Opern-Kritik: Theater Krefeld-Mönchengladbach – La sonnambula

Wenn die Nachtwandlerin erwacht

(Mönchengladbach, 21.5.2023) Regisseur Ansgar Weigner befragt für seinen Bellini die vom Libretto unerledigten Nebenstränge der Handlung. Dirigent Mihkel Kütson legt sich mit den Niederrheinischen Sinfonikern spannungsgeladen ins Zeug.

© Matthias Stutte

Ansgar Weigner lässt Vincenzo Bellinis „La sonnambula“ beinahe zum analytischen Drama mutieren

Ansgar Weigner lässt Vincenzo Bellinis „La sonnambula“ beinahe zum analytischen Drama mutieren

Hinter den Fassaden des Schweizer Bergdorfes brodelt es. Wetterwendisch hängen dessen Bewohnerinnen und Bewohner das Fähnchen der öffentlichen Meinung in den Wind, Verehrung schlägt umstandslos in Verdammung um, die Aussicht auf frohes Treiben beim Hochzeitsfest in den Skandal. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind instabil. Zwar ist die Macht des Adels weitgehend gebrochen, aber gänzlich abgewirtschaftet hat er noch nicht. Freilich sind bürgerliche Aufsteiger auf dem Vormarsch, sie verbergen ihren Reichtum hinter vorgeblichem Desinteresse am Materiellen und rigorosen Moralvorstellungen.

© Matthias Stutte

Szenenbild aus „La sonnambula“ am Theater Krefeld-Mönchengladbach

Szenenbild aus „La sonnambula“ am Theater Krefeld-Mönchengladbach

Regisseur Ansgar Weigner nähert sich dem Kern des Werks, indem er zunächst die vom Libretto unerledigten Nebenstränge der Handlung befragt. Denn unklar ist, weshalb sich Elvino von der Dorfwirtin Lisa trennte, der Sohn des Grafen einst das väterliche Schloss verließ, wer Aminas leibliche Mutter ist und wer das die Dörfler in Schrecken versetzende Gespenst. Letzteres deutet Weigner als Aminas verstorbene Mutter, die Tochter sieht er als deren uneheliches Kind vom Grafen. Dessen Sohn habe die Gegend verlassen, weil er den väterlichen Fehltritt nicht billigte. Aminas Mutter sei von der Dorfgemeinschaft in den Suizid getrieben worden. Um der kollektiven Selbstreinigung von diesem Vergehen willen sei Elvino zur Lösung seiner Beziehung zur Dorfwirtin und zum Heiratsantrag an Amina veranlasst worden. Sie solle erhalten, was ihrer Mutter nicht vergönnt gewesen sei, die beste Heiratspartie des ganzen Ortes. Indessen setze sie ihre vermeintliche Lasterhaftigkeit einem Kesseltreiben aus wie jenem, das sich einst gegen ihre Mutter richtete. Keine Frage, bei Weigner mutiert „La sonnambula“ zum beinahe analytischen Drama.

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Szenenbild aus „La sonnambula“ am Theater Krefeld-Mönchengladbach

Szenenbild aus „La sonnambula“ am Theater Krefeld-Mönchengladbach

Präzise Schilderung von individueller und kollektiver Psyche

Solcher Scharfsinn bekommt dem Werk, wenngleich sich nicht jede dieser Setzungen mit gleicher Evidenz erschließt. Begreiflich wird vor allem der Status der Titelfigur als zugleich Hätschelkind und Außenseiterin des Dorfes. Auch lassen sich Elvinos rigorose Begriffe von weiblicher Tugend samt seiner daraus folgenden Besitzansprüche und Eifersuchtstiraden über persönliche Charaktereigenschaften hinaus als ihm von der Dorfgemeinschaft zugewiesene Rolle auffassen. Dorfwirtin Lisa hat hinter den kollektiven Ansprüchen zurückzustehen. Weigner behält die Verbitterung der jungen Frau stets im Blick. Ob sie sich geben wird, nachdem die Titelfigur – gegen die Vorgabe des Librettos – sich final der Hochzeit mit Elvino verweigert und das Dorf verlassen hat, muss offen bleiben. Hermann Feuchters Bühne deutet klassizistische Architektur an. Schiebewände erlauben rasche Orts- und Perspektivwechsel. Die Räume erweitern den schmalen Ausschnitt von Caspar David Friedrichs „Frau am Fenster“. Susanne Hubrich kleidet Amina anfänglich denn auch wie auf Friedrichs Gemälde. Überhaupt verweisen sämtliche Kostüme auf die dem Bild und der Oper gemeinsame Entstehungszeit.

© Matthias Stutte

Szenenbild aus „La sonnambula“ am Theater Krefeld-Mönchengladbach

Szenenbild aus „La sonnambula“ am Theater Krefeld-Mönchengladbach

Stilsicherer Belcanto

Auch musikalisch weiß die Mönchengladbacher „Sonnambula“ zu gewinnen. Der Chor des Zweistädteinstituts unter Michael Preiser gewinnt bereits im ersten Akt zunehmend an Präsenz und Durchschlagskraft. Mit den Niederrheinischen Sinfonikern begleitet Mihkel Kütson das Bühnengeschehen sensibel und legt sich, wenn erfordert, spannungsgeladen ins Zeug. Sophie Witte spannt als Amina weite sangliche Bögen und beweist sich überaus koloraturgewandt. Für Elvino bietet Woongyi Lee erhebliche Strahlkraft auf. Indre Pelakauskaite gibt eine vokal gut fokussierte Lisa. Matthias Wippich ist ein weltmännisch-galanter Grafensohn Rodolfo.

Theater Krefeld-Mönchengladbach
Bellini: La sonnambula

Mihkel Kütson (Leitung), Ansgar Weigner (Regie), Hermann Feuchter (Bühnenbild), Susanne Hubrich (Kostüme), Michael Preiser (Chor), Sophie Witte, Woongyi Lee, Matthias Wippich, Janet Bartolova, Indre Pelakauskaite, Miha Brkinjač, Jakob Kleinschrot, Opernchor des Theaters Krefeld Mönchengladbach, Niederrheinische Sinfoniker

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