Opern-Kritik: Theater Koblenz – Der Vampyr

Ha, welche Lust!

(Koblenz, 6.5.2017) Heinrich Marschners 190 Jahre Ex-Erfolgsoper auf Repertoiretauglichkeit geprüft

© Matthias Baus/Theater Koblenz

Szenenbild aus "Der Vampyr"

Der Vampyr/Theater Koblenz

Wie Vampire aussehen, wissen wir aus dem Kino: schlank, elegant, mit bleichem Gesicht, grauer Haarsträhne und edlem Fledermauscape. Genauso sieht Lord Ruthven in Koblenz aus. In drei Stunden Spielzeit soll er drei Jungfrauen aussaugen, um ein Jahr länger gruseln zu dürfen. Er scheitert an einem jungen Mann, der erkannt hat, wer und was er ist – und einen Schwur bricht, um seine Geliebte zu retten. Der Regie führende Intendant Markus Dietze taucht die Koblenzer Bühne in dunkles Licht, lässt es wohlig gruseln. Immer wieder schiebt sich die gewaltige Mondscheibe ins Bild, abwechselnd mit einem riesigen Zifferblatt, das („die Zeit vergeht, es wird zu spät“) den Druck verbildlichen soll, unter dem der Vampir steht.

© Matthias Baus/Theater Koblenz

Szenenbild aus "Der Vampyr"

Der Vampyr/Theater Koblenz

Auch rundherum herrscht B-Movie-Optik, bunt angedeutetes 19. Jahrhundert. Schwarz kostümiert kommen die Damen und Herren des Chores daher, liebevoll individuell zurechtgemacht als Horrorgestalten, als wären sie selber Vampire. Auf jeden Fall wissen sie viel mehr als die naiven jungen Damen, die der Anziehungskraft des Vampirs erlegen sind.

© Matthias Baus/Theater Koblenz

Szenenbild aus "Der Vampyr"

Der Vampyr/Theater Koblenz

Die Inszenierung schwankt zwischen Singspielbehäbigkeit und deren Parodie

Einige witzige Momente ergeben sich aus dieser Konstellation, genau wie aus der Tatsache, dass Dietze die Dialoge von Schauspielern hat einsprechen lassen und vom Band zuspielt. Die Sänger agieren stumm dazu. Das kann witzig sein, wirkt aber oft zu brav. So wirkt die Inszenierung unentschieden und verfällt immer wieder jener antiquierten Singspielbehäbigkeit, die sie eigentlich wohl parodieren möchte.

Spannendes Übergangswerk zwischen Weber und Wagner

Etwas anderes ist die musikalische Seite. „Der Vampyr“ war Marschners achte Oper, sein Durchbruch zum führenden Opernkomponisten seiner Zeit, und ist ein musikhistorisch interessantes Übergangswerk zwischen Weber und Wagner, sogar zwischen Klassik und Romantik. GMD Enrico Delamboye koordiniert souverän, hat den langen Atem für die schier endlosen Ensembles, modelliert die Perlen der Partitur gelassen heraus und macht vor allem hörbar, wo’s herkommt – und wo’s hinwill. Gleich die erste Szene lässt in nahezu jeder Hinsicht an die „Freischütz“-Wolfsschlucht denken, und die anschließende große Arie des Vampirs setzt deutlich auf der Pizarro-Arie aus „Fidelio“ auf. Ruthven, den Bastiaan Everink in jeder Hinsicht stattlich, anfänglich etwas grobschlächtig, dann immer differenzierter gibt, ist als Charakter eine Mischung aus Kaspar und Don Giovanni – und lässt schon den Fliegenden Holländer ahnen. Die Malwine von Iris Kupke ist eine Mischung aus Ännchen und Agathe, der Gegenspieler Aubry, der auch sängerisch leicht hüftsteife Tobias Haaks ist irgendwo zwischen Ottavio und Max angesiedelt.

Die Beschäftigung mit dem „Vampyr“ lohnt sich

© Matthias Baus/Theater Koblenz

Szenenbild aus "Der Vampyr"

Der Vampyr/Theater Koblenz

Spannend wird es da, wo Marschner ganz originär komponiert, etwa in der tatsächlich gruseligen, lose auf einem Byron-Gedicht basierenden Erzählung des Vampirs, beim grotesken Trinkerquartett, vor allem bei Emmys Romanze. In dieser steckt bereits der halbe Wagner, Eriks Traumerzählung wie Sentas Ballade aus „ Der fliegende Holländer“. Allein dieses Stück lohnt die Beschäftigung mit dem „Vampyr“, zumal wenn es so innig, konzentriert und souverän dargeboten wird wie von Hana Lee. Musikalisch ist in Koblenz also vieles gelungen. Alle Beteiligten, auch und besonders Chor und Orchester, tun ihr Möglichstes und einiges darüber hinaus. Auf der Bühne muss die Lebenstüchtigkeit dieser doch recht bieder anmutenden Oper jedoch noch nachgewiesen werden.

Theater Koblenz
Marschner: Der Vampyr

Enrico Delamboye (Leitung), Markus Dietze (Regie), Dorit Lievenbrück (Bühne), Bernhard Hülfenhaus (Kostüme), Ulrich Zippelius (Chor), Bastiaan Everink, Iris Kupke, Tobias Haaks, Nico Wouterse, Hana Lee, Junho Lee, Irina Marinas, Jongmin Lim, Anne Catherine Wagner, Chor und Extrachor des Theaters Koblenz, Staatsorchester Rheinische Philharmonie

Termine: 6. (Premiere), 15., 22. & 26.5., 1., 4., 14., 20., 22. & 24.6.

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