungsteam hat auf dem Weg zu diesem Erfolg viel mehr als nur ein Wunder vollbracht, hat die italienischen Behörden vom eigenen Hygienekonzept und die Förderer von der Notwendigkeit zusätzlicher Gelder überzeugt, hat bedeutende Partner wie die Gemäldegalerie der Uffizien ins Boot geholt. Und schließlich das bisherige Festivalkonzept mutig weiterentwickelt und sich die einst von Sir Peter Jonas ausgegebene Losung zu eigen gemacht: „Oper für alle“. Die 500 auf der Tribüne in sicherer Distanz angeordneten Plätze jedes Abends wurde gratis über die eigene Website vergeben. Bunt gemischt an Nationalitäten, überdurchschnittlich jung und ebenso interessiert ist das Publikum der beiden Konzerte und Opernvorstellungen im Ergebnis. Genau so soll Hochkultur im Idealfall zugänglich gemacht werden. Hier wird die Krise als Chance verstanden, aber auch als Herausforderung mit großer Verantwortung. Denn gerade die jungen Künstler traf schließlich das Nicht-Mehr-Gefragt-Sein durch Corona mit besonders brutaler Härte. Hier konnten sie nun auftreten, wurden anständig bezahlt und wertgeschätzt. Angeschlossen an das Festival ist das neue, von Theatern unabhängige Mascarade Opera Studio, das in herrlichen historischen Räumen des Palazzo Corsini al Prato residiert und allen Covid-19-Rufen zum Trotz im September einen frischen Jahrgang an Sängerinnen und Sängern aufnimmt. Ein großes Hoffnungszeichen, dem hier in Florenz, der Geburtsstadt der Gattung Oper, immense Bedeutung zukommt.

Entdeckung, Erfüllung, Empfehlung: Svetlina Stoyanova als Angelina, Josh Lovell als Prinz Ramiro

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Szene aus Rossinis „La Cenerentola“ beim Regeneration Festival Florenz

Szene aus Rossinis „La Cenerentola“ beim Regeneration Festival Florenz

So sind es denn auch nicht nur die feinfühlige Regie oder die farbprallen starken Videos von Etienne Guiol und Anouar Brissel (die das Bühnenbild nahezu vollwertig ersetzen), es sind die Sängerinnen und Sänger, die „La Cenerentola“ zum internationalen Ereignis machen. Eine Erfüllung und eine Empfehlung an jedes Opernhaus der Welt ist das utopische Paar, das sich am sehr guten Ende kriegen darf. Die Bulgarin Svetlina Stoyanova, die 2017 in Gütersloh den ersten Preis beim Internationalen Gesangswettbewerb „Neue Stimmen“ holte, verfügt über eine derart perfekte ausgefeilte Belcanto-Technik, dass sie in manchen Momenten nicht nur an Cecilia Bartoli erinnert oder durch die Lagen und Register gleitet, als wäre dies das Leichteste der Welt, sondern sich in den finalen Koloraturen auch effektvoll kluge improvisatorische Freiheiten nehmen kann. Josh Lovell als Prinz Ramiro erinnert an jene goldene Ära des Gesangs, als ein Alfredo Kraus ein lebenslang stilgenauer Tenore di grazia war. Lovells Timbre ist traumhaft schön und seine geschmeidig feinschmelzende Phrasierung voller gutem Geschmack, seine leicht ansprechende Höhe scheint keine Grenzen jenseits des Hohen C zu kennen, an tollen Tagen wie diesen, Ende August 2020, tänzelt er auch mal stimmschlank aufs E oder gar F empor. Welch eine Entdeckung! Kein Wunder, dass die Wiener Staatsoper den jungen Kanadier gesichert hat.

Zusammenspiel von Natur und Kunst klingt mit Happy End aus

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Szene aus Rossinis „La Cenerentola“ beim Regeneration Festival Florenz

Szene aus Rossinis „La Cenerentola“ beim Regeneration Festival Florenz

Während das in Bologna ansässige Orchestra Senzaspine, das Mitglieder bis unter 35 Jahren aufnimmt, mit rossiniinspirierter Leichtigkeit und Lust durch die Partitur führt (Leitung: Sándor Károlyi), ist der Rest der Besetzung zwar nicht auf dem einsamen Niveau von Mezzo und Tenor unterwegs, macht freilich rundum Freude: Daniel Mirosławs potent profundem Bass fehlt als Don Magnifco nur die wirklich behende Buffo-Agilität, Gurgen Baveyan hat die strahlende Bariton-Höhe für seinen Dandini, aber das tiefe Register springt noch nicht an. Sein Auftritt, zu dem er per Ross als barocke Karikatur des royalen Habitus einreitet, ist von eben der Ironie des Präpotenten, die Rossini hier gemeint haben könnte. Dass im Laufe des Abends dann tatsächlich ein Gewitter als Naturschauspiel hinter der Bühne vorbeizieht, das Rossini blitzend und donnergrollend zu instrumentieren wusste, entzieht sich der professionellen Planbarkeit. Es gehört für das Zusammenspiel von Natur und Kunst aber nun mal dazu, am liebsten mit trockenem Happy End, das uns in den Boboli-Gärten von Florenz in der Tat beschieden war.

Regeneration Festival
Rossini: La Cenerentola

Sándor Károlyi (Leitung), Jean-Romain Vesperini (Regie), Anna Maria Heinreich (Kostüme), Christophe Chaupin (Licht), Etienne Guiol & Anouar Brissel (Video), Svetlina Stoyanova, Josh Lovell, Gurgen Baveyan, Daniel Mirosław, Blaise Malaba, Marvic Monreal, Giorgia Paci, Chor, Orchestra Senzaspine

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