Opern-Kritik: Theater Hagen – Tschick

Buchillustration

(Hagen, 18.3.2017) Wolfgang Herrndorfs Roman-Bestseller macht Ludger Vollmer mühsam zur Oper

© Klaus Lefebvre

Szenenbild aus "Tschick"

Tschick/Theater Hagen

„Tschick“ ist ein Phänomen. Seit seinem Erscheinen im Jahr 2010 hat sich der Roman des 2013 an Krebs verstorbenen Wolfgang Herrndorf über zwei Millionenmal verkauft und kam in 25 Ländern auf den Markt. Die Sprechtheaterfassung des Dramaturgen Robert Koall war auf deutschen Bühnen schon über 2000mal zu sehen. 2014 beauftragte dann das Theater Hagen den Komponisten Ludger Vollmer mit der Erstellung einer Oper nach dem Erfolgsroman, der jetzt seine Uraufführung erlebte.

Vollmer verbeugt sich vor dem Erfolgsbuch

Vollmer ist Spezialist im Genre der Jugendoper, das eigentlich auch nur er vertritt. Mit seinen Musiktheater-Adaptionen „Lola rennt“ und vor allem „Gegen die Wand“ feierte er große Erfolge, unter anderem auch in Hagen. Mit „Tschick“ versucht er sich erstmals an einer Romanvorlage – und findet, wie auch sein Regisseur Roman Hovenbitzer – keine rechte Haltung zu Herrndorfs Sprache und Handlung. So komponiert er am, von Tina Hartmann nach dem Roman gestalteten Text entlang – eine Verbeugung vor dem Buch, die Zuschauern, die es nicht gelesen haben, kaum zugänglich sein durfte.

Brechtianische Verfremdung

Es beginnt, in der Tradition von Musical und Operette, mit einer Chorszene, einer Art Doppeldemonstration. Ökologisch Engagierte protestieren gegen Umweltverschmutzung, Immobilienmakler für Gentrifizierung. Hier soll ein gesellschaftlicher Rahmen gesetzt werden. Die Choristen tragen Schwarz und weiße Pappmasken vor dem Gesicht. Über der Bühne läuft ein Spruchband mit. Brecht kommt einem in den Sinn.

Tatsächlich sind Desillusionierung, Verfremdung, Distanzierung vom Gegenstand offenbar gewollt. Wir schauen von draußen auf das Geschehen. Bilder werden szenisch angedeutet und erfahrbar erst durch die Kenntnis der Lektüre, wie etwa das Geschehen auf der Brücke, der Unfall mit dem Tiertransporter oder das eigentlich umwerfende Schlussbild, in dem Maiks Mutter einen ganzen Haushalt im Swimming Pool versenkt, in den Maik dann eintaucht, um sich von unten die Möbel zu betrachten. Hier wirft Mama drei Plastikteile hinter eine Kachelmauer, den Rest übernimmt ein Video, dahinter der in drei Meter Höhe schwebende Maik. Und die Musik macht mit, spricht nicht, übernimmt keine Verantwortung.

Die Figuren bleiben uns fern

Das Erschütterndste aber: die Figuren bleiben uns fern. Die furchtbare Einsamkeit, die der im kriminellen Milieu aufwachsende Spätaussiedlerjunge Tschick und das Wohlstandskind Maik durch ihre gemeinsame Reise im gestohlenen Lada jeder für sich und miteinander bekämpfen, wird genauso wenig greifbar wie ihre Freundschaft. Wenn Tschick etwa von seiner Homosexualität zu singen hat, überschlagen sich erst die Geigen, dann purzeln die Flöten musikalisch übereinander – und der hervorragende Bassist Karl Huml hat so leise und wenig melodisch definiert zu brummen, dass man trotz Mikrofonierung die Untertitel benötigt, um zu verstehen, worum es eigentlich geht.

Musikalische Interpreten auf höchstmöglichem Niveau

Dafür gibt es Kunstgriffe, wo man nur hinsieht. Der Lada ist ein Fahrgestell mit Holzrahmen. Wenn Tschick und Maik unterwegs sind, singt der Chor ein Gedicht von Christian Morgenstern über zwei Parallelen, die davon träumen, sich im Unendlichen zu treffen. Immer und immer wieder. Wenn das Mädchen Isa auf einer Müllkippe plötzlich auftaucht, muss sie einen Text aus „Max und Moritz“ singen, der ihr Erscheinen herleiten soll. Bei Herrndorf kommt sie einfach – aus dem Nichts. Seine Lakonik, seinen amerikanisch trockenen Humor, aber auch seinen auf romantischem und expressionistischem Erzählen fußenden Umgang mit Naturstimmungen und Symbolik kommt Vollmers Oper, trotz der wunderbar verzerrten Stadtlandschaften und Modellbilder von Krista Burger, allenfalls momentweise nahe. Und das, obwohl Ensemble, Chor und Orchester des finanziell so beschämend schlecht gestellten Theaters Hagen samt GMD Florian Ludwig eine Uraufführung auf höchstmöglichem musikalischen Niveau gewährleisten.

Theater Hagen
Vollmer: Tschick

Ausführende: Florian Ludwig (Leitung), Roman Hovenbitzer (Regie), Jan Bammes (Ausstattung), Krista Burger (Graphik und Projektionen), Wolfgang Müller-Salow (Chor), Andrew Finden (Maik), Karl Huml (Tschick), Kristine Larissa Funkhauser (Isa), Marilyn Bennett (Mutter), Rainer Zaun (Vater), Heikki Kilpeläinen (Lehrer/Richter), Richard van Gemert (Horst Fricke), Maria Klier (Mona/Friedemann), Artur Hornik, Serkan Vardar (Breakdancer) u.a., Chor und Extrachor des Theaters Hagen, Philharmonisches Orchester Hagen

Termine: 18. (Premiere) & 24.3., 13., 20. & 26.4., 10. & 28.5., 2. & 11.6., 8.7.

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