Opern-Kritik: Sächsische Staatsoper Dresden – Simon Boccanegra

Schwereloser Gesang der Düsternis

(Dresden, 30.5.2014) Christian Thielemann verzaubert Verdis Simon Boccanegra in Dresden

© Matthias Creutziger

Zeljko Lucic (Simon Boccanegra), Markus Marquardt (Paolo Albiani), Staatsopernchor

Enttäuschte, Beleidigte und Erniedrigte – in kaum einer anderen Verdioper wird so viel verletzt und gerächt wie in Simon Boccanegra. Der Kampf dieses unverhofft gewählten genuesischen Dogen um Frieden, Versöhnung und Liebe wird nur oberflächlich gesehen durch eine Intrige jäh gebrochen, vielmehr scheitert er an der Borniertheit leicht manipulierbarer Volksmassen, die sich in ethnische, soziale, kulturelle Kasten flüchten. Das jedenfalls ist Jan Philipp Glogers Semperopern-Lesart des Stücks, das überraschend selten auf deutschen Opernbühnen zu erleben ist.

In erster Linie liegt das wohl daran, dass zugunsten einer stark ausdifferenzierten Figurenführung erstaunlich wenig Platz bleibt für ein raumgreifendes Arienwesen. Vielmehr werden das mit sich selbst im Konflikt stehende Personal tiefenpsychologisch musikalisiert, in Tönen beschreibt Verdi meisterhaft den Zwiespalt der handelnden Antihelden, die einfach Menschen sind und daher unperfekt, zwar mehr oder weniger mit edler Gesinnung gesegnet, aber trotzdem Opfer ihrer Herkunft, ihrer Emotionen, ihrer Seele.

Pultlöwe Christian Thielemann

Es sollte zur Goldenen Regel des Musiktheaters erklärt werden: das Prinzip, einfach die Geschichte zu erzählen, wenn einem sonst nichts Brauchbares einfällt, was in diesem Fall auch gar nicht notwendig erscheint. Mit unprätentiösen Bildern vollzieht Gloger denn auch in der verkastelt-verwinkelten Enge seines Bühnenbildners Christof Hetzer geradlinig nach, was schon in der Musik beschrieben ist. Das trägt höchst selten zu einer größeren Erkenntnis bei, lässt dafür aber eine konzentrierte Einlassung auf die Tonporträts ungestört zu.

Und was wagt hier Pultlöwe Christian Thielemann – ein Wagnerdirigent vor einer Verdipartitur! Unerwartet schnörkellos zwingt der Chef seine Sächsische Staatskapelle mit eiserner Disziplin zu einem schwerelosen Gesang der Düsternis. Dieses Orchester kann mit einer stupenden Präzision spielen, die wirklich erschütternd ist – deswegen, weil solche Glücksmomente so selten sind, einerseits. Vor allem aber, weil die glühende, brodelnde, drohende Musik mit ihren fahlen Versatzstücken und dem leidgeprüften Psalmodieren fast mussorgksy-haft realistische Situationen suggeriert. Man könnte die Musiker auch konzertant spielen lassen – die Wirkung wäre praktisch dieselbe.

Musikalisch auf hohem Niveau

Wenn da nicht die exzellenten Solisten wären, allen voran ein körperlich und schauspielerisch unglaublich präsenter, dazu noch blitzsauber singender Zeljko Lucic in der Titelpartie. Wie dieser großartige Bariton allein schon mit stimmlichen Schattierungen seinen zwiespältigen Charakter zeichnet, ist wirklich wunderbar und kaum zu übertreffen. Man hört und sieht es ihm an, die schwache Stärke, die liebevolle Härte, den rachsüchtigen Friedenswillen. Lucic braucht gar keinen Regisseur, er setzt sich selbst in Szene. Dabei hat dieser Boccanegra ja eine fast undankbare Rolle, irrlichtert zwischen den Nebenfiguren wie zwischen seinen Stimmungen hin und her. Aber auch sein ewiger Gegenspieler Fiesco wird fabelhaft von Kwangchul Youn verkörpert, hier passt dieses Wort wie selten in einer Opernaufführung: Mit so viel Würde so verbohrt zu sein, das muss man erst verstehen, ehe man es wirklich singen kann.

Leichte Abstriche gibt es nur beim jugendlichen Liebespaar, das es natürlich im Vergleich zu den Hauptprotagonisten sehr schwer hat, auf diesem Niveau mitzuhalten. Insofern sind Maria Agresta als Amelia und Ramón Vargas als ihr Geliebter Adorno keinerlei Grund zum Jammern, nur verhaften sie mit ihren leicht silbrig verhangenen Stimmen doch im Sängerdasein und bleiben darstellerisch etwas hölzern. Naturgemäß gilt das auf der Opernbühne auch immer für den Chor, der aber seinerseits an der Semperoper mit einer schlagkräftigen Präzision aufwartet, dass jede Knickrigkeit philisterhaft wirken muss. Nein, diese Produktion lohnt sehr weite Wege und erfreut sich gottlob eines empathischen und anspruchsvollen Publikums. Denn Dresdens Boccanegra hat mit Unterhaltung nun wirklich rein gar nichts zu tun.

Sächsische Staatsoper Dresden

Verdi: Simon Boccanegra

 

Ausführende: Christian Thielemann (Leitung), Jan Philipp Gloger (Regie), Christof Hetzer (Bühne), Karin Jud (Kostüme), Zeljko Lucic, Kwangchul Youn, Markus Marquardt,  Andreas Bauer, Maria Agresta, Ramón Vargas, Sächsische Staatskapelle Dresden

Weitere Termine der Sächsischen Staatsoper Dresden finden Sie hier.

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