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Opern-Kritik: Staatsoper Hamburg – Die Unruhenden

Mahler meets Marthaler

(Hamburg, 15.1.2026) Nach diesem Musiktheaterabend an der Staatsoper Hamburg wird man Mahler anders hören: Regisseur Marthalers Methode wird in „Die Unruhenden“ nie zur Masche, sondern knackt Mahlers Musik nachgerade genialisch.

vonPeter Krause,

Der Himmel hängt voller Kuhglocken: jenen relativ kleinen, wie sie milchgebende Wiederkäuer auf jeder Schweizer Alm umhängen haben, zudem einer Menge von deutlich überdimensionierten Selbstklingern, die nahelegen, dass dieses Zimmer aus Holz zwar auf den ersten Blick enorm naturalistisch aussieht, es aber dann doch nicht ist. Dieser nur scheinbar reale Raum könnte ein Gasthaus im Gebirge sein, in dem ein „Freischütz“-Max auf seine Agathe trifft. Es könnte sich hierbei ebenso um den lokalen Musikverein handeln, stehen hier doch neben einem Cello allerhand Tasteninstrumente an den Wänden herum, an denen wiederum vergilbte Fotos jugendlicher Tanzgruppen hängen.

Seltsam hingegen die Tischchen, an denen meist nur ein Stuhl (alle Sitzgelegenheiten sind leicht unterschiedlich) steht, und an denen folglich auch meist nur ein Mensch Platz nehmen wird. Nimmt man für die bald grotesk hereintrippelnde Personnage dieses seltsamen Etablissements, das in der opera stabile – der kleinen Experimentalbühne der Staatsoper Hamburg – zu bestaunen ist, die Bezeichnung des erfundenen Wortes „Die Unruhenden“ ernst (der dem Abend seinen Namen gibt), dann wäre es wohl eine Gruppe von Vereinsamten, von arg in die Jahre gekommenen, gleichsam übriggebliebenen Herrschaften, die sich hier in einer Art Altersheim gewesener Künstler und Wissenschaftler versammeln.

Szenenbild aus „Die Unruhenden“
Szenenbild aus „Die Unruhenden“

Das Gipfeltreffen von Mahler und Marthaler geschieht auf Augenhöhe

Zwar ist die legendäre Erfinderin seiner Bühnenräume diesmal nicht beteiligt: Regisseur Christoph Marthaler hat auf seine Meisterin des Visuellen verzichtet: Über Anna Viebrocks Fantasie gebietet freilich auch Duri Bischoff im Übermaß: Der namhafte Schweizer Bühnenbildner hat mit dieser alpenländischen Stube jedenfalls einen vielsagend imaginativen Raum ersonnen, der zwischen Realem und Surrealem so famos changiert, dass er für die Ästhetik des Christoph Marthaler die perfekte Steilvorlage bietet.

Was indes in dessen Regiearbeiten in den letzten Jahren mitunter zur Masche verkam, geht an diesem Premierenabend grandios auf: Marthalers Methode trifft auf Mahlers Musik: Die Methode macht sich die Musik dabei allerdings nicht einfach gefügig, lässt die Ausschnitte aus der ersten, zweiten, dritten und zehnten Sinfonie sowie die ausgewählten Lieder nicht nur in Fragmenten und Dekonstruktionsschnipseln aufscheinen. Das Gipfeltreffen von Mahler und Marthaler geschieht auf Augenhöhe, mit Feingefühl, in respektvoller Verfremdung. Natürlich ist da auch einiger Humor, ja Schalk im Spiel, der bei Mahler weniger ausgeprägt sein soll als bei Marthaler.

Szenenbild aus „Die Unruhenden“
Szenenbild aus „Die Unruhenden“

Große Gedanken im intimen Setting

Doch gerade damit werden die großen Themen des philosophisch belesenen Komponisten vom Pathossockel großer Gedanken geholt und im Kontext einer kleinen, geschlossenen, artifiziellen Welt verschmitzt verhandelt. Die Fallstricke des Illustrativen, des die Musik Verdoppelnden umschifft die Inszenierung galant, gekonnt, genialisch: Mahlers Naturverzücktheit, sein Nachsinnen des Sterbens und der Auferstehung, sein spätromantisches, die Ewigkeit suchendes Liebesverständnis hievt Marthaler von der Erhabenheit in die banale Alltäglichkeit dieses geriatrischen Gasthauses und seiner grotesk gezeichneten Gäste.

Zehn Personen sind es, die hier mehr debil als genial über die eigene Einsamkeit und Endlichkeit schwadronieren, die sich zum zart intonierten Chorfinale der zweiten Sinfonie und seiner Auferstehungszeilen zusammenfinden und über die ihnen einst überreichten Medaillen des Nobelpreises kabbeln, die ihnen nun aberkannt werden sollen. Dazu regnet es immer wieder Notenblätter von Mahlers Musik aus der Wand. Der alltägliche Wahnsinn dieser zehn Verrückten, die mit dem eigenen Bedeutungsverlust mehr schlecht als recht zurande kommen, wird mit jener Spur opernhafter Magie und Eigenweltlichkeit aufgeladen, sodass eben wirklich berührende Kunst entsteht.

Szenenbild aus „Die Unruhenden“
Szenenbild aus „Die Unruhenden“

Diese zehn Menschen sind der Welt abhandengekommen

Ohne es im Sinne einer mit erhobenem Zeigefinger demonstrierten Botschaft herauszuschreien, berührt diese Produktion ganz unmittelbar, weil sie über den Umweg der Verfremdung den zentralen Fragen der Kunst- und Lebenssicht Gustav Mahlers dennoch sehr nahekommt. Diese Fragen haben im Besonderen mit seinem Verständnis von Raum und Zeit zu tun. Da lauschen also diese zehn der Welt abhanden gekommenen Menschen mit uns den subtilen, auf ein Minimum reduzierten Klängen aus der Ferne. Motivsplitter von Flöte und Fagott tönen herein. Einige der zehn Insassen musizieren auch selbst wie für sich, ganz nach innen gerichtet. „Ein Abend in Zimmerlautstärke“ ist die so herrlich langsame (dabei nie langweilige) Inszenierung im Untertitel bezeichnet, der Johannes Harneit die musikalische Einrichtung geschenkt hat, die sich mit jedem Ton auf Mahler berufen kann.

Gleich einer Fußnote der Produktion versteht man, wie der junge Gustav einst Inspiration für seine Musik fand – zumal durch unweit des elterlichen Hauses vorbeiziehende Militärkapellen. Die Erfahrung von Distanz – räumlicher, zeitlicher, psychologischer – wird dennoch für dieses Marthaler-Mahler-Musiktheater ganz zentral. Mahler, der Komponist und Denker des Fin de Siècle, der zwischen Spätromantik und Moderne Heimatlose, wird im Spiegel dieser zehn Verschollenen sehr wohl spürbar. Und für uns unmittelbar anschlussfähig. Profiliert zeichnen die zehn starken künstlerischen Persönlichkeiten zwischen Sprache, Gesang und Instrumentalspiel ausgeprägte Charaktere nach, die der musikalisch hoch sensible Marthaler bei aller Überzeichnung stets ernst nimmt, nie der Lächerlichkeit preisgibt. Nach diesem Abend an der Staatsoper Hamburg wird man Mahler anders hören. Und das ist eindeutig nicht als Warnung gemeint.

Staatsoper Hamburg (opéra stabile)
Die Unruhenden

Johannes Harneit (Leitung & Einrichtung), Christoph Marthaler (Regie), Duri Bischoff (Bühne), Sara Kittelmann (Kostüme), Catharina von Bülow (Regie-Mitarbeit), Priscilla Prueter (Kinder- und Jugendchor), Katinka Deecke & Malte Ubenauf (Dramaturgie), Magne Håvard Brekke, Kady Evanyshyn, Ueli Jäggi, Rosemary Hardy, Johannes Harneit, Bendix Dethleffsen, Daria Pujanek, Nadja Reich, Kartini Suharto-Martin, Davide Damiani

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