Opern-Kritik: Hamburgische Staatsoper – Stilles Meer

Stille Wasser sind seicht

(Hamburg, 24.1.2016) Kent Nagano dirigiert seine erste Uraufführung an der Elbe und beweist: Neue Musik kann auch ziemlich zahm klingen

© Arno Declair

Susanne Elmark, Mihoko Fujimura, Bejun Mehta

Endliche eine Uraufführung! Endlich wieder eine abendfüllende neue Oper an der Dammtorstraße. Mit einem zeitgenössischen Stoff – der Erdbeben-, Tsunami- und Reaktorkatastrophe von Fukushima, gattungstypisch verquirlt mit uralter japanischer Mythensuppe. Dazu mit einem Weltstar in einer für ihn maßgeschneiderten Rolle: Countertenor Bejun Mehta. Am Pult der neue Hamburger Generalmusikdirektor Kent Nagano. Nach den selten überraschenden Verdi-, Wagner, Strauss- und Britten-Exerzitien ihrer Vorgängerin Simone Young bringen Nagano und sein Intendantenkollege Georges Delnon das Haus wieder auf Kurs – den Kurs Richtung Zukunft, den die Staatsoper in der Ära des legendären Liebermann einst unbeirrt eingeschlagen hatte.

Kent Naganos ruhiges Leuchtenlassen der Musik

Die Rezepte für mehr Geist und mehr Wagemut, auch für wieder wirklich hochkarätige musikalische Qualität stimmen also. Letztere ist mit Nagano in besten Händen. Sein delikater Feinsinn und sein ruhiges Leuchtenlassen, seine gleichermaßen analytische wie einfühlende Haltung machen viele Momente der Partitur des aktuell bedeutendsten japanischen Neutöners Toshio Hosokawa zum Ereignis: die angstvollen Glissandi, das unter die Haut gehende Schlagzeug-Beben, die liegenden Töne der Ruhe vor und nach dem Sturm, aus denen sich zwitschernde Holzbläser wie einsam rufenden Laute der Natur abheben.

Stilles Requiem des Trostes

Das buddhistische Weltbild des ewigen Kreislaufs bestimmt auch das musikalische Selbstverständnis von Hosokawa. Der menschengemachte größte anzunehmende Unfall der Kernschmelze droht das ewige Werden und Vergehen zwar zu zerstören. Doch das Wasser als existenzielle Metapher des Lebens fließt und transformiert sich weiter. Der Japaner schreibt ein meist stilles, nachsinnendes Requiem des Trostes, einen Trauergesang für die Toten. Manchmal freilich verebbt die atmosphärische Dichte seines ruhigen Anteilnehmens ins filmmusikalisch Plakative. Oft sind die Endsilben des deutsch gesungenen Textes falsch betont. Trotz der komprimierten 90 pausenlosen Minuten hat der Abend so seine durchaus quälenden Längen.

Großartige Sänger der drei Hauptfiguren

Neben Naganos Autorität tragen die großartigen Sänger der drei Hauptfiguren den Abend: Susanne Elmark ist die mit schwebenden Soprantönen außer sich geratende deutsche Mutter Claudia, die bei der Katastrophe ihren japanischen Mann und ihren Sohn verloren hat , den sie nicht loslassen kann, immer wieder verdrängt sie die Wirklichkeit. Benjamin Britten hatte eben diese Konstellation in seiner Oper Curlew River auf Basis des No-Stücks Sumidagawa aufgegriffen, das nun auch Toshio Hosokawa in Stilles Meer einbaut, weit weniger dringlich und zu Herzen gehend indes als bei Britten. Bejun Mehta ist Claudias deutscher Ex-Mann Stephan, der sie überreden will, ins Leben und in ihre Heimat zurückzukehren. Angesichts seines legatoschmelzend berückenden, edel phrasierenden Counters mag man sich wundern, dass ihm dies nicht gelingt. Für Claudias japanische Schwägerin Haruko, die Mezzo Mihoko Fujimura mit fulminanter Wagnerröhre und echter Mütterlichkeit singt, ist die einzige dramatische Stimme des Stücks vorgesehen. Haruko versucht, durch Initiierung eines buddhistischen Rituals Claudias Seelenfrieden wiederherzustellen, Diesseits und Jenseits zu verbinden.

Das Libretto strotzt vor Banalitäten, Peinlichkeiten und hilflosen Dialogen

Nicht nur wirkt nun aber die Verquickung des jüngsten japanischen Unglücks mit  Mythos und Religion seltsam konstruiert, auch die Verknüpfung mit dem Schicksal einer Europäerin ist nur bemüht. Das Libretto strotzt vor Banalitäten, Peinlichkeiten und hilflosen Dialogen, es schwankt unentschieden zwischen dokumentarischem Realitätsbezug, Betroffenheitskitsch, Psychologisierungsversuchen und pseudobuddhistischen Weisheiten. Dramaturgisch ist hier also eigentlich keine Oper entstanden.

Bedeutungsschwangeres Stehtheater

Das Problem setzt sich in der Inszenierung fort, die außer einigen dekorativen Lichterstangen, in denen wir wohl die verglühenden Kernbrennstäbe erkennen dürfen, nichts zu bieten hat. Allenfalls sich bedeutungsschwanger gebendes, aber letztlich nur unbedeutendes Stehtheater hat Oriza Hirata da auf die Bühne gebracht. Von ihm stammt auch das japanische Originaltextbuch, von dem wir in der deutschen Librettofassung von Hannah Dübgen lieber weniger verstanden hätten, als dank der exzellenten Sänger zu verstehen war.

Hamburgische Staatsoper

Hosokawa: Stilles Meer

Ausführende: Kent Nagano (Leitung), Oriza Hirata (Inszenierung), Itaru Sugiyama (Bühne), Aya Masakane (Kostüme), Susanne Elmark, Mihoko Fujimura, Bejun Mehta, Philharmonisches Staatsorchester

Weitere Termine der Hamburgischen Staatsoper finden Sie hier.

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