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Zarzuela-Kritik: Musiktheater an der Wien – Benamor

Mann ist Frau und Frau ist Mann

(Wien, 23.1.2026) Ob einer der intelligentesten und erstklassigsten Opernregisseure wie Christof Loy für ein kitschig halbseidenes Genre wie die Zarzuela der richtige ist? Die Antwort ist derzeit mit Pablo Lunas „Benamor“ im Musiktheater an der Wien zu sehen.

vonRobert Quitta,

Christof Loy ist seit Jahrzehnten einer der wichtigsten deutschen Opernregisseure, bekannt für seine nahezu unübertroffenen psychologischen Personenregien in minimalistischen, hellen, weißen Bühnenräumen. Repertoire: eher von der ernsten Sorte. Vor einigen Jahren wurde er allerdings auf dem Weg nach Damaskus (bzw. Madrid, wo er gerade inszenierte) vom Blitz der Zarzuela getroffen und sieht es seither als seine Aufgabe an, Westeuropa als eine Art Apostel Paulus dieses außerhalb Spaniens (bis auf einige Galaabende mit Plácido Domingo) eigentlich unbekannten Genres zarzuelamäßig zu missionieren. Er hat seine eigene Zarzuela-Compagnie gegründet und im Herbst in Basel mit einem der berühmtesten Werke, dem „Barberillo de Lavapiés“, bereits einen ersten Testlauf gewagt. Jetzt hat er im Theater an der Wien (an dem er in der Ära Geyer fast so etwas wie ein Hausregisseur war) Pablo Lunas „Benamor“ herausgebracht, eine Zarzuela, die selbst in Spanien keinen hohen Bekanntheitsgrad aufweist.

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Szenenbild aus „Benamor“ am Musiktheater an der Wien
Szenenbild aus „Benamor“ am Musiktheater an der Wien

Lebensrettender Geschlechtertausch

Die Geschichte von Benamor ist durchaus originell: am persischen Hof in Isfahan herrscht ein Gesetz, dass das erstgeborene Kind immer ein Bub sein muss, und das zweitgeborene ein Mädchen. Sonst werden beide umgebracht. Die Sultanin wirft aber leider in umgekehrter Reihenfolge. Als liebende Mutter beschließt sie daher, das Leben ihrer Kinder zu retten, indem sie die Prinzessin als Prinzen (Dario) aufzieht und den Prinzen als Prinzessin (Benamor). Alles geht gut bis zu dem Zeitpunkt, als die Prinzessin verheiratet werden soll. Die panische Sultanin will die Hochzeit um jeden Preis verhindern und klärt den Großwesir über den peinlichen Sachverhalt auf. Dieser leidet aber, wie nach jeder Liebesnacht, an akuter Post-Coitum-Taubheit und kriegt davon gar nichts mit. Und so nehmen die Verwicklungen ihren Lauf…

Szenenbild aus „Benamor“ am Musiktheater an der Wien
Szenenbild aus „Benamor“ am Musiktheater an der Wien

Eine gewisse Geschmacklosigkeit und Zweitklassigkeit als konstitutive Elemente des Genres

Die Zarzuela wird oft als spanische Operette bezeichnet. Zutreffender wäre wohl: Pendant zur Deutschen Spieloper, Variante der Opéra comique. Denn sie ist eigentlich immer affirmativ, die Musik zwar einschmeichelnd, aber meistens von süßlich-melancholischem Kitsch. Und auch in den Libretti weit entfernt von dem bissigen Witz, der die Operetten von Kálmán, Lehár, Offenbach oder Gilbert & Sullivan geprägt. Kitsch, Halbseidenheit und eine gewisse Geschmacklosigkeit und Zweitklassigkeit sind die konstitutiven Elemente der Zarzuela, und insofern ist einer der intelligentesten, geschmackvollsten und erstklassigsten Regisseure wie Christof Loy wahrscheinlich der falscheste Mann dafür. Loy gibt sich zwar größte Mühe, seine obligate asketische Weiß-in-Weiß-Ästhetik zu überwinden, es gibt farbige gemalte Prospekte und vor allem auch die genialisch-bunten Kostüme von Barbara Drosihn.

Szenenbild aus „Benamor“ am Musiktheater an der Wien
Szenenbild aus „Benamor“ am Musiktheater an der Wien

Aseptische Cleanness

Aber es bleibt immer noch der (wenn auch mit geringfügigen sinnlosen Accessoirs wie eine hoch oben angebrachten Lüftungsanlage und einer winzigen Tür, die nur zweimal benutzt wird) variierte übliche weiße Bühnenbildrahmen. Und vor allem das fast die ganze Zeit gnadenlos volle Pulle darauf geknallte Flutlicht, das keinerlei Atmosphäre aufkommen lässt, persische schon gar nicht. Es herrscht eine extrem unzarzuelaeske aseptische Cleanness, was besonders im zweiten Tal, in dem der Sklavenhändler-Zuhälter in einem pipifein sauberen Camper wohnt, besonders störend wirkt. Noch verstörender ist, dass der große und diesbezüglich auch ziemlich einzigartige psychologische Menschen-Regisseur Christof Loy sich hier (aus zu großer Ehrfurcht vor dem fremden Genre, vor der fremden Kultur?) eigentlich auf das Arrangieren beschränkt. Und die Sänger auch größtenteils in der Mitte der Bühne Position einnehmen und die Monologe und Arien frontal ins Publikum abliefern.

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Szenenbild aus „Benamor“ am Musiktheater an der Wien
Szenenbild aus „Benamor“ am Musiktheater an der Wien

Vintage reloaded

Ein Hauch von 50er Jahre weht durchs allzugut beleuchtete Isfahan. Vintage reloaded. Dies gesagt habend, war es ein äußerst interessanter (immer spannender, ein neues Werk kennenzulernen als die millionste „Carmen“ vorgesetzt zu bekommen) und vergnüglicher Abend. Musiziert, gesungen und getanzt wurde auf allerhöchstem Niveau. Den Vogel schoss dabei vielleicht Milagros Martin als Sultanenmutter ab, ein Theater-Schlachtross der alten Schule, die dank ihrer enormen Bühnenpräsenz das Publikum um den kleinen Finger wickelt. Eigentlich fehlbesetzt, aber großartig der Sopranist Federico Fiorio als weiblicher Prinz (seine Stimmlage macht den Dario etwas zu tuntig). Überwältigend der strahlende Sopran Martina Monzó als seine männliche Schwester. David Alegret ist ein souveräner, wenn auch ab und zu tauber Großwesir, David Oller ist faszinierend als Jack-Sparrow-artiger Abenteurer und Dichter Juan de León. Brillant wie immer der Schönberg-Chor, ungewöhnlich die Choreografien von Javier Perez, zupackend das Dirigat von José Miguel Perez-Sierra mit dem RSO Wien.

Szenenbild aus „Benamor“ am Musiktheater an der Wien
Szenenbild aus „Benamor“ am Musiktheater an der Wien

Farbe, Freude, Lebenslust

Ganz nachvollziehbar ist Christof Loys späte Bekehrung zu der ihm eigentlich wesensfremd sein müssenden spanischen Zarzuela trotz alldem nicht. Es wirkt ein wenig wie ein Urlaubsflirt, bei dem man aus lauter Leidenschaft für das fremdländische Temperament gewillt ist, bei der Objektwahl für eine gewisse Zeit auch unter sein angestammtes Niveau zu gehen. Wie dem auch sei: die Wiener Zuschauer waren nach der Premiere an diesem nebligen, kalten Januar-Winterabend glücklich: Farbe, Freude, Lebenslust, schöne Menschen, schöne Kostüme, halbnackte Haremsdamen, zu Herzen gehende Musik, romantische Liebesduette… Und dann alles in einer Inszenierung, wie man sie weder an der Volksoper noch an der Staatsoper derzeit zu sehen bekommt: kein Bunker, kein Gefängnis, keine Psychiatrie, keine Metro-Station, kein Schwimmbad, keine Nazis, keine Hakenkreuzfahnen, keine Pistolen, keine Maschinengewehre, keine Koffer, keine Rollstühle, keine alten Autos, keine Live-Videos, keine Hintergrundprojektionen, kein Plastikblut. Durch das Theater an der Wien ging ein riesiger kollektiver Stoßseufzer: Danke, Christof Loy!

Hinweis: Im Juni 2026 wird Loy in Madrid noch eine dritte Zarzuela inszenieren: „El Gato Montés“.

Musiktheater an der Wien
Luna: Benamor

Jose Miguel Perez-Sierra (Leitung), Christof Loy (Regie), Herbert Murauer (Bühne), Barbara Drohsihn (Kostüm), Javier Perez (Choreografie), Marina Monzo (Benimor), Federico Fiorio (Dario), Milagros Martin (Pantea), David Alegret (Großwesir),David Oller (Juan de Leon), Joselu Lopez (Babilon), Sofia Esparza (Nitetis), Nuria Perez (Cachemira), Arnold Schönberg Chor, ORF Radio-Symphonieorchester Wien






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