Philippe Manoury: Lab.Oratorium

Wenn der Wandel neue Identitäten schafft

Philippe Manourys „Lab.Oratorium“ gibt Geflüchteten und Angekommenen eine Stimme.

© Philippe Stirnweiss

Philippe Manoury

Philippe Manoury

„Identität“, das Motto des diesjährigen Internationalen Musikfests Hamburg, ist ein großes Wort. Und noch dazu eines, das sich schwer definieren lässt und seit jeher die Philosophen an den Rand ihrer Fähigkeiten brachte. Indes ist man sich weitläufig einig, dass sich die Identität eines Menschen auch aus dem Wechselspiel zwischen dem Individuum und der ihn umgebenden Gesellschaft bildet. Wobei sich daraus die ebenso schwer zu beantwortende Frage ergibt, wie weit man eine Einflussnahme von außen zulässt und wie sehr davon die eigene Identität beeinflusst wird. Gegen Ende des Musikfests befasst sich Philippe Manourys Komposition Lab.Oratorium mit genau dieser Frage.

Zwei Sängerinnen – beide auf ihre Art musikalische Grenzgängerinnen –, zwei Schauspieler, das Pariser Forschungsinstitut für Akustik und Musik (IRCAM), das SWR Vokalensemble, das Gürzenich Orchester Köln und der Hamburger „Chor zur Welt“: Diese gigantische, bunt schillernde Besetzung für das Werk ist an sich schon ein Statement zum Thema Identität, denn für den Dirigenten François-Xavier Roth wird es eine große wie auch großartige Herausforderung sein, aus dieser Vielzahl an Individuen und Ensembles eine künstlerische Einheit zu schaffen.

Zeitgenössische Bestandsaufnahme: Manourys Lab.Oratorium

Kernthema von Manourys ­Hybrid aus Schauspiel und Oratorium ist eine Bestandsaufnahme der Zivilisation unserer Zeit, die auch von Flucht und Vertreibung auf der einen und von Einwanderung auf der anderen Seite mitgeprägt ist. Der „Chor zur Welt“ ist das beste Beispiel dafür: 2016 als deutsch-syrischer Projektchor der Elbphilharmonie gegründet, vereint er derzeit rund sechzig Laiensänger aus fünfzehn verschiedenen Ländern – und niemand würde ernsthaft in Frage stellen, dass dieser Chor zum festen Bestandteil des Hamburger Kulturlebens geworden und damit auch Teil der städtischen Identität ist. Inszeniert wird der Abend von Nicolas Stemann, der, ausgehend von Gedichten von Ingeborg Bachmann, Worten von Elfriede Jelinek und dokumentarischem Material, den theatralischen Aspekt zum Konzertabend beisteuert. Für Stemann und Manoury ist dies bereits die zweite Zusammenarbeit: 2017 brachte das Duo das Musiktheater Kein Licht – ein Thinkspiel bei der Ruhrtriennale zur Uraufführung.

Kommentare sind geschlossen.